Kamikaze Clau

Der vierjährige Clau ist im wahrsten Sinn des Wortes nicht mehr zu stoppen – durch gar nichts. Rums, die nächste Wand, peng, der nächste Baum, kawumm, die Füße der Schwestern. Ich muss ja zugeben, ich bin schwer verliebt in ihn und deswegen konnte mich heute nicht zurückhalten, als ich ein Mini-Kindermotorrad im Spielzeugladen gesehen habe. Einfach affenscharf.

Der vierjährige Clau und sein Fahrgerät, das fortan das Schwesternhaus in Léogâne in Haiti unsicher macht.   Foto: Habermann

Der vierjährige Clau und sein Fahrgerät, das fortan das Schwesternhaus in Léogâne in Haiti unsicher macht. Foto: Habermann

Ich glaub’, der Rest der Mannschaft hasst mich schon, weil Clau am liebsten seine Runden in der Küche um den Esstisch dreht. Zwischendurch ruft er mir souverän zu, wie ein echter Kerl: „Madame Eva, monte, monte!“

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Klosterkoller

Während meine Freunde und Bekannten auf der „Fashionweek“ in Berlin mittlerweile keinen Champagner mehr sehen können, keine Lust mehr haben auf Laufstege oder Partys, schlage ich mich gerade mit einem beginnenden “Klosterkoller” herum: Ich möchte heute keine Psalmen mehr singen und hören, (Psalmen sind Bibeltexte, die zu festen Uhrzeiten dreimal am Tag von den Schwestern und Novizinnen rezitiert werden), besonders nicht um fünf Uhr morgens, wo ich normalerweise noch tief und fest schlafe.

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Die Autofahrt nach Miragoâne

Seit fast zwei Stunden ruckeln wir bereits über buckelpistenähnliche Straßen zur Schule „St. Michel“ in Miragoâne, im Süden Haitis gelegen. Ohweia! Da bin ich schon reisekrank, bevor ich ankomme. Gestern bin ich tatsächlich nicht zum Schreiben gekommen, weil ich gerade so ein tolles Buch lese: „Ein ganzes halbes Jahr“, und da will ich permanent wissen, wie es weitergeht, und ich kann das Buch einfach nicht aus der Hand legen …

Ein Haus der an Straße nach Miragoâne: Motorräder und Taxisbusse sind in haiti wichtige Transportmittel, viele Menschen müssen aber auch schwere Lasten zu Fuß transportieren.

Ein Haus der an Straße nach Miragoâne: Motorräder und Taxisbusse sind in haiti wichtige Transportmittel, viele Menschen müssen aber auch schwere Lasten zu Fuß transportieren.

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Alkoholiker essen Katzen

„Alkoholiker essen Katzen!“ Als die Schwestern mir das heute beim Abendessen erzählten, löste das in mir ein albernes Kichern aus – weil ich sofort das politisch nicht sehr korrekte Bild im Kopf hatte, wie alkoholabhängige Obdachlose, die die Berliner Straßen oder Bahnhofsgegend bewohnen, vergnügt an frittierten oder kandierten Katzen nagen. Auch musste ich mir Imbissbuden mit „Cat for take-away“ vorstellen. Sehr schräg.

Viele Kinder leben in Haiti in bitterer Armut, manche verbringen ihre Kindheit sogar im Müll, wie diese Kleinen in Petit-Anse. Foto: Martin Steffen/Adveniat

Viele Kinder leben in Haiti in bitterer Armut, manche verbringen ihre Kindheit sogar im Müll, wie diese Kleinen in Petit-Anse. Foto: Martin Steffen/Adveniat

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Ein Wundermittel namens Sprühsahne

Der Sonntag begann mit der morgendlichen Messe. Ich saß da und fragte mich eine Viertelstunde lang, warum ich nichts verstehe, oder nur ein paar Worte. Nuschelt der Pfarrer? Dann kam ich drauf: Die Messe wurde auf Kreolisch gehalten! Das ist echt krass: Man denkt, es sei Französisch, als würde jemand den Klang der französischen Sprache perfekt imitieren, es ist aber keins, und man denkt, man hat was an den Ohren…

Léogâne liegt südwestlich der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince - und war damit nahe des Epizentrums des Erdbebens von 2010. Vom Schwesternhaus, in dem Eva-Habermann einen Monat zu Gast ist, bis zur Hauptstadt von Haiti benötigt man mit dem Auto knapp eine Stunde.

Léogâne liegt südwestlich der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince – und war damit nahe des Epizentrums des Erdbebens von 2010. Vom Schwesternhaus, in dem Eva-Habermann einen Monat zu Gast ist, bis zur Hauptstadt von Haiti benötigt man mit dem Auto knapp eine Stunde.

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Weiß bleibt Weiß

Ich finde das hier in Haiti nicht immer ganz einfach – denn ich bin und bleibe ein Außenseiter. Die Hautfarbe macht ‘ne Menge aus. Sie ist wie ein Statement: Ich bin anders als ihr.

Als Weiße nicht zu übersehen im Kreis der Kinder in Haiti: Schauspielerin Eva Habermann, die einen Monat bei Ordensfrauen in Léogâne in einem Adveniat-Projekt mitarbeitet.

Als Weiße nicht zu übersehen im Kreis der Kinder in Haiti: Schauspielerin Eva Habermann, die einen Monat bei Ordensfrauen in Léogâne in einem Adveniat-Projekt mitarbeitet.

Weiße sind hier tatsächlich so selten, dass man überall auf der Straße (von jedem) angestarrt wird, so ähnlich, als würde man in Deutschland knallgrün oder nackt rumlaufen. Es wird automatisch angenommen, dass wir Weißen alle reich sind (im Vergleich zu der Bevölkerung in Haiti sind wir das auch). In erster Linie betrachten die meisten Menschen hier einen Weißen als Geldquelle und überlegen sofort, wie sie bestmöglich einen Gewinn für sich erzielen können. Das meine ich nicht böse, sondern das ist angesichts der erdrückenden Armut auch verständlich. Bei den Ordensschwestern ist das noch ein bisschen anders, da vor Gott alle Menschen gleich sind.
Die Novizinnen, ein paar Schwestern und ich sind heute frühmorgens um fünf Uhr früh nach Port-au-Prince aufgebrochen. Ich wollte den Samstag nutzen, um  bestimmte Lebensmittel zu kaufen, die man nur in der Hauptstadt Haitis bekommt, denn ich wollte in den kommenden Tagen für alle Apfelkuchen mit Rum backen und einen Nudelauflauf machen. Mal sehen, ob das den anderen schmeckt!
Angekommen im Schwesternhaus in Porte-au-Prince, war ich dann einfach zu müde, um zum Gottesdienst um 6.30 Uhr mit in die Kirche zu kommen, und ich habe mich im Schwesternhaus in Port-au-Prince noch mal ausgeruht. Ich hatte das Gefühl, die Novizinnen haben mir ein bisschen krumm genommen, dass ich lieber schlafen wollte, statt Gott zu ehren. Aber so müde wie ich war, wäre ich selbst in der Messe eingeschlafen. Dann war ich von neun bis zwölf Uhr mit Schwester Alta beim Einkaufen im größten Supermarkt Haitis. Hier gibt es sogar französische Käsesorten, Sojasauce” und eine Nuss-Nougat-Creme, ich habe sogar ein Birchermüsli entdeckt. Danach habe ich mich mal für zwei Stunden zurückgezogen – in ein wunderschönes, im Kolonialstil erbautes Hotel, ins „Olofsson“.  Es hatte etwas sehr luxuriöses und nostalgisches, man hat den Eindruck, man hätte eine Zeitreise gemacht in längst vergangene Zeiten. Das war für mich das erste Mal seit zwei Wochen, dass ich ganz für mich alleine war.
Im Schwesternhaus in Port-au-Prince wohnen ebenfalls Waisenkinder, allerdings nur zwei: Sarah und Sebastian. Sie haben ihre Eltern beim Erdbeben 2010 verloren. Sarah ist jetzt sechs Jahre alt, und ich glaube kaum, dass sie sich noch an ihre Eltern erinnern kann. Wie das war beim Erdbeben in Léogâne, darüber hat übrigens eine Rot-Kreuz-Mitarbeiterin auf der Adveniat-Seite “Blickpunkt Lateinamerika berichtet, das kann man hier lesen.

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