Im Bistum Parnaiba in Cajueiro da Praia – Piaui, Brasilien sind Bischof Franz-Josef Overbeck und Christian Frevel zu Gast gewesen bei Padre Lotario Weber, 87 Jahre und seit 48 Jahren in Brasilien und Pfarrer Enrique Hegemann, der vor 20 Jahren nach Brasilien gekommen ist.
Ein sonniger Morgen, strahlend blauer Himmel – Mittwoch, 30. November 2011. Indigene der Ethnie Guarani-Kaiowá kommen von überall her, vom Norden, Süden, Osten und Westen des Bundesstaates Mato Grosso do Sul. Verwandte der Ethnie Terena, Vertreter anderer indigener Völker des Bundesstaates, der APIB (Articulação dos Povos Indigenas do Brasil, Verband der Indigenen Völker Brasiliens), der COIAB (Coordenação das Organizações Indigenas da Amazônia Brasileira, Koordination der Indigenen Organisationen des Brasilianischen Amazoniens), ARPINSUL (Articulação dos Povos Indigenas da Região Sul, Verband der Indigenen Völker der Region Süden) kommen dazu, sowie Aktivisten von Sozial- und Studentenbewegungen und offizielle Vertreter verschiedener Bundesorgane aus der Hauptstadt Brasília.
Christian Frevel ist weiter mit Bischof Franz-Josef Overbeck aus Essen in Brasilien unterwegs. In Codó – Maranhão, Brasilien haben Sie einen Priester, Padre Carlos aus Deutschland, besucht, der seit 1992 in Brasilien lebt.
Mit Pfarrer Norbert Nikolai fahren Bischof Franz-Josef Overbeck und ich zum Gefängnis im Stadtteil Lurigancho. Der Knast ist mit 7.500 Einsitzenden nicht nur der größe Limas, sondern in ganz Peru. „Noch vor drei Jahren war es hier weitaus schlimmer“, versucht P. Nikolai uns vorzubereiten – da lebten hier mehr als 10.000 Gefangene. Inzwischen wurden im Landesinneren weitere Gefängnisse gebaut, und so kommen nicht mehr so viele nach Lurigancho. „An der Situation der Strafverfolgung und den Haftbedingungen hat das allerdings kaum etwas verändert“, sagt P. Nikolai.
Der Fidei-Donum-Priester ist seit fast zwei Jahren Gefängnisseelsorger in Lurigancho – eine Aufgabe, die er „mit ganzem Herzen und vollem Einsatz“ leistet, wie Bischof Norbert Strothmann sagte. Bei ihm, dem für Lurigancho zuständigen Diözesanbischof, haben wir übernachten können. Norbert Nikolai kennt die Prozeduren am Eingang: Passnummern notieren, Pässe abgeben, Fingerabdrücke der Besucher … Wir hatten schon zuvor einen Besucherantrag gestellt, so dass dies reibungslos funktioniert.
Doch das Gefängnis ist ein Albtraum. Gebaut wurde es vor gut 40 Jahren für 1800 Häftlinge. Eine harte Sicherheitspolitik und eine überforderte Justiz führen dazu, dass auch Ersttäter und Kleinstkriminelle hohe Haftstrafen bekommen und zur Überfüllung der peruanischen Gefängnisse beitragen. Zudem sind Untersuchungshäftlinge und verurteilte Täter in den gleichen Trakten untergebracht: Lurigancho sei eine „Schule für künftige Täter“, urteilte gestern Bischof Norbert Strothmann.
Im Lurigancho-Gefängnis geht es mehr als beengt zu und her. Die meisten Häftlinge schlafen in Massenlagern oder in Matratzen auf den Gängen. Eine eigene Zelle ist ein Luxus, der mit Geld erkauft werden muss. So wie fast alles hier: Essen, Toilettenartikel, aber auch ein Gerichtsurteil oder eine Hafterleichterung. Und natürlich die verbotenen Dinge: ein Handy, Messer, Drogen, Alkohol, eine Pistole. Korruption ist bei den Polizisten und Justizvollzugsbeamten gang und gäbe. Deswegen ist es so einfach, im Gefängnis an Drogen und Waffen zu kommen. Wirklich schwer ist es dagegen, wieder aus dem Gefängnis rauszukommen. Gut 18 Monate vergehen im Durchschnitt, bis ein Untersuchungsgefangener sein Urteil erhält.
Der große Mittelgang, auf den die Gefängnistrakte (verniedlichend Pavillons genannt) führen, gleicht einem Marktplatz. Nicht umsonst nennen die Häftlinge ihn „Jirón de la Unión“, wie der gleichnamige Prachtboulevard in der Altstadt Limas. Hier wird alles angeboten, was noch einen Abnehmer finden könnte: alte Schrauben, Radioersatzteile, Zucker, Zahnbürsten, Schnürsenkel, selbsthergestellte Keramikarbeiten. Etwas versteckter läuft der illegale Handel ab. Auf der Wand mitten im „Jirón de la Unión“ erscheint ein Wandbild. Es zeigt das Portrait einer jungen australischen Ordensfrau, Juana Sawyer. Sie wurde vor gut 20 Jahren, zusammen mit einer anderen Ordensfrau, von eine Gruppe Häftlinge als Geisel genommen. Die Polizei schoss die Aufständischen nieder und Schwester Juana Sawyer gleich mit dazu. Die zweite Geisel, jene, die damals überlebt hat, heißt Ana Marzolo, ist Maristenschwester aus den USA und lässt sich bis heute von den Gefängnisbesuchen nicht abhalten. Zwei Geiselnahmen hat die Künstlerin und Therapeutin überstanden. Die kleine, schlanke, 70-jährige Ordensfrau im langen Jeansrock mit Blümchenstickereien ist überzeugt, dass hier im Gefängnis Gott gegenwärtig ist: „Gott ist da in diesen Menschen, die alle Opfer waren, bevor sie dann andere zu ihren Opfern machten“.
Das Team der Gefängnispastoral beim Mittagessen im Gefängnis von Lurgancho in Lima.
Heute leitet Schwester Ana im Gefängnis Therapiegruppen, in denen die Häftlinge wieder mit ihren Gefühlen in Kontakt kommen können. Zwei andere Ordensfrauen und ein gutes Dutzend Laien sind das Team der Gefangenenpastoral, das Norbert Nikolai leitet. Sie haben mitten im Chaos des Gefängnisses einen Freiraum geschaffen, der Ruhe und Besinnung bietet, aber auch Fortbildung und Vorbereitung auf die „Zeit danach“. Es gibt Gesprächskreise, Kunst-Workshops, einen Garten sowie einen Stall, in dem Kaninchen und Meerschweinchen gezüchtet werden (beides sind feste Bestandteile der peruanischen Küche). Das Team organisiert Rechtshilfeberatung, eine Bibliothek und bietet Bildungsmöglichkeiten an. Es sorgt sich um die Gesundheitsversorgung der über 20% Tbc- oder HIV-infizierten Gefangenen. Und sie bieten spirituelle Begleitung an. „Ich frage nicht, was der Einzelne verbrochen hat, das ist mir egal“, sagt Schwester Ana. „Für ihre Taten sind diese Menschen verurteilt. Uns geht es hier um den Menschen, um die Würde eines jeden Einzelnen, was auch immer er getan hat.“ Die Gefangenen nähmen dies manchmal verwundert auf, viele hätten niemals diese Art Zuwendung erhalten, weiß Norbert Nikolai. Eine große Kirche gehört ebenso zum Gefängnis: Im Gottesdienst seien rund 400 Gefangene anwesend, berichtet er.
Wir besuchen einen der „Pavillons“. Jeder hat seinen gewählten Vertreter, der wiederum den Kontakt zur Gefängnisverwaltung und –aufsicht hält. Was sich demokratisch anhört, ist eigentlich ein Geschäft: Ohne die Pavillon-Aufseher funktioniert hier nichts, sie entscheiden, wer wann und wie viel Essen erhält, lassen sich „Dienstleistungen“ bezahlen und gelten als das korrupteste Element im Knast.
In einem Pavillon des Gefängnisses Lurigancho: Die Wohnräume sind völlig überfüllt.
Die Schlafräume sind eng, in dem rund 40 Quadratmeter großen Raum, den wir besuchen, schlafen mehr als 20 Personen. Viele der Gefangenen sind von der Gewalt im Knast gezeichnet, frische Wunden und Hämatome zeugen von den täglichen Schlägereien. Norbert Nikolai, von großer, kräftiger Statur, wird von allen Gefangenen akzeptiert und akzeptiert, ja, es scheint fast so, als sei er der Freund aller. Dennoch weiß der Gefängnisseelsorger die Distanz zu wahren: „Du darfst dich nicht zum Freund einer Gruppe machen, denn dann wirst du man zum Teil des Systems.“ Für alle ein offenes Ohr zu haben, Hilfe anzubieten, Alternativen zur Gewalt und zum Verbrechen aufzuzeigen: das sieht er als seine Berufung an.
Heute bin ich von meiner Lateinamerika-Reise heimgekehrt. Zusammen mit unserem Argentinien-Referenten Michael Kuhnert und FSJlerin Eva Bodenmüller habe ich Journalisten Projekte in Argentinien und Paraguay gezeigt. Länderreferent Klemens Paffhausen hat uns im Anschluss in Brasilien begleitet. Die zehn Tage fühlen sich an wie zehn Wochen, so voll bin ich. Voll von Lateinamerika.
Ich liege schlaflos im Bett und sehe die Frauen und Männer, die uns ihre Geschichten erzählt haben vor meinem inneren Auge: Carlos, Perez, Taty, Ana Maria, Christl, Luiz, Mabel, Cicera, Maribel, … Menschen, die trotz Folter, Vertreibung, Armut oder Prostitution ganz geblieben sind. Menschen, die kämpfen. Für Gerechtigkeit, Freiheit, ein besseres Leben. Menschen, die von innen heraus strahlen.
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Hingehört...
Wir haben Himmel und Hölle auf Erden gesehen. Das ist Lateinamerika – Kontinent der Gegensätze. Ich hoffe, dass die Reise Früchte trägt – in Form von Agenturmeldungen, Reportagen, Features, Radiobeiträgen, Magazinsendungen und Fotos etwa. Und ich wünsche mir auch, dass der Stachel Lateinamerika die Journalisten noch lange piekt.
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Hingeschaut ...
Die Hörtipps werde ich immer in der Rubrik Termine auf adveniat.de und blickpunkt.de veröffentlichen. Folgende Sendungen stehen bereits fest: Am 11. Dezember von 12 Uhr bis 12.30 Uhr heißt es bei Claudia Christophersen im SWR: „Trotz Tango und Samba zur Armut verdammt“ und von 12 bis 13 Uhr beantwortet Michael Kuhnert im WDR 2 die Sonntagsfragen von Gisela Steinhauer. Am 22. Dezember ist Lateinamerika von 20 bis 21 Uhr Radiothema auf Bayern 2. Die Beiträge können auch online angehört werden. Also, Radio an – und lasst Euch vom Stachel Lateinamerika pieken!