Brasilien: Inkulturation in rosa

Wahrscheinlich kommt sie ursprünglich aus China. Damit hatte sie wohl bereits die halbe Welt umsegelt, bevor unser Videomann Peter Theisen sie auserkor, um mit ihr die frohen Tage zu verbringen. “Es muss kurz vor der Mainzer Fastnacht im letzten Jahr gewesen sein, da erblickte ich sie in einem Geschäft“, erinnert er sich nun. Tage und Nächte hindurch habe er damals getanzt und Spaß gehabt, stets in Begleitung jener rosaroten Perücke.

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Er hatte von Anfang an ein Auge auf sie geworfen: Die Perücke auf dem Haupt des ältesten Schamanen der Yanomami. Foto: Thomas Milz

Dann die Reise nach Rio de Janeiro, da habe er sie einfach mal in den Koffer geschmissen, sagt Peter. Groß was dabei gedacht habe er sich nicht, außer dass er halt mit ihr den Carnaval in Rio feiern wollte. Als er sich dann kurzentschlossen aufmachte, um das Spektakel in Rios Sambodrom zu sehen, nahm er die Perücke natürlich mit. Er habe damit großen Eindruck unter den Brasilianern gemacht, berichtet er, und zum Beweis zeigt er uns Fotos, die er mit seinem Handy geknipst hat.

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Perücke mit Peter im Sambadromo von Rio de Janeiro. Foto: Peter Theisen

Die Perücke kam mit ins Dorf der Yanomami

Als es dann in das Dorf der Yanomami ging, kam die Perücke mit. „Ich weiß nicht, was mich geritten hatte, sie einzustecken“, versucht Peter später den Moment zu reflektieren. „Irgendwie hatte ich aber das Gefühl, dass etwas Gutes dabei rauskommen würde.“ Zwei Tage lang lugte die Perücke nur aus Peters Rucksack heraus. Kichernd standen die Yanomami davor, sie rätselten wohl, was jenes seltsame neonfarbene Kraushaar war. „Uns deshalb anzusprechen schienen sie zu schüchtern“, berichtet Peter.

Es war fast Zeit, den Heimweg nach Boa Vista anzutreten. Ich gönnte mir gerade noch ein kleines Nickerchen, als mich plötzlich jemand an den Arm stieß. Neben meiner Hängematte stand der „Tradicional“, der älteste Schamane der Yanomami, der uns bisher nur aus sicherer Entfernung beobachtet hatte. Aus seinem Mund kamen für mich unverständliche Laute, so dass ich rasch Armindo zu Hilfe bat.

Inkulturation in rosa

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Perücke mit Schamane im Dorf der Yanomami. Foto: Thomas Milz

„Er will wissen, ob wir die Felder gesehen haben? Ob wir meinen, dass es eine reiche Ernte werden wird?“ Ich stotterte ein knappes „Ja“ und „Danke, dass wir hier sein dürfen.“ Doch der alte Mann brummelte weiter unverständliche Worte. „Ich glaube er will etwas von Dir“, meint Armindo, „er will Dich um etwas bitten.“ Dann zeigte der alte Mann bereits auf die rosarote Perücke in Peters Rucksack.

„Ja gerne, setzen Sie sie ruhig auf“, erklärte ich. Der Schamane setzte seinen Hut ab und streifte sich die Perücke über. Dann lachte er und ging. Dabei rief er uns noch etwas zu. „Was sagt er?“ wollte ich wissen. „Er sagte, dass ihn die Perücke wohl bei der Feldarbeit vor der gleißenden Sonne beschützen könnte“, erklärt Armindo. Wir beide schauten uns nur an, dann zuckten wir mit den Achseln.

Unser Videomann Peter, studierter Ethnologe, glaubt allerdings, dass die Perücke demnächst ihren würdigen Platz in Yanomami-Ritualen einnehmen wird. „Inkulturation nennt man so etwas“, schloss Peter trocken.

 

Über Thomas Milz

Thomas Milz arbeitet seit 15 Jahren als Journalist und Fotograf in Südamerika. Derzeit arbeitet er von Rio de Janeiro aus u.a. für den ARD-Hörfunk und die Katholische Nachrichtenagentur KNA. Für Adveniat hat er in den letzten Jahren Brasilien, Chile, Paraguay, Bolivien und Argentinien bereist.