Bolivien: Marsch über den Cumbre-Pass

Die Sicht in dem eisigen Nebel beträgt gerade einmal 10 Meter. Wir sind etwa 3 Kilometer unterhalb des Cumbre-Passes, dem 4.650 Meter hohen Eingangstor zu der Hochebene, über die man La Paz erreicht. Die uns entgegen kommenden Lautsprecherwagen kündigen die nicht allzu weit entfernte Spitze des Protestmarsches gegen den Bau der Interoceanica-Fernstraße durch den Naturpark TIPNIS an. dann hören wir sie, ohne sie zu sehen. Auf den seitlich hoch aufragenden Felsen haben Sympathisanten in den letzten Tagen Unterstützungsbotschaften für die seit 65 Tagen marschierenden Indios geschrieben. “Hände weg von TIPNIS” ist da zu lesen, aber auch ein “Evo se queda”.

Dann erscheinen die ersten Marschierer aus den Nebelwolken. Langsamen Schrittes schieben sie sich den Berg hoch, eingehüllt in Pullover und Jacken, die ihnen von der Bevölkerung des Hochlandes gespendet wurde. Weder die dünne Höhenluft noch die eisigen Temperaturen kennen sie. Ihre Heimat liegt auf zwischen 200 und 500 Metern im ewigen Sommer der Amazonasregion. Helfer verteilen Cocablätter gegen die Höhe und die Erschöpfung, Ärtze laufen hektisch mit Sauerstoffflaschen umher und spenden die fehlende Atemluft. Aus La Paz gekommene Krankenwagen transportieren Zusammengebrochene ab. Dabei hatten nur die Stärksten die letzten beiden Etappen überhaupt angetreten; Frauen, Kinder und Kranke waren mit Bussen in ein Camp wenige Kilometer vor La Paz gebracht worden.

Je näher der Protestzug dem Cumbre-Pass kommen, desto mehr Passanten stehen am Wegesrand und klatschen den Indigenen Mut zu. Studenten aus La Paz verteilen Decken, Brote und warmen Tee. Auf Kilometer haben sich die Tal abwärts fahrenden Autos gestaut, neugierig beobachten die Insassen die mit bunten Fahnen ausgestatteten und laut singenden Marschierer. “Hände weg von TIPNIS” hört man, “Viva Bolivia”, aber kein Wort gegen Präsident Evo Morales. Ob sie mit ihm in La Paz reden werden? Sie wissen es nicht, aber sie seien gekommen, um den Dialog zu suchen, um ihr Recht zur Mitbestimmung über ihren Lebensraum einzufordern. Sich von der Opposition, die in La Paz den Bürgermeister stellt, benutzen zu lassen, wollen sie nicht.

Als die etwa 2.000 Protestler um 14.00 Uhr den Pass erreichen, werden sie von auf den umliegenden Hügeln stehenden Passanten lautstark begrüßt, darunter vielen Hochlandbewohnern. Die traditionell sich antagonistisch gegenüber stehenden Hochland und Tieflandbewohner marschieren nun gemeinsam Richtung La Paz. Hier auf der Hochebene scheint die Sonne aus einem tiefblauen Himmel hinunter. Am späten Nachmittag erreicht der Zug das Lager in Villa Carmen, einem Vorort von La Paz. Morgen früh wollen sie in die Stadt einziehen, Endstation soll der Präsidentenpalast im Zentrum sein. Ihre Ankunft ist derweil in La Paz selber DAS Gesprächsthema. Wie werden die Bewohner reagieren? Werden sie sich dem Zug auf seinen letzten Kilometern anschließen? Wir wissen es nicht. Aber irgendwie lässt uns das Gefühl nicht los, dass es ein bedeutender Tag wird.

Thomas Milz

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