Argentinien: 40 gegrillte Hühnchen für die Vegetarierin

ronja-150x150Nun bricht schon der dritte Monat für mich hier in Argentinien an und es fasziniert mich, wie schnell es gelingt, sich in ein komplett neues Umfeld einzuleben. Ich lebe in Merlo, einer Stadt in der Provinz Buenos Aires, und unterstütze die hiesige Gemeinde im Kinderhort und entdecke immer wieder neue Felder, in denen ich tätig werden kann.

Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass ich dazugehöre und dass man sich für mich interessiert. Das Spanisch lernen und sprechen ist zwar noch ziemlich anstrengend, aber ich habe im Kindergarten super Mitmenschen, die mit mir meine Woche so einteilen, dass ich gut mitarbeiten kann. So helfe ich an den Tagen mit Sprachkurs in der Küche, wo es deutlich ruhiger und entspannter ist. An den anderen Tagen schaue ich mir nach und nach alle Gruppen an, um die Kinder kennenzulernen und mir ein Bild davon zu machen, wo ich nach der Kennenlernphase tätig werden möchte. Es ist faszinierend, wie gut mein Wörterbuch (nicht nur bei Kindern) ankommt. Den Kindern soll ich häufig daraus vorlesen.

Von Ronja zu Iffi

Der erste Schritt war allerdings ein kleiner Namenswechsel. Hier heiße ich Iffi, da „Ronja“ hier umgangssprachlich Dreck, Schmutz oder Krätze bedeutet. Da kann ich gerne drauf verzichten und wähle lieber meinen Spitznamen.

FeiertagDen Tag der Vielfalt der Kulturen (der Eroberung Amerikas) haben wir zu einem besonderen Tag gemacht: Schon Wochen zuvor gingen die Vorbereitungen los. Für jeden Kontinent wurde ein Tanz einstudiert, sodass auch die unter Dreijährigen mitmachen konnten. In einen Tanz wurde die Geschichte der Eroberung Lateinamerikas verpackt und eine Frau aus Polen las eine polnische Geschichte vor. Ich durfte auch einen Teil Europas präsentieren und spielte mit meiner Gitarre „Heute hier, morgen dort“. Dass ich damit jedoch so eine Begeisterung hervorrufen werde, war mir vorher nicht bewusst. Meine Gastmutter hatte Tränen in den Augen, so stolz war sie auf mich.

Danach lag der Schwerpunkt – wie so oft bei Feierlichkeiten – auf dem Essen. Und es ist möglich: Sogar bei einem argentinischen Asado (Grillen) mit 40 gegrillten Hühnern schaffe ich es als Vegetarier satt zu werden. Auch, wenn ich zunächst jedem hier einen Schrecken mit dieser Essenseinstellung eingejagt habe, stellt es sich im Alltag nicht als Problem heraus.

Die Nacht zum Tag machen

Pfadfinder-300x225Schnell habe ich hier auch eine Pfadfindergruppe gefunden und bin gleich auf dem 25. Geburtstag des Stammes gelandet. Mit viel Tanz, Musik und (natürlich) Essen und Mate-Tee haben wir die ganze Nacht gefeiert. Ich muss mich allerdings noch daran gewöhnen, dass am Wochenende das Leben auf die Nacht verlegt wird, sodass eine Feier wie diese schnell bis sieben Uhr morgens dauert. Allerdings kenne ich nun schon gleich Pfadfinder aus drei verschiedenen Stämmen und bin, bis auf die eher militärisch gehaltene Begrüßung, sehr begeistert.

bei-Paul-1-300x225Paul, der andere Freiwillige von DPSG und Adveniat hier, wohnt nicht weit von mir entfernt und unterstützt ein Kinderheim. Es tut gut, sich ab und an mit ihm austauschen zu können. Bei diesen Treffen darf das typisch argentinische Nationalgetränk Mate nicht fehlen. Der Spaß bleibt mit seinen wilden Heimjungs auch nicht aus, wie hier beim Pferde reiten.

Jetzt bin ich gespannt, wie sich die weiteren Wochen und Monate entwickeln. Es ist faszinierend, einen immer tieferen Einblick in das argentinische Leben zu bekommen, dass immer wieder Überraschungen mit sich bringt.

Text: Ronja Iffland

 

Weltwärts: Paul, Ronja, Yvonne und Rebecca (v.l.)

Weltwärts: Paul, Ronja, Yvonne und Rebecca (v.l.)

Gemeinsam mit der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) bietet Adveniat Freiwilligendienste an. Die DPSG ist ein anerkannter Träger des entwicklungspolitischen Dienstes “weltwärts”. Im August 2014 haben sich vier junge Deutsche auf den Weg nach Lateinamerika gemacht. Zwei von ihnen arbeiten in Adveniat-Projekten in Argentinien, zwei in Paraguay. 

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Brasilien: Favela, Fußball, Kulturschock

christina und peleWir fahren mit dem Auto durch die schmalen Straßen den Berg hoch. Rechts und links sind Häuser. Nebeneinander, übereinander. „Wir sind hier in einer richtig gefährlichen Gegend“, sagt meine Kollegin neben mir. Die Favela Morro da Mineira ist zwar „befriedet“, liegt aber zwischen zwei anderen Armenvierteln in Rio de Janeiro, deren Drogenbanden sich nicht selten bekriegen.

AnsichtDeswegen stehen dort, wo wir aussteigen, unzählige schwer bewaffnete Polizisten. Zum Schutz für uns und die anderen Journalisten aus aller Welt. Denn hier, mitten in der Favela, findet heute die Präsentation eines weltweit einzigartigen Fußballplatzes statt: 200 kinetische Platten unter dem Kunstrasen und Solarmodule auf den Lampen sorgen dafür, dass abends die sechs Flutlichter am Rand des Rasens leuchten. Die Bewegung der Spieler beziehungsweise ihre Schritte erzeugen die notwendige Energie. Pate des Projekts ist kein geringerer als Fußballlegende Pelé. Deswegen haben sich rund um den Maschendrahtzaun, der den Platz umgibt, auch schon einige Menschen eingefunden. Trotz der frühen Uhrzeit und der brennenden Sonne.

Zeit für Fotos

PresserummelAls deutscher Fernsehsender bekommen wir zusammen mit anderen ausländischen und dem größten brasilianischen Sender Globo die Möglichkeit vor der Pressekonferenz Exklusivinterviews mit den Protagonisten zu führen. Dafür müssen sich alle Kameras in einer Reihe aufstellen, die Interviewpartner wechseln dann nach zwei beantworteten Fragen von einem zum nächsten. Theoretisch. Praktisch dauern die Gespräche länger, die Reihenfolge wird nicht eingehalten und man muss seine Interviewpartner suchen. Auch Pelé ist gut gelaunt, nimmt sich Zeit für das Interview und für ein Erinnerungsfoto danach. Da er gerade eine Hüft-Operation hinter sich hat, kann er nicht gut laufen. Während des Interviews sitzt er auf einem Stuhl, aber für das Foto steht er auf und stützt sich so stark bei mir auf, dass ich fast umfalle.

Wie im Käfig

Pele am ZaunDas wäre ein Schnappschuss für die Favela-Bewohner gewesen, die uns von der anderen Seite des Zauns aus beobachten und fotografieren. Immer wieder hört man aus ihren Reihen einzelne Pelé, Pelé-Rufe. Als Pelé den Platz später offiziell betritt, um ihn zu eröffnen, werden die Rufe lauter. Immer mehr Menschen und vor allem Kinder drängen sich an den Zaun. Pelé geht als erstes eine Runde am Zaun entlang, schüttelt die vielen Hände, die ihm entgegengestreckt werden und unterschreibt Trikots, die man ihm reicht. Eine schöne Geste.

Doch es ist ein komisches Gefühl in der Mitte des Rasens unter freiem Himmel zu stehen und einige Meter von sich entfernt die vielen Menschen am Zaun zu sehen, die ihre Hände entgegen strecken, und dahinter die wahllos übereinander gebauten Häuser, von deren Dächern und aus deren Fenstern Menschen auf den Platz herunterblicken. Ich fühle mich eingesperrt. Die räumliche Trennung macht die sozialen Unterschiede noch deutlicher. Das ist nicht einfach für mich. Gleichzeitig bemerke ich, dass viele brasilianische Journalisten den Menschen am Zaun keinen Blick schenken. „Das ist normal für sie“, erklärt mir meine Kollegin.

Als ich gehe, will vor mir ein Mädchen den Platz verlassen. Sie gehört zur Samba-Formation aus der Favela, die zum Abschluss spielte. Ein Sicherheitsmann hält sie zurück, um ihre Tasche zu kontrollieren. Ich halte seinem Kollegen meine Tasche hin, da ich denke, das sei so üblich, doch der schaut mich nur verwirrt an und sagt: „Du doch nicht.“ Beim Hinausgehen sehe ich noch, wie der Sicherheitsmann die Tasche des Mädchens komplett ausräumt, um zu sehen, ob sie nichts hat mitgehen lassen. An die soziale Selektion und den verdeckten Rassismus in Brasilien werde ich mich wohl nie gewöhnen.

Text und Fotos: Christina Weise

Wie das innovative Stromprojekt funktioniert, sehen Sie in dem daraus entstandenen Beitrag in der ZDF Mediathek: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2239386/Kicken-fuer-Strom#/beitrag/video/2239386/Kicken-fuer-Strom

Oder auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=wOohDS082mc

Christina Weise ist Volontärin in der Redaktion Blickpunkt Lateinamerika bei Adveniat. In Brasilien macht sie im Rahmen ihrer Redakteursausbildung durch das ifp (Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses) ein Praktikum beim ZDF.

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Als Freiwillige ein Jahr in Mexiko

In Mexiko hat sie zum Finale der Fußball-Weltmeisterschaft die deutsche Flagge aufgehängt, in Deutschland gehört die mexikanische Flagge zu ihren Erinnerungsstücken: Lena Gelsterkamp aus Dülmen ist in zwei Welten zu Hause. Zwölf Monate hat sie als Freiwillige in der katholischen Pfarrgemeinde Sagrado Corazón de Jesús (Heiliges Herz Jesu) in der mexikanischen Kleinstadt Progreso de Obregón gearbeitet. Seit Mitte August ist sie zurück, „mit neuen Horizonten“, wie sie selbst es beschreibt.

rückblick_gelsterkampDabei kommt es ihr wie gestern vor, dass sie auf dem Flughafen auf der anderen Seite des Atlantiks landete. „Da haben mich Gemeindemitglieder, die ich aus St. Josef Kamp-Lintfort, der Partnergemeinde von Sagrado Corazón de Jesús, kannte, abgeholt“, erinnert sich Lena, „danach habe ich mir alles in Ruhe angeguckt und mich langsam eingewöhnt.“
Inhaltlich musste sich Lena für ihren Freiwilligendienst, den sie in Trägerschaft des Bistums Münster leistete, wenig umgewöhnen. Denn viele Aufgaben ähnelten jenen, die sie schon in ihrer Heimatpfarrei St. Joseph Dülmen ehrenamtlich übernommen hatte, etwa die wöchentlichen Messdiener-Gruppenstunden in fünf Dörfern, Krankenbesuche und die wöchentliche Firmkatechese. Ein großer Arbeitsbereich sei die Sozialpastoral gewesen: „Wir haben Bedürftige unterstützt,“, schildert Lena. Gern erinnert sie sich an das größte während ihres Aufenthalts umgesetzte Vorhaben: „Die Pfarrei hat ein Fahrzeug für Krankentransporte gekauft.“
Größtenteils erfüllt hat sich der Wunsch der 20-Jährigen, in Progreso eigene Ideen einzubringen, etwa Gruppenspiele und einen Messdienerprojekttag.

„Ich musste lernen, dass Ideen aus Deutschland dort nicht alle komplett umsetzbar waren.“

Zu lernen gab es grundsätzlich eine Menge –in fachlicher, vor allem aber auch in persönlicher Hinsicht. „Es war schön, zu erleben, wie man sich Stück für Stück gewöhnt und sich angenommen fühlt“, beschreibt Lena , „man wird selbstständig und merkt, dass man sich auf Fremdes einstellen kann.“ Das gelang ihr offensichtlich so gut, dass irgendwann zu ihrer großen Freude ein Gemeindemitglied zu ihr gesagt habe: „Du bist schon wie eine Mexikanerin.“ Weiterlesen

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Brasilien: Wahlkampf hautnah

Marina Silva bei einer Wahlkampfveranstaltung an der  Central Única das Favelas

Marina Silva bei einer Wahlkampfveranstaltung an der Central Única das Favelas

“Marina! Marina! Marina!” schallt es von überall her. Marina Silva besuchte am 25. September die CUFA, die Central Única das Favelas. Damals war sie noch Kandidatin im Rennen um die Präsidentschaft.

Nicht nur viele Jugendliche, die in dem Zentrum täglich ein- und ausgehen, sind hier, um die beliebte Politikerin zu sehen, sondern auch jede Menge Journalisten. Darunter ich.

Wir stehen am Rande eines Basketballfeldes, wo noch fleißig gespielt wird und warten auf Marina. Sie ist bereits zu spät, was für die Organisatoren gut ist, denn die beginnen erst jetzt, den Event richtig vorzubereiten. Um uns herum werden Barrieren aufgestellt, damit die Journalisten die Politikerin aus der Ferne betrachten können. Wir sind nun richtig eingezäunt und immer wieder fliegt der Basketball in die wartende Journalistenmenge.

Dann kommt sie endlich: Marina Silva, die damals noch die Hoffnunf hegte, bald die neue brasilianische Staatschefin zu werden. Eine Stichwahl zwischen ihr und der amtierenden Präsidentin Dilma Rousseff war wahrscheinlich. Mittlerweile wissen wir: Marina ist dritte geworden. Die Stichwahl entscheidet zwischen Dilma Rousseff und dem Sozialdemokraten Aécio Neves. Obwohl sich mit Marina Silvas Herkunft viele in Brasilien identifizieren können: geboren und aufgewachsen in Acre, tief im Amazonas, ihre Familie: arme Kautschukzapfer. Sie hat schwere Krankheiten überlebt, als Hausangestellte gearbeitet und erst mit 16 Jahren lesen und schreiben gelernt.

Ducken und ausweichen

Alle wollen das beste Bild – so bekommt keiner eins.

Alle wollen das beste Bild – so bekommt keiner eins.

Jedenfalls ist sie jetzt da, und die provisorisch errichteten Barrieren brechen einige Minuten nach ihrer Ankunft: Die Fotografen und Kameramänner heben die Zäune einfach auseinander und stürmen der Politikerin entgegen. Für mich heißt das: ducken und ausweichen. Von gefühlt überall kommen überraschend schnell Kameras an mir vorbeigerauscht. Nach weniger als einer Minute ist nichts mehr von Marina Silva und ihrem Team zu sehen. Und alle beschweren sich, dass sie kein Bild bekommen, weil immer jemand im Weg steht.

Doch so ein Chaos bringt auch Möglichkeiten: meiner Kollegin gelingt es, ein Interview mit der begehrten Politikerin zu organisieren. Nur drei Fragen, aber immerhin.

Eine Präsidentin zum Anfassen und Rumblödeln.

Eine Präsidentin zum Anfassen und Rumblödeln.

Zeit für Selfies

Als ein paar Tage später die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff in der Stadt ist, geht alles viel geordneter zu. Dafür ergeben sich hier keine Interviews, sprechen dürfen wir mit so gut wie niemandem und wir müssen in dem für uns vorgesehenen Bereich bleiben – dafür sorgen unzählige Sicherheitskräfte. Aus dem abgesperrten Bereich heraus, führen wir Interviews mit den Atleten im Publikum. Es sind geladene Gäste, die allerdings nicht wissen, wieso sie da sind. Wir sind im olympischen Dorf, und die Präsidentin, die hier als Kandidatin auftritt, kann kaum noch sprechen, so heiser ist sie vor lauter Wahlkampf. Aber sie nimmt sich Zeit für Selfies mit den jungen Athleten aus dem Publikum. Im Sekundentakt wird geknipst. Im Hintergrund läuft dazu ihr sehr eingängiger Wahl-Song “Dilma, mutiges Herz”. Eine Präsidentin zum Anfassen – aber nur für kurze Zeit, denn dann rauscht sie mit dem Helikopter weiter zum nächsten Termin.

Jubel gegen Geld

Bezahlter Jubel ist besser als keiner.

Bezahlter Jubel ist besser als keiner.

Marina Silva war Tage zuvor mit dem Auto in Rio de Janeiro unterwegs. Fast zwei Stunden dauert die Fahrt von einem zum nächsten Termin. Drei Stunden zu spät kommt sie dort an. Auf dem Platz steht ein überdimensional großer Bildschirm, der ihr Portrait zeigt, aus den Boxen dröhnt ihr Lied “Wir geben Brasilien nicht auf”. Die Menschen, die noch so lange ausgeharrt haben, schwenken Fahnen und jubeln. Die Politikerin und ihr Team steigen auf einen Wagen, der am Rand steht und sprechen zu der Menge. Erst als ich die Frau neben mir frage, was sie denn so toll an Marina findet, verstehe ich, denn die Antwort lautet: “Ich weiß noch nicht, wen ich wähle. Ich bin hier ja nur, um zu arbeiten.” Alle, die Marina-Shirts tragen und mit Fahnen ausgestattet sind, sind bezahlt oder gehören zur Partei. Und das sind so gut wie alle auf dem Platz. Die Politikerin spricht zu Menschen, die ihr gegen Geld zujubeln. Das ist so üblich in Brasilien. Bei allen Terminen finden sich fahnenschwenkende Menschen ein, die Werbung für den jeweiligen Politiker machen – und dafür bezahlt werden. Unglaublich. Was für eine Show!

Text und Fotos: Christina Weise

Christina Weise ist Volontärin in der Redaktion Blickpunkt Lateinamerika bei Adveniat. In Brasilien macht sie im Rahmen ihrer Redakteursausbildung durch das ifp (Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses) ein Praktikum beim ZDF.

Mehr zum Thema:
Interview auf domradio.de mit Christina Weise zu den Wahlen in Brasilien

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Paraguay: Von Mückenstichen und Götterfunken

Theatergruppe in der Nachmittagsbetreuung im Bildungszentrum „Chacaritas“

Theatergruppe in der Nachmittagsbetreuung im Bildungszentrum „Chacaritas“

Ich lebe nun seit einem Monat in Paraguay, in der Zwei-Millionen-Stadt Asunción, die täglich wächst. Die Stadt ist riesig und auf den Straßen herrscht viel Verkehr. Es ist unmöglich einzuplanen, wie viel Zeit man von einem Ort zum anderen brauchen wird, da alles vom Verkehr abhängt. Mit den Bussen ist es ähnlich: Man weiß nie, wann sie vorbeikommen. Man wartet einfach. Toll ist, dass man einfach den Arm ausstreckt und der Bus einen aufgabelt, egal an welcher Stelle. Das erklärt dann auch gleich, warum der Bus langsam vorankommt. Aber im Grunde genommen, ist alles eine Frage der Sichtweise – man übt hier seine Geduld.

Viele Teile der Stadt sind vor allem sehr arm. Vor ein paar Monaten ist der Fluss “Rio Paraguay” übergelaufen und hat große Teile der ärmeren Viertel überschwemmt. An einigen Stellen stand das Wasser sieben Meter hoch. Als ich im August kam, war es schon auf fünf Meter gesunken und als wir mit Mitarbeitern der Erzdiözese mit dem Kanu in den Straßen fuhren, wurde der Schaden sichtbar. Aufgrund dieser Katastrophe mussten viele Familien vorübergehend in Holzhütten mitten in die Stadt ziehen, bis das Wasser abfließt. Die Erzdiözese versorgt die Menschen mit Nahrungsmitteln, die gespendet werden.

„Freude, schöner Götterfunken“

Violinunterricht im Bildungszentrum des Viertels "Chacaritas"

Violinunterricht im Bildungszentrum des Viertels “Chacaritas”

Ich habe mir in diesem ersten Monat alle verschiedenen Projekte angesehen, in denen ich mitarbeiten kann. Die Wochentage sind leider zu kurz, um alles machen zu können. Es hat einen Monat gedauert, um meinen Wochenplan fertigzustellen, doch jetzt ist er soweit: Samstags gebe ich Kindern Geigenunterricht, die aus dem Elendsvirtel „La Chacarita“ kommen. Witzigerweise war das erste Stück, welches sie mir vorspielten das deutsche Stück „Freude, schöner Götterfunken“. Wir wollen ein kleines Ensemble gründen und werden voraussichtlich im November unser erstes Konzert geben.

Drei Tage die Woche bin ich im Zentrum der Pastoral Social Arquidioecesana im Armenviertel „La Chacarita“ tätig. Hier kommen die Kinder in zwei Schichten: vor oder nach der Schule.Sie bekommen zwei Mahlzeiten und werden hier beschäftigt, sodass sie nicht auf der Straße sein müssen. Gestern haben wir mit den etwas älteren Kindern Theater gespielt. Anschliesend gab es für alle eine Partie Fussball und natürlich eines der Lieblingsspiele der Kinder: Fangi (Fangen). Wie ich feststellen konnte, gibt es Spiele, die man auf der ganzen Welt spielt.

Die Kinder bringen mir ausserdem nebenbei Guaraní bei, die zweite offizielle Amtssprache paraguays. Hier wird allerdings eine Mischung aus beiden Sprachen gesprochen. Guaraní klingt unglaublich melodisch und weich. Ich hoffe, dass ich in meiner Zeit hier diese wunderbare Sprache sprechen lerne.

33.000 Bäumchen für Paraguay

Die Freiwillige Yvonne beim Verkauf von den traditionellen paraguayischen Bäumen  Lapacho, Guavira pyta und Guavayvi

Die Freiwillige Yvonne beim Verkauf von den traditionellen paraguayischen Bäumen Lapacho, Guavira pyta und Guavayvi

Ich arbeite zwei Tage die Woche bei der Organisation „A Todo Púlmon – Paraguay respira“, zu Deutsch: „Paraguay atmet aus voller Lunge“. „A Todo Púlmon“ hat sich als Ziel gesetzt, eine Million Hektar Paraguays zu bepflanzen, da die massive Abholzung der paraguayischen Wälder ein immer größer werdendes Problem darstellt.

Einerseits halten wir Präsentationen an Schulen und organisieren Aktionen, um die Bevölkerung zu animieren, aktiv zu werden. Diesen Donnerstag lief zum Beispiel folgende Aktion: An zehn verschiedenen Supermärkten haben wir Kunden einen Baum namens „Lapacho rosada“ geschenkt, damit sie ihn in ihren Garten pflanzen können. Dafür haben wir die letzten Tage 33.000 Bäumchen abgezählt, sortiert und verpackt, um sie in verschiedene Städte zu schicken. Es werden auch Aktionen veranstaltet, an denen dann tatsächlich die Bäume gepflanzt werden. Ich selber habe noch keinen Baum gepflanzt, freu mich aber schon riesig drauf!

Ein anderer Bereich meiner Arbeit besteht darin, den Priester mit drei einheimischen Freiwilligen bei seiner Arbeit zu begleiten. In sogenannten „Asentamientos“ (Niederlassungen: Armenviertel, die sich wie ein Gürtel um die Stadt ziehen) gibt er Katechismus-Unterricht zum Teil auf Guaraní, da die Bevölkerung außerhalb der Stadt überwiegend diese indigene Sprache spricht.

Mühe und Mückenstiche haben sich gelohnt

Unterwegs in den Armenvierteln - mit Priester Echaguüe und der "Jungfrau von Asunción"

Unterwegs in den Armenvierteln – mit Priester Echaguüe und der “Jungfrau von Asunción”

Auf dem Foto ist in einem Glaskasten die „Vigen de Asunción“ zu sehen. Wir hatten sie auf holprigen und erdigen Wegen bis an ein „Asentamientos“ außerhalb der Stadt gebracht und gemeinsam mit den Menschen dort einen Gottesdienst gefeiert. Die Feier war sehr schlicht, aber die Bedeutung war für die Menschen enorm. Es war wahnsinnig heiß und anschließend kamen mit der Dämmerung die Moskitos, aber alle Mühe und Mückenstiche haben sich für dieses Erlebnis gelohnt!

Auf dem Land in Tacuruty

Auf dem Land in Tacuruty

Sonntags fuhr ich bisher regelmäßig mit einer der Mitarbeiterin der Sozialpastoral zu ihren zahlreichen Verwandten auf das Land. Dort ist das Leben viel ruhiger und traditioneller als in der Stadt. Sonntags isst die ganze Familie zusammen Asado, was ziemlich genau ein halbes Rind auf dem Grill ist, und Sopa paraguaya. Das ist ein Nationalgericht aus Mais, Käse, Eiern und Milch und Anis. Die Menschen auf dem Land leben viel einfacher und sind auch meist ärmer als in der Stadt. Die meisten sind Bauern oder fahren auf der Suche nach Arbeit in die Stadt.

Das Klima ist sehr warm aber vor allem schwül. Die Umgebung und der Urwald unheimlich faszinierend mit vielen Palmen aber auch umso mehr Moskitos. Ich bin viel beschäftigt, die Zeit vergeht sehr schnell und ich genieße es, einfach alles auf mich zukommen zu lassen.

Bis dahin, muchos Saludos desde Asunción, Yvonne

Text und Fotos: Yvonne Kölsch

 

 

 

Weltwärts: Paul, Ronja, Yvonne und Rebecca (v.l.)

Weltwärts: Paul, Ronja, Yvonne und Rebecca (v.l.)

Gemeinsam mit der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) bietet Adveniat Freiwilligendienste an. Die DPSG ist ein anerkannter Träger des entwicklungspolitischen Dienstes “weltwärts”. Im August 2014 haben sich vier junge Deutsche auf den Weg nach Lateinamerika gemacht. Zwei von ihnen arbeiten in Adveniat-Projekten in Argentinien, zwei in Paraguay. 

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Brasilien: Eine Metropole voller Dörfer

Im “Dorf” treffen sich die Frauen zum Gebetskreis.

Im “Dorf” treffen sich die Frauen zum Gebetskreis.

„Ave Maria, cheia de graça…“ klingt es monoton durch die ganze Straße. Celeste hat ihre Freundinnen vom Gebetskreis zu Besuch. So wie jeden Montag um 19 Uhr. Sie ist Rentnerin und wohnt in einem kleinen Haus, zusammen mit ihrer Tante, die sie pflegt. Richtig unterhalten kann sie sich mit ihr nicht mehr und deswegen freut sie sich über die Gesellschaft. Mitten im zweiten Rosenkranz-Gesätz öffnet sich langsam die Tür und eine Frau tritt ins Wohnzimmer. „Entschuldigt bitte, ich habe es nicht früher geschafft“, sagt sie leise und setzt sich schnell auf einen freien Platz. „Das ist meine Nachbarin Rosalia“, erklärt Celeste. „Ich habe sie heute eingeladen.“

Celeste und ihre Tante.

Celeste und ihre Tante.

Celeste, ihre Tante und Rosalia leben in einer „vila“, einem Dorf mitten in Rio de Janeiro. Das „Dorf“ ist eine schmale Straße zwischen zwei Hochhäusern, in der Einfamilienhäuser aufgereiht Wand an Wand stehen und die mit einem Eisentor verschlossen ist. Rein kommt nur, wer hier wohnt oder einen Bewohner besucht. Kein Verkehrschaos vor dem Fenster, kein Müll neben der Haustür, keine lästige Parkplatzsuche. Viele „cariocas“, wie die Einwohner von Rio genannt werden, schätzen diese Art zu wohnen. Man kennt sich, man respektiert sich, man hilft sich.

„Der ‚carioca‘ liebt es zu reden. Viele hier kommen ursprünglich gar nicht aus der Stadt, sondern einer ländlicheren Region, wo es normal ist, den Arbeitstag gemütlich vor dem Haus bei einem netten Pläuschchen mit den Nachbarn ausklingen zu lassen“, erzählt Celeste. „Das ist hier eigentlich unmöglich.“

In den "vilas" in Rio ist man unter sich.

In den “vilas” in Rio ist man unter sich.

Nach dem Gebet lässt Rosalia noch kurz ihren Hund raus. Sie öffnet einfach die Tür und die kleine Hündin rennt die Straße hinunter bis zum Tor. Rosalia gesellt sich zu ihren beiden Nachbarn von gegenüber. Renzo und Wilson sitzen jeweils auf der Treppenstufe vor ihren Haustüren und während die neusten Nachrichten ausgetauscht werden, wandert die Packung mit Kokos-Plätzchen vom einen zum anderen. Für den Fotografen und den Kunstlehrer gehört so ein Kaffee am frühen Abend einfach dazu. Am liebsten draußen und in Gesellschaft.

Celeste, die ihre Freundinnen verabschiedet hat, schaut vom Fenster aus Rosalias Hündin hinterher. Die Rentnerin genießt das stille Treiben am Abend, denn tagsüber, wenn alle arbeiten sind und in der Schule, ist die Straße wie ausgestorben. Nur sie ist dann dort und wartet auf den Plausch am Nachmittag.

Text und Fotos: Christina Weise

Christina Weise ist Volontärin in der Redaktion Blickpunkt Lateinamerika bei Adveniat. In Brasilien macht sie im Rahmen ihrer Redakteursausbildung durch das ifp (Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses) ein Praktikum beim ZDF. 

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