Bolivien: Autofreies La Paz

Wir hatten uns eigentlich schon an das Bild gewöhnt. Im Schritttempo quält man sich die hoffnungslos verstopften Straßen von La Paz hinauf und hinunter, gestresst vom Gehupe und der chaotischen Fahrweise der Verkehrsteilnehmer. Dazu der penetrante Gestank von Diesel, der in dicken schwarzen Russwolken aus den verrosteten Auspuffen quillt. Der Großteil der Fahrzeugflotte scheint aus den 80er Jahren zu stammen, genau wie die Musik, die aus den Radios der Taxifahrer dringt. “Major Tom”, Falco, Milli Vanilli – wir sind zurück in unserer Jugend.

Vor allem eng sind die Taxen, zudem ist die vordere Ablage derart mit flauschigen Abdeckungen und Stofftieren vollgestopft, dass man sich wundert, wie der Fahrer überhaupt noch etwas sehen kann. Zudem da die obere Hälfte der Windschutzscheibe stets mit dunklen Werbeaufklebern zugekleistert ist. Aber natürlich haben die mindestens einen Kopf kleineren Bolivianer einen anderen Blickwinkel als wir, die sie nur “die Giganten” nennen. Verzichten mögen wir trotz aller Unbequemlichkeit letztlich aber nicht auf den Taxiservice, ist das Laufen mit schweren Equipmenttaschen doch in der dünnen Höhenluft eine noch grausamere Tortur.

So sahen wir der Ankündigung, dass der Sonntag generell autofrei sein werde, mit gemischten Gefühlen entgegen. Grund war dabei nicht die Einsicht, dass die Stadt einfach mal eine Erholung von dem ewigen Verkehrsstillstand brauche. Die Regierung hatte ihre Bürger aufgerufen, die höchsten Richterämter direkt zu bestimmen. Damit die Bürger nicht von ihrer Wahlpflicht abgelenkt werden, war der Alkoholausschank bereits seit Freitag verboten, die Benutzung von Fahrzeugen dann am Wahlsonntag selbst. Zwar hatten wir eine Sondergenehmigung über das lokale Bischofsbüro beantragt, darüber beschieden werden könne jedoch erst am Dienstag nach den Wahlen, so die etwas befremdlich erscheinende behördliche Auskunft.

So weit so gut, wir machten wir uns halt schweren Schrittes auf den Weg zur sonntäglichen Messe in der San Francisco Kathedrale auf. Wie ein Wunder hielt bald ein Taxi an, dass über den lokalen katholischen TV-Kanal eine Sondergenehmigung für den Sonntagsbetrieb erhalten hatte. “Welch ein Zufall, wir arbeiten tatsächlich für die Kirche,” übermittelten wir strahlend dem grimmig drein blickenden Taxifahrer. Den interessierte dies jedoch genau so wenig wie die Polizisten an den regelmäßigen Straßensperren. Wir kamen schließlich ohne Probleme durch.

La Paz ohne Auto entfaltet ganz plötzlich und unerwartet den Charme einer riesigen kolonialen Fußgängerzone. Kinder düsen die steilen Straßen mit ihren Go-Karts hinunter, Familienväter schieben ihre Kleinen in Kinderwagen über die leeren Avenidas des Zentrums. Eine entspannte Athmosphäre liegt über der sonst so hektischen Stadt. “La Paz – der Frieden.” Endlich passt es zusammen. Die Relaxtheit scheint auch auf die sonst so streng wirkenden Polizisten abzufärben. Plaudernd stehen sie vor den Wahllokalen, in denen es ruhig und geordnet zugeht. Nichts zeugt von den teilweise heftigen Diskussionen zwischen der Regierung und der Opposition im Vorfeld der Wahlen. In den Nachrichten wird man später berichten, dass alles unerwartet ruhig und ohne besondere Vorkommnisse abgelaufen sei.

Ab 20.00 Uhr darf der Verkehr dann wieder rollen. Doch so richtig in Schwung kommen will er dann doch nicht mehr. Wir suchen derweil noch nach einem Restaurant, um unseren Abendhunger zu stillen. Wo sonst ein Restaurant neben dem anderen seine Köstlichkeiten anpreist, ist fast alles geschlossen. Wir finden noch eine Wirtsstube, bestellen erst einmal ein kühles Bier. “Keinen Alkohol am Wahltag, erst morgen wieder” werden wir belehrt. Alles Bitten und Betteln hilft nichts. “Mit einem Extra-Trinkgeld würde es wohl klappen,” rät uns ein Tischnachbar. Doch soweit wollen wir an diesem für die Demokratie so wichtigen Tag nicht gehen. Wir können bis morgen warten. Dann geht alles wieder seine geregelten Bahnen. Inklusive dem stets gleichen Verkehrschaos.

Thomas Milz

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