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Kindermigration: Eindringliche Worte eines Bischofs

Raúl Vera, der Bischof von Saltillo, ist wegen seines Einsatzes für Migranten mehrfach von Mafiakartellen bedroht worden. Foto: ole schmidt

Raúl Vera, der Bischof von Saltillo, ist wegen seines Einsatzes für Migranten mehrfach von Mafiakartellen bedroht worden. Foto: ole schmidt

Als wir seine Privatresidenz in der Stadt Saltillo betreten, wirkt er alt und gebeugt. Kein Wunder mit seinen inzwischen 75 Jahren. Doch nach dem Fototermin im Hof, vor dem Relief der Jungfrau von Guadalupe, der Schutzheiligen Mexikos, als die Sprache schließlich auf die Kindern und Jugendlichen in der Migration kommt, da sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus. Unser Gesprächspartner, Bischof Raúl Vera, gestikuliert so energisch, dass es nun kaum noch möglich ist, Fotos von ihm zu schießen.

Urkunden und Dankesschreiben schmücken die Wände seines Wohnzimmers, auf Bildern ist er zumeist mit indigenen Bewohnern des Bundesstaates Chiapas zu sehen. Aus den eingerahmten Briefen spricht Dankbarkeit für seinen energischen und mutigen Einsatz für die Rechte von denen, die in Mexiko am Rande der Gesellschaft stehen, für Indigene und Migranten.

Auch wenn Raul Vera Mitgefühl für die Kinder und Jugendlichen zeigt, spricht er klare Worte. Er benennt Ursachen und Verantwortliche. » Der Ursprung der Migration liegt im neoliberalen System«, sagt er energisch, fast zornig. Es schließe die große Mehrheit der Bevölkerung aus von Reichtum, Gesundheit, Bildung, Teilhabe. „Dieses Modell erzeugt Ungleichheit und Gewalt.“ Die Migration der Kinder sei ein Zeichen für die vorherrschende Grausamkeit. „Sie sind Kanonenfutter in ihren eigenen Ländern.“

Dass eine humanitäre Krise vorliege, das bestätigt Bischof Vera. „Und gerade deshalb dürfen die Kinder nicht dorthin abgeschoben werden, wo sie umgebracht werden oder des Hungertodes sterben.“ Der weißhaarige Mann spricht von „Flüchtlings­städten“ und zeichnet diese mit seinen Händen in die Luft: Orte, wo Kinder in Würde aufwachsen können, wo sie geschützt sind.

Es liegt aber auch eine ethische Krise vor, sagt Bischof Vera. In dieser steckten die Politiker, die die weltweite Armut verwalten, aber nicht gegen ihre Ursachen vorgehen. „Sie produzieren Tote, während sie den Eindruck vermitteln, dass sie sich kümmern.“ Die Aufgabe der katholischen Kirche sei es, Frieden und Menschlichkeit als Werte zu verteidigen. „Priorität hat immer der Mensch.“

Noch ganz benommen von seinem beeindruckenden Diskurs treten wir aus dem Haus. Die Türme der Kathedrale werfen lange Schatten über das koloniale Zentrum von Saltillo. Eine Einkaufsstraße führt an Ziegelbauten vorbei zu einem Park mit Akazien und Palmen. Jugendliche sitzen in Gruppen auf dem ausladenden Gehweg, den fröhlich-bunte Kuhskulpturen zieren. Als wir uns in einem Straßenkaffee niederlassen, fragt ein müde aussehendes junges Pärchen nach ein bisschen Geld. Sie seien aus Guatemala. Im Hintergrund ertönt das Pfeifen des Zuges über dem Tal.

Text: Kathrin Zeiske

Kathrin Zeiske arbeitete nach ihrem Politologiestudium in der Migrantenherberge Buen Pastor an der Südgrenze Mexikos. Über ihre Arbeit lernte sie Adveniat kennen. Heute ist sie als Freie Journalistin in der Region unterwegs und berichtet u.a. für den Blickpunkt Lateinamerika über Migration, Menschenrechte und Globalisierung.

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Kindermigration: Hunger bis zum Umfallen, das kenne ich von Zuhause

Zwei Kindermigranten in der Herberge von Fray Tomás in Tenosique. Foto: øle schmidt

Zwei Kindermigranten in der Herberge von Fray Tomás in Tenosique. Foto: øle schmidt

Sechzig Kilometer hinter der Grenze liegt Tenosique. Die Migranten erreichen die verschlafene Provinzstadt inmitten unendlicher Kuhweiden zu Fuß. Sie durchqueren Sümpfe und Flüsse. In der Krankenstation der Migrantenherberge „72“ waschen ihnen Freiwillige aus Mexiko und aller Welt die Füße und desinfizieren die aufgesprungenen Blasen.

Im Eingangsbereich der Herberge grüßt Monseñor Oscar Romero. Vor dem Gemälde des Befreiungstheologen aus El Salvador, der zum Auftakt des Bürgerkriegs in El Salvador erschossen wurde, stehen Blumen. Romero kann wohl zu Recht als geistiger Vater von Fray Tomás González gelten, dem Leiter der Herberge. Der Franziskaner hat sie vor vier Jahren nach den 72 Migranten benannt, die in Nordmexiko Opfer eines Massakers wurden.

Die Sonne brennt und die Luftfeuchtigkeit ist unerträglich. Wer kann, ruht im Schatten aus, die Männer mit nacktem Oberkörper, und wartet. Alle hier warten sie: auf die nächste Mahlzeit, den nächsten sicheren Schlaf – und den nächsten Güterzug, dessen Waggons die Migranten von hier aus Richtung Norden tragen.

Fray Tomás ist nicht da, er ist überraschend nach El Salvador aufgebrochen. Wer den 41jährigen Franziskaner sehen möchte, schlägt die Zeitung auf, die über seine öffentlichkeitswirksamen Aktionen für die Rechte von Migranten berichten. Fray Tomás hat es in den vergangenen Jahren als kompromissloser Anwalt der Migranten zu einem gewissen Ruhm gebracht. In einem Land, in dem sich Staatsbeamte und Narcos an den Reisenden bereichern, bringt dies jedoch Prügel und Morddrohungen mit sich.

Sein engster Vertrauter ist Fray Aurelio, der sich auf einen Stock stützt, als er uns die Herberge zeigt. »Kinder und Jugendlichen sind die Verletzlichsten unter den Migranten«, sagt er. »Hier in Mexiko sind sie leichte Beute für die Drogenkartelle, die sie als Kuriere ausbeuten, und für Kinderhandelsringe, die sie in die Prostitution zwingen.« Dieses Jahr seien so viele Kinder und Jugendliche vor Armut und Gewalt auf der Flucht, wie noch nie zuvor.

Erick Noe ist einer von ihnen. Als wir den 13Jährigen um ein Interview bitten, lotst er uns zu seinem Lieblingsplatz, einer Sitzrunde unter Palmendach. Erst müssen wir Dame gegen ihn spielen – und verlieren haushoch. Dann erzählt er uns seine Geschichte. Er komme aus Honduras und sei mit einem Freund unterwegs. »Die Reise nach Norden ist hart“, sagt er. „Oft habe ich Hunger. Aber Hunger bis zum Umfallen, das kenne ich nur zu gut von Zuhause.« Warum er in die USA will? „Da ist Kriminalität verboten. Und Kinderarbeit.“ Von beidem gäbe es in seinem Land viel zu viel. Wir wünschen ihm Glück. Eindringliches Pfeifen kündigt den Zug an. Die Migranten packen ihre Sachen. Auch Erick Noe. Tausende Kilometer liegen vor ihm. Wir nehmen am Abend ein Flugzeug.

Text: Kathrin Zeiske
Kathrin Zeiske arbeitete nach ihrem Politologiestudium in der Migrantenherberge Buen Pastor an der Südgrenze Mexikos. Über ihre Arbeit lernte sie Adveniat kennen. Heute ist sie als Freie Journalistin in der Region unterwegs und berichtet u.a. für den Blickpunkt Lateinamerika über Migration, Menschenrechte und Globalisierung.

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Kindermigration: Von Mittelamerika nach Mexiko

Migration

Das Schild der Migrationsbehörde an der Südgrenze von Guatemala nach Mexiko. Foto: øle schmidt

Guatemala: Saftige, grüne Landschaften ziehen wie im Zeitraffer an uns vorüber. Kautschukanpflanzungen wechseln Zuckerrohrplantagen ab. In malerischen Flussbetten liegen riesige, glatt gewaschene Steine. Unser Bus knattert, die Klimaanlage ächzt.

Vor uns sitzen zwei Halbwüchsige in Begleitung eines Mannes. Ein Vater mit seinen Söhnen, so scheint es. Je näher die Grenze kommt, desto unruhiger werden sie. Die Flussüberquerung wird besprochen, ein Treffpunkt für alle Fälle in Mexiko vereinbart. Jetzt wird klar, ein Coyote ist hier mit zwei Jungs auf den Weg nach Norden. Ins „Gelobte Land“, in die USA.

Die tausendfache Flucht von Kindern und Jugendlichen hat mittlerweile auch die mediale Öffentlichkeit in Deutschland erreicht. Schon seit Jahren war die Tendenz der Migration und Flucht von Minderjährigen aus Mittelamerika steigend. Dieses Jahr erreichte sie ihren Höhepunkt. Präsident Obama spricht von einer humanitären Katastrophe, um anschließend den Abschiebestopp aufzuheben, und die gefangenen Minderjährigen in ihre gewalttätigen Heimatländer zu deportieren.

Wie so viele Kinder und Jugendliche aus Guatemala, El Salvador und Honduras sind auch wir unterwegs, auf der gleichen Route durch Mexiko, Richtung Norden, in die USA. Unsere Reise wird weitaus komfortabler sein als die ihre. Keine auszehrenden Fahrten auf den Dächern der Güterzüge erwarten uns; keine Überfälle, Erpressungen und Entführungen müssen wir fürchten.

Die hohe Grenzbrücke, die Guatemala von Mexiko trennt, überqueren wir nun zu Fuß. Unter den Augen der gelangweilten Zöllner watet ein Mann zehn Meter tiefer durch den Fluss, sein Fahrrad und einen prall gefüllten Karton balanciert er über dem Kopf.

Lange ist dieser informelle Grenzübertritt wohl nicht mehr möglich, denn die mexikanische Regierung kündigte die massive Militarisierung der Südgrenze an. Das Geld kommt aus den USA. Vergessen scheinen die Zeiten, als Mexiko sich über seine toten Staatsbürger in der Wüste Arizonas empörte, die verdursteten, weil an anderen Stellen der Grenze eine unüberwindbare Mauer steht.

Abseits der großen Politik stehen die Menschen. Wir wollen in den kommenden sieben Tagen mit Mädchen und Jungen auf dem Weg nach Norden sprechen. Aber auch mit mutigen Menschenrechtsverteidigern, die ihnen in entlang der Route Schutz und Nahrung anbieten und ihre Stimme für sie erheben. Einige von ihnen werden von Adveniat unterstützt.

Text: Kathrin Zeiske
Kathrin Zeiske arbeitete nach ihrem Politologiestudium in der Migrantenherberge Buen Pastor an der Südgrenze Mexikos. Über ihre Arbeit lernte sie Adveniat kennen. Heute ist sie als Freie Journalistin in der Region unterwegs und berichtet u.a. für den Blickpunkt Lateinamerika über Migration, Menschenrechte und Globalisierung.

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Chile: Mapuchepastoral und Migrantenpastoral

Mapuche-Frau mit dem klassischen Kopfschmuck, der Trarilonco. Foto: Carolin Kronenburg

Mapuche-Frau mit dem klassischen Kopfschmuck, der Trarilonco. Foto: Carolin Kronenburg

Am zweiten Tag unsere Chile-Aufenthalts haben wir die Mapuche-Pastoral in Santiago besucht. Die Ordensgemeinschaft der Steyler Patres hat mit Frauen und Männern des Mapuchevolkes ein besonderes kirchliches Angebot entwickelt. Mich hat diese Arbeit stark an die spanisch-italienisch-kroatischen Gemeinden in unserem Bistum erinnert – Ein zentraler Unterschied besteht allerdings: das Volk der Mapuche war immer in Chile und Argentinien. Erst durch die Kolonialisierung durch die spanischen Eroberer hatten sie ihre Autonomie verloren. In den vergangenen vierzig Jahren hat die Kirche sehr stark versucht, ein neues Miteinander von Mapuche-Religionen und katholischem Glauben zu entwickeln. Im zweiten Teil unseres Besuches werden wir noch mehr davon sehen und hören.

Besonders beeindruckt bin ich vom Migrationszentrum und von der Migrantenpastoral der Erzdiözese Santiago de Chile. Drei Scalabrianer-Patres (auch verschiedene Nationalitäten) mit Sozialarbeiterinnen und Freiwilligen sind hier eine qualifizierte Anlaufstelle, wo Migranten aus ganz Lateinamerika Rat und Hilfe bekommen. Ich habe mit einzelnen Besuchern gesprochen, die mir von ihrem langen Weg auf der Suche nach Arbeit erzählten. Ein Peruaner war über Kolumbien, Venezuela und Brasilien nach Chile gekommen, um irgendeine Arbeitsmöglichkeit zu finden. Dieses Zentrum wäre sicherlich auch eine ideale Stelle für Freiwillige aus unserem Bistum. Am Nachmittag und Abend wurden wir mit der Zeit der Militärdiktatur konfrontiert. Wir haben die Gedenkstätte in der Villa Grimaldi besucht und eine damalige Inhaftierte hat uns von ihren Folterungen und Erlebnissen an dieser Stätte des Grauens berichtet. Das Konzept dieser Gedenkstätte erinnert mich an die neue Gedenkstätte im KZ Esterwegen.

Lelia Pérez (Mitte) berichtet in der ehemaligen Folterstätte Villa Grimaldi über die Grauen ihrer Vergangenheit. Foto: Carolin Kronenburg

Lelia Pérez (Mitte) berichtet in der ehemaligen Folterstätte Villa Grimaldi über die Grauen ihrer Vergangenheit. Foto: Carolin Kronenburg

Dann waren wir im Archiv der Vicaria Solidaridad. Dieser Ort ist ein Gedächtnis des Grauens und der Gewalt. Zu welchen Grausamkeiten sind Menschen in der Lage? Über Jahrzehnte wird hier den Opfern der Militärdiktatur und ihren Angehörigen juristische, psychologische und seelsorgliche Hilfe angeboten. In meiner Zeit als Gruppenleiter der Jugendarbeit haben wir verschiedene Aktionen durchgeführt, zur Unterstützung der Vicaria Solidaridad. Jetzt war ich in den Räumlichkeiten dieser unersetzbaren Einrichtung.

Generalvikar Theo Paul

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Mexiko: Alle Menschen sind Migranten

Die Hälfte unserer Großgruppe machte sich für fünf Tage in das Partnerbistum des Bistums Münster, in das Bistum Tula auf. Dort warteten schon vier Gastfamilien auf uns, die uns freudig begrüßten und die Tage über mit Hingabe und viel Liebe versorgten.

In dieser Zeit lernten wir verschiedene Realitäten des Bistums kennen: mehrere Basisgemeinden, Arbeiter in einer Handtuchfabrik, verschiedene traditionelle Prozessionen, (indigene) Volksfrömmigkeit, Katechetenunterricht und die Pastoralarbeit vieler Laien, Priester und Seminaristen.

Besonders eindrücklich für unsere Gruppe war der Sonntag. Nach dem reichhaltigen Frühstück in den Familien trafen wir uns in der Gemeinde St. Juan Bautista zum Wortgottesdienst mit Kommunionempfang, dem ein ausgebildeter Laie vorstand. Für die Katholiken in Tula ist diese Form des Gottesdienstes selbstverständlich um den Kirchenmitgliedern in den vielen Gemeinden gerecht zu werden. Die Kirchenbesucher waren sehr erfreut über die deutschen Lieder, die wir in den typisch mexikanischen Gottesdienst integrierten.

Mit dem Pick-Up zur casa de de migrante

Mit dem Pick-Up zur "casa de de migrante"

Im Anschluss daran ging es auf einem Pickup in Richtung „casa de migrante“ in dem täglich Migranten aus Mittel- und Südamerika einen Zwischenstopp auf ihrer Reise in die USA einlegen. Aufgrund von Perspektivlosigkeit und Armut sehen sich viele Menschen gezwungen den gefährlichen Weg auf einem Güterzug in eine „bessere Welt“ zu bewältigen. Diese Unternehmung ist begleitet von Hunger, extremen Wetterbedingungen, Bandenkriminalität, Polizeigewalt, Verstümmelungen und Tod.

Um das Leid der Migranten zu mildern und ihnen einen Ruhepol mit menschlicher Nähe zu bieten arbeiten Schwestern in der Nähe von Tula in einem Haus direkt an der Zugstrecke. Für uns unerwartet begegneten uns die Migranten mit Freundlichkeit und Offenheit. Wir konnten an diesem Tag einen kleinen Beitrag bei der Essensausgabe und bei der Reinigung des Essen- und gleichzeitig Schlafsaales leisten. Die Dankbarkeit der Männer, Frauen und Kinder war ihnen anzusehen. Während des darauffolgenden Gespräches mit der Leiterin des Hauses machten sich die Gäste bereits wieder auf den Weg in den Norden. Auf die Frage, ob wir mit den Migranten über Theologie gesprochen haben und wir dieses verneinten, erwiderte die Schwester: „Ihr habt gerade wirkliche Theologie betrieben – alles Theoretische nützt nichts, wenn es nicht praktisch gelebt wird!“ Unsere Gastfamilien waren von dieser harten Wirklichkeit und dem Engagement der Schwestern ebenso tief bewegt wie wir. Gemeinsam baten wir eine Unterstützung des Hauses der Diözese Tula an. Die argentinische Schwester gab uns zuletzt den Wunsch mit auf den Weg, dass wir nach unserer Heimkehr auch die Armen in unserer Umgebung mit anderen Augen wahrnehmen und zu bedenken, dass alle Menschen Migranten sind.

Michael und Tobias

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Mexiko: “Wo ist dein Bruder?”

Die Sehnsucht nach einem besseren Leben verbindet die tausenden lateinamerikanischen Migranten, die sich jedes Jahr auf den Weg in die USA machen. „Wo ist dein Bruder?“, mit dieser Frage ließ uns Schwester Hermana Dolores Palencia tief in das Thema der Migration eintauchen. Durch ihre lebendige Erzählung fesselte sie die Teilnehmer, die sich im Seminarraum eingefunden hatten, von Anfang an.

Hermana Dolores Das von ihrer Ordensgemeinschaft betreute Haus in Vera Cruz liegt an der im Süden Mexikos befindlichen Bahnstrecke. Hermana Dolores und ihre zwei Mitschwestern haben sich ganz den Bedürfnissen der Migranten verschrieben, bis hin zur eigenen Bedrohung. Eine warme Mahlzeit, ein Dach über dem Kopf und wenn nötig gesundheitlichen und rechtlichen Beistand können die Migranten hier bekommen, die oft schon Wochen lang unterwegs sind. Erschöpft von der langen Reise und durch unmenschliche Behandlung gedemütigt kommen sie mit den Güterzügen, auf die sie aufspringen, bei den Schwestern an. Manchmal erreichen 2-3 mal pro Tag größere Gruppen das Heim. Nicht nur Männer sind unter den Migranten, sondern auch Frauen und Kinder, die sich auf dieser schweren Reise in besonderer Gefahr befinden. Organhandel, Vergewaltigung und Entführung bedrohen ihr Leben.

Szene aus dem Vortrag: Migranten auf den Güterzügen

Szene aus dem Vortrag: Migranten auf den Güterzügen

Während des Vortrags hätte man häufig eine Stecknadel fallen hören können, da wir alle nicht nur durch das Thema gefesselt wurden, sondern auch in besonderer Weise von Hermana Dolores als Person. Durch ihre aufopfernde Lebensweise hat sie alle Zuhörenden tief beeindruckt. Hängen geblieben sind auch Antworten auf die Frage, was sie von und mit den Migranten gelernt hat beziehungsweise lernt. Sie erzählte, dass sie besonders inspiriert von der Hoffnung und dem Mut der Menschen ist. „Manchmal fragen wir uns, ob wir so stark vom Reich Gottes träumen, wie die Migranten von den USA.“ Aus ihrer Sicht existiert in diesem Praxisfeld sogar eine neue Theologie, die der Migranten. Die besondere, liebevolle Hinwendung der Schwester Hermana Dolores Palencia zu diesen Menschen hat uns alle sehr berührt.

Franzis und Mirjam

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