
Klein von Gestalt, ist und bleibt Dom Helder Camara einer der ganz Großen der Christenheit im 20. Jahrhundert. Er war ein Prophet und ein Wegbereiter der brasilianischen Kirche, ein Fürsprecher und Verteidiger der Armen, ein Lehrer des Betens und ein Optimist Gottes. Mit dem am 24. März 1980 ermordeten Erzbischof Oscar Arnulfo Romero aus El Salvador wurde Dom Hélder zum Inbegriff jenes Aufbruches der lateinamerikanischen Kirche nach dem II. Vatikanischen Konzil, der mit den Basisgemeinden und der „Option für die Armen“ die Weltkirche veränderte.
Helder Camara wurde am 7. Februar 1909 als elftes von 13 Kindern in Fortaleza im Nordosten Brasiliens geboren und 1931, erst 22 Jahre alt, zum Priester geweiht. Hochbegabt, ein geborener Organisator, mutig und unermüdlich wie er war, betraute ihn sein Bischof mit dem Aufbau katholischer Organisationen zunächst im heimatlichen Bundesstaat Ceará , dann in der damaligen Hauptstadt Rio de Janeiro. Padre Helder förderte die Sozialen Wochen, auf denen Laien, Ordensleute, Priester und Bischöfe über die Probleme des Landes und die Aufgaben der Kirche debattierten. 1952 gelang ihm ein entscheidender Schritt für eine bessere Zusammenarbeit innerhalb der Kirche in Brasilien: Die römische Kurie genehmigte die Gründung der Brasilianischen Bischofskonferenz CNBB. Dom Hélder, so sein Name, seit er im selben Jahr zum Weihbischof geweiht wurde, war ihr erster Generalsekretär. 1955 organisierte er den 36. Internationalen Eucharistischen Kongress in Rio de Janeiro und nutzte die Gunst der Gelegenheit des Zusammentreffens so vieler lateinamerikanischer Bischöfe zur Gründung des Lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM am Ende des Kongresses.
Der für ihn wichtigste Moment der Großveranstaltung war eine Frage, die Kardinal Pierre-Marie Gerlier von Lyon ihm stellte: „Wie kann es angehen, dass wir alle den Eucharistischen Christus in unserer Mitte verehren und den Christus übersehen, der buchstäblich am Rande lebt, in den Armen in den Favelas von Rio de Janeiro?“ Diese Frage, so bezeugt Dom Helder, veränderte sein Leben. Fortan stellte er seine immense Arbeitskraft, sein Organisationstalent und sein Charisma in den Dienst der Armen. Schritt für Schritt löste er sich vom Assistentialismus, d.h. von der Vorstellung, Armut könne dadurch überwunden werden, indem man den Armen mildtätig beisteht. 1958 arbeiteten Dom Helder und andere junge Bischöfe den Entwurf für einen ersten Gesamtpastoralplan der CNBB aus: Die Kirche müsse sich auch für die Landreform engagieren, beim Aufbau von Radioschulen, in der Alphabetisierung durch die Bewegung für Basiserziehung und die Anfänge der Basisgemeinden unterstützen.
1964, im Jahr des Militärputsches, wurde Dom Helder zum Erzbischof von Olinda und Recife ernannt, kehrte also in seinen geliebten Nordosten zurück und setzte am armen Rand Brasiliens fort, was er in der Metropole begonnen hatte: den Kampf für die Armen und für Gerechtigkeit. Denn es war ein Kampf: Was ihm hierzulande Bewunderung einbrachte, trug ihm in der Heimat von Seiten der Diktatur und vieler der Reichen, denen er ins Gewissen redete und - schlimmer noch - das provozierende Beispiel eines einfachen Lebens vorlebte, Hass und Feindschaft ein.
76-jährig trat Dom Helder 1985 vom Amt des Erzbischofs zurück. Er starb am 27. August 1999 in Recife.
Als ein wegweisender Prophet lebt er in der Erinnerung, ja: der Verehrung der Christen in Brasilien - und als ein Optimist Gottes, der Gottes Geist mehr vertraute als den Mühlen des Jammerns, und als ein Lehrer des Betens: Dom Helder war ein begnadeter geistlicher Schriftsteller, dessen Meditationen ihre Leser packen und prägen. Sein Zeugnis, dass gesellschaftliches Engagement und die Verkündigung des Evangeliums, dass Mystik und Politik untrennbar zusammengehören, ist sein Vermächtnis.
Michael Huhn