Brasilien: Hoffnung in Heliópolis

Menschen, die als billige Arbeitskräfte ausgebeutet werden, treffen Journalist Thomas Milz und Fotograf Florian Kopp in São Paulo für das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. In dem Armenviertel Heliópolis besuchen sie Octávio, der trotz vieler Misserfolge noch Hoffnung hat.

Die Favela Heliopolis in São Paulo. Die Bewohner haben hier ein Netzwerk von Selbsthilfeorganisationen aufgebaut. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Hämmern, Sägen, Stimmengewirr. Wir sind im „Fab Lab“ der Favela Heliópolis in São Paulo. „Fab Lab“ steht für die Mischung aus Fabrik und Laboratorium. Hier können Kinder und Jugendliche aus der Favela in Handwerksberufe reinschnuppern, können die Werkzeuge von Bohrmaschine, Fräsen bis hin zu 3D-Lasern für ihre Projekte benutzen. Voraussetzung: Es muss etwas gebaut werden, das der Gemeinschaft dient.

Jugendlicher beobachtet einen Roboter, Projektarbeit im Ausbildungszentrum „Fab Lab Live“ der Organisation UNAS. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Heliópolis ist nicht irgendeine Favela. Sie ist über die Jahre zum Sinnbild für Eigenverantwortung geworden. Rund 700 Angestellte, alle aus der Favela, arbeiten bei UNAS, der Anwohnervereinigung, die in Heliópolis einfach alles organisiert: Schulen, Gesundheitsposten, Kulturangebote, Berufsausbildung für alle Altersschichten. Dabei unterstützen sie sowohl Privatunternehmen wie auch Stadt und Land, die für die von UNAS übernommenen Aufgaben bezahlen.

Mit dabei ist auch „MTC“, die Bewegung der christlichen Arbeiter, die an die brasilianische Bischofskonferenz angeschlossen ist. Wir begleiten Dom José Reginaldo Andrietta, den für die Arbeiteranliegen zuständigen Bischof der Brasilianischen Bischofskonferenz, bei seinem Besuch in Heliópolis. Seit Jahren unterstützt das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat diese Arbeit und im Dezember wird Bischof Andrietta zu Gast bei Adveniat in Deutschland sein.

Heliópolis – auf Deutsch: die „Sonnenstadt“ – sei ein Beispiel für gelungene Eigeninitiative, so der Bischof. „Die Menschen müssen erkennen, dass sie nur in der Gemeinschaft stark genug sind, ihre Situation zu verändern.“ Eine schwierige Botschaft in Zeiten der voranschreitenden Individualisierung.

Maisverkäufer statt Rapper

Erkennen, dass es nicht alleine geht, musste auch Otávio Teixeira da Silva Junior. Er verkauft gekochten Mais und allerlei vorzügliche Puddings in Heliópolis. Gerade einmal achtzehn ist er, doch er hat schon viel erlebt. Als er zwei Jahre alt war, verließ sein Vater die Familie. Einmal hat er ihn danach noch gesehen, da war er elf. Mit zwölf wurde er beim Klauen erwischt. Sieben Monate blieb er deshalb im Jugendgefängnis, dann floh er. Als man ihn wieder eingefangen hatte, wurde er zu weiteren 20 Monaten verdonnert.

Bischof Dom José Reginaldo Andrietta mit dem Maisverkäufer Octávio. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Er habe den schwachen Willen des Vaters geerbt, klagt die Mutter. Doch sie hält zum Sohn, hilft ihm beim Maisverkauf, kocht die Puddings. „Das Leben ist schwierig für jemanden aus der Favela“, sagt Otávio. Einen Job hat er nicht in Aussicht. Als Handwerker hat er bei Verwandten ausgeholfen, illegal, ohne Papiere. Aber irgendwie passe das nicht zu ihm.

Talent hat er für Musik, er will Rapper werden. Ein ganzes Heft hat er bereits mit Texten vollgeschrieben, über den abwesenden Vater, die Zeit im Jugendvollzug, über seine Familie, die toten Freunde. Und einen in dem er die Mutter um Verzeihung bittet. Er werde sich bessern, verspricht er.
Man werde ihn unterstützen so gut es geht, versprechen die Leute von UNAS. Sie glauben an seine Zukunft als Musiker, wollen ihm Auftritte verschaffen. Aber erst einmal soll er im „Rádio Comunitário Heliópolis“ auftreten, dem Favela eigenen Radiosender. Die Aussicht darauf beflügelt ihn, sagt er lächelnd.

Doch erst einmal muss er mit dem mobilen Verkaufsstand seine Runden durch die Favela ziehen. „Mais, der Mais vom Otávio“ ruft er im Rap-Rhythmus. Dazu trommelt er wild auf dem metallenen Kochtopf. Die am Straßenrand stehenden Menschen lachen. Dazu kommt die Sonne hinter den Regenwolken hervor und strahlt ein wenig über der Sonnenstadt.