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Zitate von Dom Helder Camara

Wann wird die Einsicht dämmern, dass eine Stadt in erster Linie durch den Mangel an Menschlichkeit zu einer hässlichen Stadt wird?
(aus: Helder Camara, Stimme der stummen Welt, Zürich 1989, S. 22)


Wenn ein Mensch mit seinem Fingerabdruck ein Dokument zeichnen muss, weil er nicht schreiben kann – vielleicht ein für ihn entscheidendes Dokument, das er anstarrt, ohne irgend etwas zu verstehen, wenn er seine intimsten Gefühle für die ihm teuersten Menschen nicht in einem Brief ausdrücken kann und unfähig ist, die lieben Briefe zu lesen, die er erhält, dann versinkt er im Schweigen, das heißt: er ist einem Gefühl der Minderwertigkeit ausgeliefert.
(aus: Helder Camara, Stimme der stummen Welt, Zürich 1989, S. 24f.)


Wie schwer ist es doch, die Schranken der Hilfsaktionen, der milden Gaben, des kleinlichen Helfens
zu überschreiten – und die Gerechtigkeit selbst einzuholen!
Die Privilegierten werden gereizt, fühlen sich falsch beurteilt, entdecken Umsturz und Kommunismus.
(aus: Helder Camara, Stimme der stummen Welt, Zürich 1989, S. 36)


Wenn es den Kirchen gelingen würde, ihr Zeugnis aus den Verstrickungen des Geldes zu befreien!
Wenn wir, die wir die andern bekehren wollen, persönlich, authentisch, ein Beispiel tiefer innerer Bekehrung geben würden!
(aus: Helder Camara, Stimme der stummen Welt, Zürich 1989, S. 37)


Wäre ich vor der Erschaffung der Welt an Deiner Seite gewesen, Herr, ich hätte Dir gerne geholfen:
So bescheiden bist Du.
Wenn irgendein Zweifel Dich nur im geringsten bewogen hätte, nichts zu erschaffen, ich hätte gesagt:
Es ist wahr, mein Gott, die Schöpfung, die von Dir ausgeht, wird Deine Einheit durchbrechen.
Sie wird notgedrungen vielfältig sein, mit Grenzen, beschränkt, unvollkommen.
Doch zögere nicht, mein Gott!

Entscheide Dich doch, den Menschen zu schaffen, den kleinen Wurm dieser Erde,
auch sie natürlich, die Erde, das Körnchen Staub.
Entscheide Dich doch, den Menschen zu schaffen, den Mitgestalter an Deiner Seite.

Entscheide Dich doch, den Menschen zu schaffen, das hilfsbedürftige Wesen:
den Beherrscher der Natur, Deinen Planer und Erben.
(aus: Helder Camara, Stimme der stummen Welt, Zürich 1989, S. 47f.)


Mensch, mein Bruder, die ganze Schöpfung betrachtet dich.
Ja, weit stößt du vor mit deinem Verstand.
Ist das dein Glück?
Ja, weit stößt du vor mit deinem Verstand
im Hirn des Computers,
auf Reisen im Weltall
mit neuen Flugschiffen.

Mensch, mein Bruder, die ganze Schöpfung besieht und bewundert dich.
Wie weit kommst du mit dem Egoismus voran!
So weit, dass du deine Würde verlierst, die herrliche, fast skandalöse Bevorzugung durch deinen Gott.

Er, der Herr,
statt dich zu verdammen, dich auszulöschen,
hat seinen einzigen Sohn auf dieses Staubkorn Erde gesandt.
Und Gottes Sohn, ohne sich zu verleugnen, macht sich zum Menschen.
Gott bleibt Gott und macht sich Mensch.

Mensch, mein Bruder, 2000 Jahre nach Christus ist die Bilanz erschreckend.

Was tust du mit jenen Zweidritteln Lateinamerikas, die unterjocht und verfolgt sind?
Und die Musik, die Musik! Erstickt im Chaos der Waffen!
Lateinamerika: der christliche Stadtrand der armen Welt,
gestampfte Erde für Kinder im Sonnenlicht,
das bald vergeht, um nie mehr zu scheinen.
Was hast du getan?
(aus: Helder Camara, Stimme der stummen Welt, Zürich 1989, S. 50-53)


Inmitten der Nacht:
Da schreit der Chor der Pessimisten:
„Alle Worte der Gerechtigkeit, die Worte von Licht und Frieden, all diese Naivitäten,
sie werden zerfallen unter dem Druck der brutalen, düsteren Wirklichkeit, die sich ständig verdüstert.“
Es stimmt, Herrgott, wir haben Mitternacht auf der Welt, dunkle Nacht.

Herr, du wurdest geboren inmitten der Nacht,
weil die Nacht das Morgenrot bringt.

Inmitten der Nacht ist die Hoffnung zu finden,
die trockene Tinte im alten Gefäß.

Je dunkler die Nacht, umso heller der Morgen.
Das Gestern, es ist schon vergessen, wenn das Heute vom Tode ersteht.
(aus: Helder Camara, Stimme der stummen Welt, Zürich 1989, S. 71f)


Herr, wenn das Kreuz nackt auf uns fällt, zermalmt es uns.
Wenn mit dem Kreuz Du kommst, küsst Du uns.
(aus: Helder Camara, Stimme der stummen Welt, Zürich 1989, S. 93)


Zehn Gebote für die Männer in den Favelas
-von Dom Helder Camara 1956, in seiner Zeit als Weihbischof in Rio de Janeiro, formuliert-

1. Ein Mann - ein Wort.

2. Hilf deinem Nachbarn.

3. Seine Frau zu schlagen, ist feige.

4. Ohne Beispiel keine Erziehung.

5. Ein Mann trinkt nicht bis zur Bewusstlosigkeit.

6. Spiele um Geld werden verbannt. Fußballspielen ist gestattet.

7. Es ist nicht schwierig, anderen Befehle zu erteilen. Schwierig ist es, sich selbst zu gehorchen.

8. Der Kommunismus löst nichts.

9. Ich will mein Recht. Also tue ich meine Pflicht.

10. Wir sind nichts ohne Gott.
(aus: Helder Camara, Stimme der stummen Welt, Zürich 1989, S. 14)


Jung ist, wer Lebensziele hat.
(aus: Helder Camara, Meditation für dies Jahrhundert, Wuppertal 1984, S. 26)


Ein Morgengebet

Ich hatte gefürchtet,
dass die Wolkenkratzer mit all ihrem Beton
die Morgenröte verletzen könnten.

Aber man muss gesehen haben,
wie empfänglich sie sind für das Morgenlicht:
wie sie die Waffen strecken,
wie sie ihre Schärfe verlieren
und ihre Seele aus Eisen!

Sie lassen sich einhüllen vom unwiderstehlichen Zauber der heiligen Stunde,
wenn die ganze Natur sich aufrafft und das Lied der Geschöpfe anstimmt.

Der Mensch spannt Telefondrähte quer durch die ganze Stadt
und gibt keine Ruhe,
ehe er nicht die ganze Welt in Rufweite hat.
Das Radio, das keiner Drähte bedarf, reizt und verlockt zu noch mehr Geschwätz.
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 4)


Mit gefalteten Händen kann man weit mehr bewirken als mit tätigen Händen.
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 9)


Wenn dein Boot, seit langem im Hafen vor Anker, dir den Anschein einer Behausung erweckt,
wenn dein Boot Wurzeln zu schlagen beginnt in der Unbeweglichkeit des Kais:
such das Weite.
Um jeden Preis müssen die reiselustige Seele deines Bootes und deine Pilgerseele bewahrt bleiben.
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 14)


In der Erwartung, sein Amt abgeben zu müssen, lässt ein Minister die Schubladen räumen, die Papiere sichten, im ganzen Haus Ordnung schaffen.
Welch ein Fingerzeig für Eintagsfliegen unter der ständigen Drohung, weit mehr als ein Ministerium räumen zu müssen: das Leben.
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 18)


Ich liebe die Blumen immer mehr. Sie reden mir von der Hinfälligkeit des Lebens und stellen mich, von Angesicht zu Angesicht, vor die Ewigkeit.
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 21)


Jugend und Alter sind nur Wegstrecken zur Ewigkeit.
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 23)


Unter allen Lehren, die Du uns erteilst, ist eine so wichtig, dass ich über ihr die andern vergesse:
Lehr mich, das Unendliche zu erreichen,
jenes Licht am Horizont,
das dem Himmel hilft, zur Erde herabzusteigen,
und der Erde, sich zum Himmel zu erheben.
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 24)


Klavier vierhändig?
Ich träume von viel mehr:
von einer tausendhändigen Musik,
von einer Harmonie ganzer Welten.
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 31)


Ich bete unaufhörlich für die Bekehrung des Bruders des verlorenen Sohnes.
Der erste ist aufgewacht aus seiner Sünde.
Der zweite - wann wird er aufwachen aus seiner Tugend?
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 35)


Die Menschen belasten dich?
Trag sie nicht auf den Schultern.
Schließ sie in dein Herz.
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 38)


Lass dich nicht hin- und herzerren zwischen gestern und morgen.
Lebe immer und einzig das göttliche Heute.
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 39)


Der Lärm, der uns hindert, die Stimme Gottes zu hören,
ist nicht, wirklich nicht,
das Geschrei der Menschen
oder das Fiebern der Städte
und noch weniger das Sausen der Winde
oder das Plätschern der Wasser.
Der Lärm, der die göttliche Stimme erstickt,
ist der innere Aufruhr
gekränkter Eigenliebe,
erwachenden Argwohns,
unermüdlichen Ehrgeizes.
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 42)


Sag ja zu den Überraschungen,
die deine Pläne durchkreuzen,
deine Träume zunichtemachen,
deinem Tag eine ganz andere Richtung geben –
ja vielleicht deinem Leben.
Sie sind nicht Zufall.
Lass dem himmlischen Vater die Freiheit, deine Tage zu bestimmen.
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 44)


Ich darf nicht die Tür sein, durch die der Nächste geht,
darf ihn nicht zu mir rufen,
ihn verpflichten, meine Wege zu gehen,
meine Zugänge zu den seinen zu machen,
von meinen Schlüsseln abhängig zu sein.
Wenn meine Türe Christus ist, kommt es darauf an, einem jeden Bruder zu helfen, dass er den Weg zum Vater findet, auf dem er er-selbst bleibt.
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 45)


Dieses verschwollene Gesicht,
schmutzig,
schweißbedeckt,
gezeichnet von Stürzen oder Schlägen –
ist es das Gesicht eines Trinkers, eines Bettlers,
oder stehen wir gar auf dem Kalvarienberg
und blicken dem Gottessohn ins heilige Antlitz?
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 47)


Hab Mitleid, o Herr,
und hege eine ganz besondere Zuneigung zu den so logischen, praktischen, so realistischen Leuten,
die sich darüber ärgern,
dass einer an das blaue Pferdchen glauben kann.
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 50)


Notwendig ist es, ja dringend, von Deiner Gegenwart im Sakrament überzugehen zu Deiner Gegenwart, einer ebenso realen, im Abendmahl des Armen.
Weh dem, der sich von Dir nährt und dann keine offenen Augen hat, um Dich zu entdecken,
wie Du Dir im Müll Deine Nahrung suchst,
von überall verstoßen,
wie Du unter dem Zeichen völliger Unsicherheit lebst.
(aus: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1981, 61)


Wenn ich nur könnte, läuteten, wenn der Tag sich neigt, die Glocken von allen Kirchtürmen zum „Angelus“ und lüden uns ein, an Gott zu denken, ein Gebet zu sprechen.
(aus: Helder Camara, Der Traum von einer anderen Welt, München 1987, S. 18)


In der Geste des Pflanzenbegießens liegt ein starker Ausdruck. Man müsste ihn viel mehr verbreiten und seine Freunde - und vor allem die Ehe- und Brautleute! - daran erinnern, dass die Liebe wie eine zarte Pflanze begossen sein will.
(aus: Helder Camara, Der Traum von einer anderen Welt, München 1987, S. 19)


Auf und ab, hinabsteigen und herunterkommen! Zwei Gesten, die uns inspirieren können.
Hinaufsteigen, ohne schwindlig zu werden, ohne sich größer und besser zu dünken.
Herunterkommen: Das erinnert uns an den großen Abstieg, an Gottes Sohn, der Mensch und unser Bruder werden wollte. Hinabsteigen, leichten und frohen Herzens, um näher bei den kleinen und einfachen Leuten zu sein.
(aus: Helder Camara, Der Traum von einer anderen Welt, München 1987, S. 19f.)


„Erhebet die Herzen!“ - Diese Einladung in der Messe hört sich leicht an. Aber haben Sie schon einmal versucht, Herzen sich erheben zu lassen? Manche Herzen sind voller Bitterkeit, Auflehnung und Hass. Welch eine Last ist doch der Neid! Welch eine Last ist doch der Stolz, der Hochmut, die Eitelkeit!
Erhebet die Herzen! Jedesmal, wenn wir diese Worte hören, wollen wir auch an die denken, deren Herz am Boden zertreten ist, die mutlos sind, keine Hoffnung haben und keinen Grund mehr zu leben.
(aus: Helder Camara, Der Traum von einer anderen Welt, München 1987, S. 28f.)


Du bringst meine Bequemlichkeit durcheinander, Herr,
erschütterst mein Selbstvertrauen,
lachst über meinen unangebrachten Stolz
und bringst zu Fall meine Planungen, Träume und Ambitionen.
Wenn dann alles verloren scheint,
richtest Du alles wieder mit Deiner ganzen Intelligenz und all Deiner Liebe,
als hättest Du nichts anderes zu tun,
Herr, Gott des Alls.
(aus: Helder Camara, Der Traum von einer anderen Welt, München 1987, S. 47f.)


Ich glaube an die Kraft des Gebetes.
Wenn Gott nicht direkt das gibt, um was wir Ihn bitten, dann gibt Er mehr und Besseres. Im Moment begreift man Ihn nicht, hadert mit Ihm.
Als alter Mann, der im vierten Jahrzehnt Bischof und über fünfzig Jahre Priester ist, wage ich zu sagen, dass ich Gott in meinem Leben noch nicht einen einzigen Fehler habe begehen sehen.
(aus: Helder Camara, Der Traum von einer anderen Welt, München 1987, S. 51f.)


Mit welchen Worten gebietet Jesus uns, die Mitmenschen zu lieben? Er sagt: Wir sollen den Nächsten lieben. Das ist das Problem.
Wir lassen uns leicht rühren, wenn wir von einem Unglück in einem fernen Land hören, wo Tausende obdachlos geworden sind.
Schwierig, ja hart ist es, den zu lieben, der in unserer Nähe wohnt: den Nachbarn, den Arbeitskollegen oder das Gemeindemitglied.
(aus: Helder Camara, Der Traum von einer anderen Welt, München 1987, S. 54f.)


Manche Menschen finden die Vorstellung empörend, der Mensch könne eines Tages im Labor Leben herstellen. Gewiss: Der Mensch allein, aus eigener Kraft nie! Aber Gott lässt den Menschen an Seiner göttlichen Natur und Schöpfermacht teilhaben. Warum sollte man sich einen eifersüchtigen Gott vorstellen, der Angst davor hätte, der Mensch könnte Ihn in den Schatten stellen?
(aus: Helder Camara, Der Traum von einer anderen Welt, München 1987, S. 68)


Ich habe Mitleid, Herr, mit den Hungernden.
Größeres Mitleid aber habe ich mit den Satten, die sterben an Überdruss und Langeweile.
(aus: Helder Camara, Der Traum von einer anderen Welt, München 1987, S. 71)


Welch eine Freude, in aller Herrgottsfrühe aufzuwachen, beim ersten Hahnenschrei, und den Hähnen noch helfen zu können, die Morgenröte hervorzulocken.
Welch eine Freude ist es da, gläubig zu sein und schon im Moment des Aufwachens die ersten Minuten des neuen Tages dem Schöpfer und Vater aufopfern zu können.
(aus: Helder Camara, Der Traum von einer anderen Welt, München 1987, S. 77)


Vermeintlich verlassen

Wie kannst du, alleinstehender Baum,
so weiche Blätter hervorbringen
und Blumen, so fröhlich und schön?
Setzt dir denn dies Alleinsein nicht zu?
Lässt dich das Fehlen von Freunden nicht verdorren?
Oder sagst du, du genügtest dir selbst,
brauchtest keinen Freund, keinen Bruder?

Vielleicht ist deine Einsamkeit nur scheinbar:
Deine Wurzeln verbinden dich mit der Erde,
die Luft umgibt dich ganz,
Vögel kehren bei dir ein,
Wanderern bietest du Schatten,
der Himmel ist dein Gegenüber,
und du spürst, dass ununterbrochen Gottes Blick auf dir ruht.
(aus: Helder Camara, Der Traum von einer anderen Welt, München 1987, S. 88f.)


Verzeih, linke Hand

Verzeih, linke Hand, wenn du ewig die zweite bist.
Es tut gut zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit
du deiner Schwester, der rechten Hand, auf den leisesten Wink hin behilflich bist
und wie fremd dir Empfindlichkeit und Bitternis, Komplikationen und Komplexe sind.

Gott bewahre mich davor, der linken Hand zu raten, die Haltung einer Sklavin einzunehmen oder gar die Fußmatte zu spielen. Dennoch meine ich der geliebten linken Hand sagen zu dürfen, dass ihr Zauber in ihrer Einfachheit, Selbstlosigkeit und Unempfindlichkeit besteht.
Je weniger Sie sich darum sorgen hervorzutreten, desto größer sind Sie.
Mit freundschaftlicher Hochachtung grüße ich Millionen von Menschen, die in ihrem Leben den Auftrag haben, linke Hand zu sein.
(aus: Helder Camara, Der Traum von einer anderen Welt, München 1987, S. 79)


Überflüssig

Wenn du siehst, wie von einem Neubau das Gerüst entfernt wird,
dann betrachte - natürlich - das neue Gebäude.
Aber denke auch an das Gerüst,
denn es ist bitter, dem Bau als notwendiges Hilfsmittel zu dienen
und, zur Feier der Eröffnung, im Materialdepot zu verschwinden.

Übrigbleiben, überflüssig sein! Wie bitter es sein muss, überflüssig zu werden. Es gibt kaum etwas Traurigeres als das.
Die alte Dame war auch mal jung, kräftig, hübsch und voller Leben. Der Mittelpunkt der Familie. Ihre ganze Sorge galt den Kindern. Aus den Kindern wurden junge Mädchen und junge Männer, die heirateten und aus dem Haus zogen. Die Kinder erinnern sich kaum an die Plackerei ihrer Mutter und an all die Opfer, die sie ihr Leben lang gebracht hat.
(aus: Helder Camara, Der Traum von einer anderen Welt, München 1987, S. 82f.)


Alter Wein

Jetzt,
da das Alter kommt,
muss ich vom Wein lernen,
mit den Jahren besser zu werden
und vor allem der schrecklichen Gefahr zu entgehen,
mit dem Alter
zu Essig zu werden.
(aus: Helder Camara, Der Traum von einer anderen Welt, München 1987, S. 84)


Zusammenstellung: Michael Huhn, 19. Januar 2009