Meine Ausbildung bei Adveniat

Jeder Tag ist anders. Man weiß nie, was passiert. Heute darf ich meinen eigenen Blog schreiben, was ich vorher noch nie gemacht habe. Heute ist für mich der Tag des Schreibens.

Mein Name ist Florian Schnittker, ich bin 22 Jahre jung und komme aus Dortmund. Als ich meine Fachhochschulreife am Robert-Schuhmann Berufskolleg in Dortmund im Bereich Wirtschaft und Verwaltung erfolgreich abgeschlossen hatte, wusste ich, dass ich eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich anfangen wollte. Mir war von Anfang an klar, dass es eine besondere Ausbildung sein soll. Ich habe mich entschieden, mich bei Adveniat zu bewerben, weil es hier um Hilfe für die Menschen in Lateinamerika geht.

Den theoretischen Teil der Ausbildung mache ich in der Berufsschule. Fächer wie BWL und Rechnungswesen gehören hier zu meinem Lernstoff, und den praktischen Teil mache ich bei Adveniat.

Das Gute in meiner Ausbildung ist, dass ich viele Abteilungen kennengelernt habe, bzw. noch kennenlernen werde. Durch meine Arbeit im Länderreferat Peru konnte ich sehen, wie den Menschen in Lateinamerika geholfen wird. Bei der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit habe ich gelernt, was alles wichtig ist, um das Hilfswerk Adveniat nach außen hin zu repräsentieren. Adveniat hat es mir auch schon ermöglicht, an Veranstaltungen teilzunehmen.Bild 1 Im letzten Jahr war ich bei der Eröffnung der Jahresaktion in Osnabrück. Dort habe ich wichtige Persönlichkeiten der katholischen Kirche aus Lateinamerika kennengelernt. Ende Mai war ich beim Katholikentag in Regensburg, wo wir unter anderem Unterschriften für die Petition der Aktion “Steilpass“ anlässlich der Fußball WM 2014 in Brasilien gesammelt haben. Zurzeit bin ich im Medien-Referat eingesetzt.Hier gehören Tätigkeiten, wie z. B. das Online-Stellen von Texten und das Erstellen des Pressespiegels, zu meinem Aufgabengebiet.Was ich nach meiner Ausbildung machen werde, weiß ich noch nicht genau. Ich hoffe, mir stehen hinterher viele Möglichkeiten offen.

Text: Florian Schnittker

Foto: Christina Weise

Veröffentlicht unter Allgemein, Deutschland | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert

Tag der Ausbildung: Warum Luisa Journalistin geworden ist

Luisa-Garcia_Lima_PERU_Willer

Peru hat einen guten Ruf im investigativen Journalismus. Immer wieder haben engagierte Journalisten die Raenke der Maechtigen aufgedeckt. Die wenigsten der Journalismus-Studierenden verschreiben sich dieser Königsdisziplin des Journalismus, auch in Peru. Luisa García Tellez ist eine der wenigen. Seit zwei Jahren arbeitet sie – zuerst als Praktikantin – beim Investigativ-Journalismus-Projekt „IDL-Reporteros“ und hat mit ihren 23 Jahren bereits Furore gemacht: Ihre Artikelserie über die intransparenten Regeln im peruanischen privaten Pensionskassensystem, und wie die Pensionskassen tricksen zu ungunsten der Pensionierten, haben die Menschen in Peru aufgerüttelt und mit zu einer neuen Gesetzesvorlage geführt.
Luisa García erzählt, wie sie zum Journalismus gefunden hat.

“Ich kam zum Journalismus, weil ich Geschichten schreiben wollte. Mit 16 Jahren war mir die gesellschaftliche Rolle dieses Berufs nicht bewusst, aber mich faszinierte der kommunikative Prozess vom Schreiben zum Lesen. In diesem Alter, war das das Einzige, worüber ich mir im Klaren war. Und so begann ich das Studium der Literaturwissenschaft an der Universidad Nacional Mayor de San Marcos und das Studium der Journalistik an der Pontificia Universidad Católica del Perú. Zunächst habe ich mich mehr der Literatur zugewendet, aber das änderte sich nach und nach. Durch meine universitären Studien begann ich mich für einen speziellen Typ des Journalismus zu interessieren, den des investigativen. Die beinahe besessene Arbeit, die Anstrengung, das Rätsel einer Geschichte zu lösen, das versteckt bleiben will, und der Moment, in dem sich die Puzzleteile zusammenfügen, erschienen mir faszinierend.

Im letzten Jahr meines Journalistikstudiums, absolvierte ich ein vorberufliches Praktikum in einer investigativen Redaktion. Und sofort interessierte ich mich für eine spezielle Thematik: die Wirtschaft. Wie kam ich von der Literatur zur Wirtschaft? Das frage ich mich selbst bis heute.

Dank eines Kurses an der Uni wurde ich aufmerksam auf ein Thema, das Millionen Menschen in meinem Land betrifft: das private Rentensystem, ein bis dahin komplett unbekanntes Feld für mich, sodass ich mit meinen Recherchen bei Null anfangen musste. Und wenn Leser fiktionaler Literatur sich gewöhnlich durch die Geschichte einer Figur berühren lassen, so vermutete ich auch hier Millionen von Lesern. Nach und nach erschien mir die Literatur zwar als wunderbares Feld, allerdings für den eigenen Genuss; und der Journalismus eine permanente Herausforderung, die auch andere betraf.

Ich beendete mein Studium im Dezember 2012, und seither habe ich über kein anderes Thema geschrieben, weil es genau so interessant wie unerschöpflich ist. Und was noch hinzugefügt werden muss: Ich versuche gerade, mir zwei Ideen anzueignen und praktisch umzusetzen.

Die erste Idee: Die Reporter machen Probleme öffentlich und führen darüber Nachweise, aber müssen keine Lösungen erzwingen. Die zweite Idee: „Die Erzählweise einer Story muss Dich packen“, sagte mir vor einigen Monaten ein Literaturprofessor; und das ist das Prinzip der Empathie mit den Lesern, das alle Reporter hoffentlich immer präsent haben.

Davon ausgehend kann ich schlussendlich ohne Zweifel bestätigen, dass der Journalismus der beste Weg ist, Geschichten zu rekonstruieren und zu erzählen (und das war es, was ich mit 16 Jahren gerne wollte). Geschichten schreiben, die den Bürgen helfen, für sich selbst Änderungen in die Wege zu leiten, die ihre Lebensqualität verbessern, und die ihnen helfen, glücklicher zu sein.

Autorin: Luisa García Tellez

Foto: Hildegard Willer

Veröffentlicht unter Peru | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert

Argentinien: Ruinen einer Utopie?

1Unsere Reise hat uns heute nach San Ignacio Mini in Missiones geführt. Hier haben 1698 die Jesuiten eine ihrer berühmten Reduktionen gegründet. Die Ruinen gehören inzwischen zum Weltkulturerbe, eine Anlage, die auch heute noch zum Staunen bringt.

3Ca. 4000 Indigene fanden damals Zuflucht vor den portugiesischen Sklavenfängern. Eine straff organisierte Gemeinschaft, in der die gewählten Katziken (Gemeinderäte) die Rechtssprechung innehatten. Zu ihren Aufgaben gehörte es auch, die Arbeit zu überwachen, die Sauberkeit zu überprüfen, Haare zu schneiden, das Essen zu probieren und die Anwesenheit der Kinder bei der Arbeit zu überprüfen. Vom nahegelegenen Parana-Fluss schleppten die Menschen die Sandsteine an, aus denen die Häuser, das Rathaus und die riesige Kirche gebaut sind. Die Jesuiten lehrten die Menschen Instrumentenbau und lernten selbst die Sprache der Guarani. Nur zwei Ordensmänner lebten in der Gemeinschaft und formten eine Sozialwesen, in dem die europäische und die einheimische Kultur gewaltfrei zusammenwirkten. Eine Utopie, die mit dem Verbot des Jesuitenordens in sich zusammenbrach – die Indigenen waren ihres Schutzes beraubt und flohen zurück in die Wälder. Die Natur holte sich das Territorium zurück. Nach vielen Jahren üppiger Vegetation sind die Ruinen seit kurzer Zeit wieder zugänglich.

2Was ist vom Erbe der damaligen Mission geblieben? Für Hermann Schweikart, den Diakon aus der Diözese Mainz, hat seine Arbeit wenig damit zu tun. Er, der vor 25 Jahren nach Argentinien kam, um für einen verstorbenen Steylermissionar kurzfristig einzuspringen, ist geblieben – für immer. Er baute ein Schulungszentrum für Katecheten auf. Ein weiteres Projekt ist eine Schule für Straßenkinder. Durch den Bau einer angrenzenden Sporthalle (und deren Überlassung) gelang es ihm, die Anerkennung auch der etablierten benachbarten Schulen zu gewinnen, die über die Straßenkinder die Nase rümpften. Hermann, wie er sich nur nennen lässt, hat für eine Schulpsychologin und eine Sozialarbeiterin gesorgt, damit die zum Teil schwer traumatisierten Kinder nicht ohne Betreuung nach der Schule zurück in ihre Familien gehen müssen. Und er ist stolz darauf, dass seine früheren Schüler heute seine Chefs sind. „Wir haben nur das Recht hier zu arbeiten und zu bleiben, wenn wir uns überflüssig machen“, meint er.

Text: Michaela Pilters
Fotos: Carolin Kronenburg

Veröffentlicht unter Allgemein, Argentinien | Verschlagwortet mit , , , | Kommentare deaktiviert

Argentinien: „Fortschritt, dass hieß für die Regierungen, uns Indigenen das Land zu rauben und uns zu töten“

1111Die Überlandstraße führt von Formosa aus ins Nirgendwo. Wenigstens für uns, die wir aus Mitteleuropa dichte Besiedelung und kleine Landschaften gewohnt sind. Ins Nirgendwo. Immer schnurstracks geradeaus, nach Nordosten, in Richtung der Provinz Chaco. Doch wir werden erwartet. Sehnlich. Sieben Kilometer vor der Provinzgrenze biegen wir nach gut zwei Stunden Geradeausfahrt ab vom Highway. Da steht ein betonierter Schuppen. Er hat keine Fenster und ist gelb angestrichen. Auf dem Gelb prangt schwarzl das Abbild von Che Guevara, einer Ikone des Gerechtigkeitskampfes längst vergangener Zeiten.

2222Der Ort hat keinen Stromanschluss und heißt Riace d’Oro. „Herzlich, herzlich willkommen“, ruft uns Ankommenden Valentin Suarez zu. Der hochgewachsene Mann ist der Kazike, der gewählte Häuptling des Dorfes der Qom, in dem wir zu Gast sind. Sein Volk hat sich um Valentin Suarez versammelt. Viele der insgesamt 360 Menschen aus dem Volk der Qom oder Toba, wie die Ethnie früher bezeichnet wurde. Die Freude der Qom ist  beträchtlich, das sieht man – über den Unterschied der Kulturen – an ihren Gesichtern.  Sie sagen: Schön, dass ihr den weiten Weg  auf euch genommen habt.

Der Kazike beginnt mit dem Wichtigsten: „Unsere größte Not liegt darin, dass der Staat im Jahr 1976, als die Militärjunta regierte,  unseren Grundbesitz zusammengedrängt hat auf nur noch 510 Hektar. Wir sind weit über 350 Leute und treiben Ackerbau. Da wird es eng bei so wenig Fläche. Der Landmangel treibe viele Menschen seiner Gemeinschaft zur Abwanderung in die Provinzhauptstadt Formosa oder noch weiter weg nach Buenos Aires.

„Unser Dorf heißt Riace d’Oro, doch mit Oro, dem Gold ist hier nix“, ruft Valentin Suarez in die Runde. Im Gegenteil, wir sind sehr arm. Obgleich wir die Ziegelsteine unserer Häuser hier selbst produzieren, obwohl wir sehr geübte Jäger und Sammler sind. Sein Volk steht und sitzt im Halbkreis um den Mann, dem man ein wenig seinen Lehrerberuf anmerkt. SERPAJ, der Dienst für Friede und Gerechtigkeit von Friedensnobelpreisträger Adolfo Perez Esqzuivel, hat die indigenen Sprecher schult und rhetorisch ausgebildet. Ein Mann wie Valentin kennt die Gesetze und weiß zu erklären, wie der Staat und die Bürokraten sie brechen.

Die Überlandstraße, keine vierzig Meter entfernt von uns, sei die militärische Aufmarschstraße gewesen, auf der die Militärs seit dem 19. Jahrhundert ankamen, um viele Massaker an den Qom und ihren Nachbarvölkern zu verüben. „Fortschritt, dass hieß für die Regierungen, uns Indigenen das Land zu rauben und uns zu töten“, sagt der Häuptling.

333Heute sei seine Comunidad bestens organisiert. Padre Ponciano, der uns hergebracht hat, bestätigt: „Die Leute, die uns umstehen, haben wiederholt mit Erfolg  die Überlandstrasse blockiert, einmal vier Wochen lang. Zunächst die eine Fahrspur, dann die andere Fahrspur, schließlich beide.“ Und nun stehen Gespräche mit dem Kabinettschef de provinzregierung bevor. „Sie wird 99 Prozent unserer Forderungen nach einer bilingualen Schule, besserer Wasserversorgung erfüllen“, sagt Valentin mit Zuversicht.“ Dies sei durchgesickert.

4444Es dunkelt. Eine lange Dämmerung. Die Vögel verstummen, nur der Krach von den KW LKWs auf der Überlandstraße bleibt. Am Himmel zartrote Streifen. Israel meldet sich zu Wort. Er ist Qom-Führer wie Valentin. Israel zählt die erschreckend lange Liste der Mord- und Unrechtstaten der weißen Mehrheitsgesellschaft gegen die Indigenas auf, quer durch die Jahrzehnte.

Dann  naht der Abschied, denn das Dorf hat kein elektrisches  licht- Doch die Comunidad . Das Dorf hat zwei pfingstlerische Pastoren, Vater und Sohn. Wir werden Zeugen einer schönen Ökumene. Pater Ponciano von ENDEPA, der katholischen Indigena-Empowerment-Vikariat steht still dabei, als Vater, Sohn und das halbe Dorf der Qom uns segnen – in Zungenreden. Wie ein Chor schwillt dieses Segnen der Alten und Jungen, der Frauen und Männer erst an und dann verebbt dann still. „Wir haben die Blockade mit Gebeten begleitet“, sagt der junge Pastor selbstbewusst.

Dann viele Umarmungen, ein Lied auf Deutsch, ein Lied der Qom. Wir klettern in unseren engen Kleinbus und fahren ein paar Stunden lang nach hause, nach Formosa. Alle sind sehr bewegt vom Kampf unserer Gastgeber. Es ist schön,  dass unser Besuch  sie so sehr gefreut hat.

Text: Thomas Seiterich
Fotos: Carolin Kronenburg

Veröffentlicht unter Allgemein, Argentinien | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentare deaktiviert

Brasilien: Beeindruckend und beängstigend

Schauspielerin Eva Habermann, die zu den 11 Freunden der Aktion „Steilpass“ gehört, ist mit der „Steilpass“-Delegation nach Brasilien gereist. Nach zwei Tagen in Rio de Janeiro hat sie ihre Eindrücke aufgeschrieben:

Schon jetzt liegen bei mir die Nerven blank. In Rio deutet nichts darauf hin, dass hier eine WM stattfinden wird. Ich sehe keine Flaggen, keine Girlanden, keine Vorfreude in den Gesichtern der Menschen. Ich hatte so etwas schon erwartet, aber ich hätte nie gedacht, dass es so schlimm sein wird. Ich freue mich auf die WM, so ist das nicht, aber Brasilien ist ein Land, das die Voraussetzungen für eine großangelegte Fußball-WM eigentlich nicht erfüllen kann.

Dass in Brasilien die Verhältnisse zwischen Arm und Reich nicht stimmen und dass jeder Zweite der sonst so fußballbegeisterten Brasilianer sich öffentlich gegen die WM ausspricht, ist kein Wunder. Öffentliche Gelder sind in den Bau von Stadien geflossen. Gelder, die dringend woanders benötigt werden: im Gesundheitssystem, in der Bildung, im Kampf gegen Gewalt und Verwahrlosung der Jugend. Menschen, die seit 40 Jahren in den Armenvierteln lebten, wurden vertrieben, ohne Entschädigung, damit Zubringerstraßen oder Parkplätze gebaut werden konnten. Das ist für mich erschreckend und traurig.

Schauspielerin Eva Habermann hilft bei der Essensausgabe im Straßenkinderprojekt Avicres in Noca Iguaçu bei Rio Janeiro.

Schauspielerin Eva Habermann hilft bei der Essensausgabe im Straßenkinderprojekt Avicres in Noca Iguaçu bei Rio Janeiro.

Fröhliche Gesichter beim Besuch im Straßenkinderprojekt.

Fröhliche Gesichter beim Besuch im Straßenkinderprojekt.

Alles in Rosa: Mädchenzimmer mit Plüschtieren im Kinderheim in Nova Iguaçu.

Alles in Rosa: Mädchenzimmer mit Plüschtieren im Kinderheim in Nova Iguaçu.

Auf meiner Reise durch Brasilien mit der Aktion „Steilpass“ habe ich tolle Projekte besucht, die von Adveniat unterstützt werden. Und in den Projekten habe ich endlich das gefunden, was ich suchte – Hilfe für die, die am Rande der Gesellschaft stehen: Ein Tagesheim für Kinder, die mir neugierige Löcher in den Bauch fragten; ein Waisenhaus für Mädchen, die nicht mehr in ihre Familien zurückkehren können, da die Eltern sie verkaufen oder misshandeln. Diese Mädchen strahlen aber dank der liebevollen Fürsorge eine unglaubliche Lebensfreude aus, nahmen mich an die Hand und zeigten mir stolz ihre rosa gestrichenen Zimmer mit Justin Bieber an der Wand.

Und nicht zuletzt eine Klink für Drogensüchtige. Die meisten der Menschen sind Crack-abhängig, eine Droge, die günstig und leicht zu bekommen ist – und die für genau fünf Minuten ein euphorisches Gefühl verbreitet und den tristen Alltag vergessen lässt.
Diese Projekte und besonders die Begegnungen mit den Menschen haben mich zutiefst beeindruckt. Aber ich weiß, dass es noch viel zu tun gibt.

Text: Eva Habermann
Fotos: Martin Steffen

——————————
Eine Delegation aus den Teilnehmern des Aktionsbündnisses der WM-Aktion “Steilpass. 11 Freunde für Fairness und Gerechtigkeit” reist nach Rio de Janeiro und Brasília Gespräche mit den brasilianischen Partnern des Bündnisses vor Ort zu führen und Hilfsprojekte zu besuchen. Eine der 10 Forderungen der Aktion lautet „Jugend fördern und vor Gewalt schützen“.

Veröffentlicht unter Brasilien | Verschlagwortet mit , , , | Kommentare deaktiviert

Argentinien: Von Hirten, die den Geruch der Herde annehmen

111So wie Padre Lorenzo oder Padre Gustavo müssen sie wohl sein, die Hirten, die den Geruch ihrer Herde annehmen. So hat es Papst Franziskus in seiner bildhaften Sprache unlängst gefordert. Und so wirken diese beiden und ihre mehr als 20 Priesterkollegen, in Jeans und Sandalen, Sportjacken und Hemden, unter denen nur manchmal ein Priesterkragen hervorlugt.

Seit Jahren leben sie in „Villas“, den Armenvierteln in und um Buenos Aires, mitten unter den Menschen, die aus verschiedenen Provinzen oder den Nachbarländern Paraguay, Bolivien, Peru, in die Großstadt gekommen sind, um hier ihr Glück zu machen, Arbeit zu finden und ihre Familie ernähren zu können. Gefunden haben es die wenigsten.

3333Der Begriff „Elendsviertel“ ist mittlerweile verpönt. Man spricht einfach vom „Viertel“, von der „Villa“. Doch es ist ein Elend in den engen Gassen, mit den unfertigen Häusern, den Autoruinen, dem Müll in allen Ecken, dem Geruch, den abenteuerlichen Stromverkabelungen, den streunenden Hunden. Die Kriminalität ist hoch in den Vierteln. Drogen machen ganze Familien kaputt, Gewalt, Prostitution, Raub sind an der Tagesordnung.

Seit 1960 wachsen die Villas, manchmal nur einen Straßenzug entfernt von gutbürgerlichen Vierteln der Millionenstadt. Mittlerweile leben zwölf Prozent der Bevölkerung von Buenos Aires in solchen Armenvierteln, manche schon in der dritten Generation. 44 Prozent sind Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren. Es scheint hoffnungslos …

Und doch gibt es Lichtblicke, gibt es diese 24 Priester, die „Curas Villeros“, die Armenpriester, die leben wie ihre Herde. Zwei bis drei pro Pfarrei, zusammen in einer Wohngemeinschaft, in genauso schlichten Unterkünften wie „ihre Leute“, ohne Rücklagen, ohne Sicherheit.

Padre Lorenzo nimmt uns mit in seine Gemeinde in der Villa 21. Etwa 15.000 Menschen leben hier auf engstem Raum, in einfachen Steinhäusern, mit unverputzten Wänden, mit Möbeln vom Sperrmüll. Oft fehlen Türen und Fenster, fast immer aber sind da Gitter zum Schutz vor unerwünschten Eindringlingen. Aber es gibt eine Schule, einen Erste-Hilfe-Posten, ein Gemeindezentrum.

Der 48-Jährige führt uns ins Jugendzentrum Johannes Paul II., begrüßt die Jugendlichen mit einer herzlichen Umarmung. Ein kleiner Scherz, ein kurzes Gespräch. Man spürt seinen Stolz auf diesen bescheidenen Schutzraum, den er den Jugendlichen hier bieten kann. Auch ein Drogenzentrum und zwei Altenheime sorgen für die gerade hier so wichtige soziale Infrastruktur. Eine Sekundarschule ist im Aufbau. Wer hier mit den Priestern unterwegs ist, merkt die Zuneigung, die ihnen überall entgegenschlägt und die sie uneingeschränkt erwidern.

Die ersten Priester kamen in den 60er Jahren in die Viertel, wollten aus Solidarität mit den Arbeitern selber wie Arbeiter leben. Der tiefe Glaube der Gestrandeten hat viele von ihnen im Viertel gehalten, hat ihnen auch gezeigt, dass sie als Seelsorger gefragt sind. „Wir bringen den Ärmsten das Evangelium“, beschreibt Padre Sebastien seinen Weg, und es klingt ganz selbstverständlich aus seinem Mund. „Leben in der Nachfolge Jesu“ nennt es Padre Pedro, „hier können wir fruchtbarer sein als in anderen Gemeinden.“ Sogar auf Berufungen stoßen die Armenpriester immer wieder. Zur Zeit gibt es acht Seminaristen, die aus den „Villas“ stammen und Priester werden wollen.

444Auch die Katholische Universität in Buenos Aires – UCA – hat schon unter Kardinal Bergoglio erkannt, wie wichtig die Arbeit der Armenpriester ist. „Alle unsere Studenten müssen für eine gewisse Zeit hier arbeiten“, erklärt uns der aristokratisch wirkende UCA-Direktor, Erzbischof Victor Fernandez, einer der intellektuellen Ideengeber des argentinischen Papstes. „Wer zur Evangelisierung aufgerufen ist, muss die Sprache der Menschen nicht nur verstehen, er muss sie sprechen und ihre Probleme kennen.“ Den Geruch der Herde annehmen, wie Lorenzo und Gustavo und all die anderen. Ihnen muss die Sprache der Armen nicht mehr beigebracht werden. Man darf sie sich als glückliche Menschen vorstellen.

Text: Doris Wiese-Gutheil
Fotos: Carolin Kronenburg

Veröffentlicht unter Allgemein, Argentinien | Kommentare deaktiviert