Brasilien: Frieden für die Tenharins

„Haja paz“, seid friedlich zueinander, hört man Dom Roque oft sagen. Seit zwei Tagen sind wir mit dem Erzbischof von Porto Velho nun schon unterwegs. Aus seiner Diözese in Westbrasilien hatten wir uns aufgemacht Richtung Amazonien. Unser Ziel: die Tenharin zu besuchen, ein indigenes Volk im Süden des Bundesstaates Amazonas.

JE_Blog_6_1

Dom Roque Paloschi, (Mitte, Erzbischof von Porto Velho und seit 2015 Präsident des Indianermissionsrat CIMI) zu Besuch bei den Tenharin-Indigenen im Dorf Marmelos im Amazonas. Fotos: Jürgen Escher

Zwar gehört die Region nicht zu Dom Roques Diözese. Doch als neuer Präsident des Indigenenmissionsrates der katholischen Kirche, CIMI, stattet er dem Volk einen Antrittsbesuch ab. „Es ist immer gut, sich die Dinge persönlich anzusehen“, sagt Dom Roque.

Fünf Stunden dauert die Autofahrt über die Transamazonica-Straße insgesamt. Beim Übersetzen über den mächtigen Rio Madeira in Humaitá sehen wir drei Kreuze am Wegesrand stehen. Im Dezember 2013 verschwanden drei Personen aus der Region auf dem Weg durch das Territorium der Tenharin. Seitdem ist das Verhältnis zwischen den Indigenen und der weißen Bevölkerung der Region angespannt.

Es ist schon spät als wir bei den Tenharins ankommen. Eine kurze Begrüßung erfolgt, wir sollen den Dorfvorstehern berichten, was unser Anliegen ist, wieso wir fotografieren und berichten wollen. Und man ist froh, dass Dom Roque da ist. Man will ihm von dem nun schon über zwei Jahre dauernden Leiden berichten.

JE_Blog_6_3

Dom Roque segnet eine alte Tenharin-Indigene.

Spektakuläre Gerichtsurteile

Dann spannen wir unsere Hängematten auf und lassen uns erschöpft in sie fallen. Dom Roque, der uns in der Nacht zuvor noch persönlich am Flughafen abgeholt und damit seinen Schlaf geopfert hatte, schläft sofort ein. In letzter Zeit sei er nicht zu viel Schlaf gekommen, sagt einer unserer Begleiter vom CIMI. „Erst die neue Stelle in Porto Velho, dann die CIMI-Präsidentschaft, die ständige Reisen mit sich bringt, da kommt er nicht mehr viel zum Schlafen.“

Über zehn Jahre lang war Dom Roque Bischof in Boa Vista gewesen, im nördlichsten Teilstaat Roraima, also dort, wo wir gerade hergekommen sind. Dort hatte er sich für die Einrichtung des indigenen Schutzgebietes „Raposa Serra do Sol“ eingesetzt. Nachdem das Gebiet 2005 eingerichtet wurde, folgten spektakuläre Gerichtsurteile, die die weißen Bauern der Region zum Verlassen des Gebietes aufforderten. 2008 wurden die Bauern schließlich mit Hilfe der Polizei abtransportiert. So etwas hatte es in Brasilien noch nicht gegeben.

Sein Einsatz für den Schutz und die Rechte der indigenen Völker Brasiliens hatte Dom Roque deshalb für den Vorsitz des Cimi prädestiniert. Die Aufgabe, die Nachfolge des international bekannten Amazonas-Bischofs Erwin Kräutler anzutreten, wiege schwer, das weiß Dom Roque.

JE_Blog_6_2

Gemeinsames Gebet unterm Baum in der Tenharin- Comunidade Mafui zusammen mit CIMI-Mitarbeitern aus Porto Velho.

Straße durch den Urwald gepflügt

Am nächsten Morgen stattet er jedem einzelnen der elf Dörfer der Tenharins seinen Antrittsbesuch ab. Das sei wichtig, damit sich kein Dorf benachteiligt sehe, erklärt er. Wir hören Geschichten über das Schicksal der Tenharins, die uns betroffen machen. Völlig überraschend standen die Indigenen 1970 plötzlich gigantischen Maschinen entgegen, die die Transamazonica-Straße durch den Urwald pflügten. Bis dahin hatten sie kaum Kontakt zum „weißen Mann“ gehabt.

Vierzehn junge Indigenen wurden gezwungen, beim Straßenbau mitzuhelfen. Mit den Bauarbeitern kamen die Krankheiten. Man schätzt, dass von den einst 10.000 Tenharins nur 200 überlebten. Am schlimmsten für das Volk war jedoch der Tod ihrer Pajes, der Schamanen, die für die spirituellen Rituale verantwortlich waren und die Geschichte des Volkes bewahrten. Und sie waren die Heiler des Volkes. Ohne sie stehen die Tenharins nun schutzlos da.

JE_Blog_6_4

Dom Roque Paloschi, geschmückt mit dem Kopfschmuck, einem Geschenk der Tenharin.

Die Stimmung im Volk ist schecht

Heute hat sich die Bevölkerung der Tenharins wieder auf rund 1.000 erhöht. Doch die Stimmung in dem Volk ist schlecht. Seit dem Verschwinden der drei Weißen im Dezember 2013 leben sie im Ausnahmezustand. Fünf ihrer Anführer waren lange in Untersuchungshaft, was das Leben der Dorfgemeinschaft auf den Kopf stellte. Die Justizbehörden vermuten, dass die Tenharins für das Verschwinden der Männer verantwortlich sind. Mehrmals fiel ein Mob aus weißen Siedlern in ihre Dörfer ein, brannten Hütten nieder.

Die Tenharins glauben, dass weiße Siedler ihnen die Schuld in die Schuhe schieben wollen. Seit Jahren kommt es zu Konflikten mit den Bauern, die immer mehr Indigenenland illegal für ihre Zwecke benutzen. Zudem plant die Regierung einen Staudammbau in der Nähe, gegen den die Tenharins protestieren. Man wolle sie deshalb diskreditieren, glauben sie. Dom Roque spendet den Indigenen Trost. Cimi setzt sich für die Tenharins ein, hat ihnen Anwälte zur Verfügung gestellt.

Auch in uns setzen die Tenharins Hoffnung

Wir mögen ihnen helfen, gegen den Landraub durch die weißen Siedler und den geplanten Staudammbau, der das Indigenengebiet bedroht, anzugehen. Mit Tränen in den Augen flehen sie uns an, ihr Anliegen an die Öffentlichkeit zu tragen. Betroffen fahren wir zurück nach Porto Velho, dem Bischofssitz von Dom Roque. Vor ihm liegen schwierige Aufgaben, das ist ihm nach den wenigen Wochen im Amt des CIMI-Präsidenten schon klar geworden.

Über Thomas Milz

Thomas Milz arbeitet seit 15 Jahren als Journalist und Fotograf in Südamerika. Derzeit arbeitet er von Rio de Janeiro aus u.a. für den ARD-Hörfunk und die Katholische Nachrichtenagentur KNA. Für Adveniat hat er in den letzten Jahren Brasilien, Chile, Paraguay, Bolivien und Argentinien bereist.