Ecuador: Mehr Mut zur Gelassenheit

Nell Richter arbeitet ein Jahr als Freiwillige beim Sozialwerk „Hogar de Cristo“ in Ecuador, Projektpartner vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Für den Weltfrauentag hat Nell eine Veranstaltung mitorganisiert – gar nicht so einfach für eine Deutsche im entspannten Ecuador.
Eine Frau macht einen roten Handabdruck auf ein Plakat

Handabdrücke für Frauenrechte. Am Weltfrauentag setzen sich Frauen gegen Femizide und für ihre Rechte ein. Foto: privat

Am 7. März, einen Tag vor dem Weltfrauentag, ging ich wie immer direkt nach dem Mittagessen zur Pastoral Social, in der ich den Großteil der Woche arbeite. Unsere Kollegin Irma erwartete Kathrin (meine Mitfreiwillige) und mich mit der Nachricht, dass wir bitte ganz dringend einen kleinen Steckbriefzettel am Computer designen sollten. Also gestalteten wir in Windeseile ein Informationsblättchen zu einer Veranstaltung des am nächsten Tags stattfindenden Frauentags.

Ich konnte es mal wieder nicht fassen: diese Organisation und Planung! Bereits Tage im Voraus hätte man den Zettel unter die Leute bringen sollen und noch davor hätte man uns damit beauftragen können, ihn anzufertigen. Nun wurden wieder mehrere Schritte in einen Nachmittag geschoben und für mein Verständnis viel zu kurzfristig versucht, etwas auf die Beine zu stellen. Ganz unproblematisch hätte ich bereits am Tag zuvor zumindest die Einladung und Vervielfachung erledigen können.

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Peru: Überschwemmt

Bäche werden reißende Flüsse und überschwemmen ganze Städte, Schlammlawinen schlucken Häuser und Menschen. In Peru hat El Niño zugeschlagen. Die Region Piura im Norden des Landes ist nahezu vollständig überschwemmt. Padre Juan Goicochea, Projektpartner des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, hat vor Ort zwischen Elend und Trauer eine Welle der Solidarität erlebt.

Padre Juan Goicochea ist in seine Heimat Piura gereist, um sich selbst ein Bild von der Situation vor Ort zu machen. Er arbeitet seit Jahren in einer Gemeinde im Süden der Hauptstadt Lima. Regenfälle haben große Teile der Hauptstadt verwüstet, woraufhin sich die Menschen der Pfarrgemeinde von Padre Goicochea organisierten, um den Opfern in den betroffenen Stadtteilen Limas zu helfen. Sie verteilen Nahrungsmittel, Medikamente, Kleidung und Wasser – aber auch Spielzeug, um mit dem Wichtigsten auch Freude zu schenken. Dabei sind sie selbst arm und leben teilweise vom Müllsammeln. Auch in der Stadt Piura und der umliegenden Region helfen die Menschen einander.

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Mexiko: Eine Welt für sich

Nicht jede Recherche ist einfach, besonders wenn etwas verborgen bleiben soll. Dies erfuhr das kleine Team, das für das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat im Norden Mexikos Arbeitsbedingungen in Montagefabriken untersuchte. Was sich hinter den Fabrikmauern abspielt darf die Außenwelt nicht erfahren.
Ein Mann steht vor einem Tor. Dahinter stehen viele weiße Busse.

In den weißen Personal-Bussen werden jeden Tag Tausende von Arbeitern und Arbeiterinnen zu den Maquilas und zurück nach Hause transportiert. Foto: Jürgen Escher/Adveniat

Hintergrundinformationen gibt es zuhauf. InterviewpartnerInnen haben wir genug. Aber logisch, wenn wir eine Reportage machen, sollten wir auch Fotos von den Produktionsstätten haben. Doch leichter gesagt als getan!
Unmöglich, sagt mein Freund Leobardo, der Journalist. Schwierig, die sind da sehr eigen, sagt Vladimir, der als Computerspezialist in einem Unternehmen arbeitet. Kein Problem, sagen Javier und sein Bruder, der Generalvikar. Sie haben Beziehungen über die Kirche.

Wir besuchen eine Fabrik des deutschen Unternehmens Bosch und werden durch die Berufsschule geführt. Ein bislang unbekanntes Konzept in Mexiko. Azubis und Meister arbeiten im Einklang an modernen Betriebsmaschinen auf gelecktem weißen Boden, bauen Produktionsroboter und Halterungen. Die deutschen Chefs kommen uns begrüßen. Wir gehen gemeinsam in der Kantine Mittagessen. Auf Deutsch und Spanisch unterhält man sich. Auf dem Rückweg fehlt der Fotograf Jürgen Escher. Die Bosch-Angestellten geraten regelrecht in Panik. Jürgen ist einfach nur vorgegangen und steht vor dem Eingang der Berufsschule. Wir schmunzeln über die augenscheinliche Aufruhr. Fotos durfte er keine machen. War die Panik aus Angst, dass Jürgen etwas entdeckt, was schön versteckt bleiben sollte?

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Mexiko: Geteilte Stadt

Journalistin Kathrin Zeiske lebt in Mexiko. Für das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat recherchierte sie vor Ort mit Fotograf Jürgen Escher – und lernte dabei ihre aktuelle Heimatstadt Ciudad Juárez neu kennen.

In Ciudad Juárez lebt ein Großteil der Bevölkerung in bitterer Armut, obwohl er hart und zeitintensiv arbeitet. Foto: Jürgen Escher/Adveniat

Ich lebe seit über einem Jahr in Ciudad Juárez. Als Zugezogene vergesse ich manchmal, dass es eine geteilte Stadt ist. Und damit meine ich nicht die Grenze zu El Paso, die ebenfalls absurd ist und Familien trennt. In Ciudad Juárez verläuft eine unsichtbare Linie zwischen Arm und Reich.

Natürlich ist sie nicht völlig unsichtbar. Klar ersichtlich ist, dass in den Häusermeeren im Westen und Süden nur materiell arme Menschen im Wüstenstaub wohnen. Und dass die Villen mit Säulen und Kuppelbauten hinter Eisentoren im grün bewässerten Westen der Stadt stehen. Weniger ersichtlich ist, dass sich aus dieser Gegend nie jemand ins Zentrum verirrt.

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Brasilien: Hoffnung in Heliópolis

Menschen, die als billige Arbeitskräfte ausgebeutet werden, treffen Journalist Thomas Milz und Fotograf Florian Kopp in São Paulo für das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. In dem Armenviertel Heliópolis besuchen sie Octávio, der trotz vieler Misserfolge noch Hoffnung hat.

Die Favela Heliopolis in São Paulo. Die Bewohner haben hier ein Netzwerk von Selbsthilfeorganisationen aufgebaut. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Hämmern, Sägen, Stimmengewirr. Wir sind im „Fab Lab“ der Favela Heliópolis in São Paulo. „Fab Lab“ steht für die Mischung aus Fabrik und Laboratorium. Hier können Kinder und Jugendliche aus der Favela in Handwerksberufe reinschnuppern, können die Werkzeuge von Bohrmaschine, Fräsen bis hin zu 3D-Lasern für ihre Projekte benutzen. Voraussetzung: Es muss etwas gebaut werden, das der Gemeinschaft dient.

Jugendlicher beobachtet einen Roboter, Projektarbeit im Ausbildungszentrum „Fab Lab Live“ der Organisation UNAS. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Heliópolis ist nicht irgendeine Favela. Sie ist über die Jahre zum Sinnbild für Eigenverantwortung geworden. Rund 700 Angestellte, alle aus der Favela, arbeiten bei UNAS, der Anwohnervereinigung, die in Heliópolis einfach alles organisiert: Schulen, Gesundheitsposten, Kulturangebote, Berufsausbildung für alle Altersschichten. Dabei unterstützen sie sowohl Privatunternehmen wie auch Stadt und Land, die für die von UNAS übernommenen Aufgaben bezahlen.

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Brasilien: Eine unsichere Zukunft

Brasilien steckt in der schwersten wirtschaftlichen Krise seit Jahrzehnten. Das bedeutet: noch mehr Arbeitslose, weitere Ausbeutungen. Journalist Thomas Milz und Fotograf Florian Kopp reisen für das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat durch den Bundesstaat São Paulo und treffen Menschen, die damit zu kämpfen haben.
Zwei Männer schauen unter ein Auto

Victor mit seinem Schwager Anderson in dessen Werkstatt. Foto: Florian Kopp/Adveniat

An der Küste, 50 Kilometer von São Paulo entfernt, liegen die Städte Santos, Brasiliens wichtigster Hafen, und São Vicente, die erste Siedlung der Portugiesen auf dem südamerikanischen Kontinent. Im Hinterland der beiden Städte ragen die Schornsteine und Industriekomplexe von Cubatão in den Himmel, einst einer der wichtigsten Industriezentren Brasiliens. Die Öl- und Chemieindustrie hat hier das Erdreich und das nahe Meer auf Jahrzehnte verschmutzt. Jetzt ist die Industrie in Krise, hunderte Arbeitsplätze sind verloren gegangen.
 
Wir fahren nach Villa Margarida, ein Armenviertel am Rande von São Vicente. An einer Ecke steigen dicke Qualmwolken bis ätzendem Gestank auf. Irgendjemand hat die über die Straße hängenden Stromkabel gekappt. Jetzt brennen sie die Isolierung runter, um den Kupferdraht zu verkaufen. Wir mögen vorsichtig sein, warnen uns unsere Gastgeber der JOC (Juventude Operária Cristã), der Christlichen Arbeiterjugend, deren Arbeit seit Jahren vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt wird. Eine Drogenbande hat in der Vila ihr Hauptquartier, und Überfälle sind an der Tagesordnung.  Für Jugendliche ist São Vicente kein gutes Pflaster. Die Stadt ist eine der ärmsten im ansonsten reichsten Teilstaat Brasiliens.

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