Brasilien: Über Sao Paulo tobt ein Gewitter

Lediglich 1.500 Kilometer Luftlinie trennen unseren aktuellen Aufenthaltsort Porto Velho, im Westen Brasiliens, von der nordperuanischen Stadt Jaén. Mit dem Flugzeug wäre die Strecke in zwei Stunden zu schaffen – wenn es denn eine direkte Flugverbindung gäbe. Doch die gibt es nicht.

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Flug über den Titicacasee. Foto: Peter Theisen

So liegen zwei Tage Reise vor uns, als wir den Flughafen von Porto Velho ansteuern. Unser Flug führt uns zuerst nach Brasília, Brasiliens Hauptstadt, deren Flughafen der einzige ist, der mit allen Landeshauptstädten des riesigen Landes direkt verbunden ist. Nach drei Stunden Flugzeit erwartet uns hier erst einmal ein einstündiger Aufenthalt, bevor es nach São Paulo weitergeht.

Brasiliens Wirtschaftsmonopole liegt rund 1.100 Kilometer südlich von Brasília. Unterwegs schüttelt eine Turbulenz nach der anderen die Maschine durch. Unruhe herrscht an Bord, manchen Fluggästen wird es schlecht. Über São Paulo tobt ein Gewitter, die Stadt steht unter Wasser und der Inlandsflughafen Congonhas, unser heutiges Ziel, ist für Starts und Landungen gesperrt.

Eine Stunde lang kreisen wir über der Stadt, dann geht es hinaufs aufs Meer. Zu viele Maschinen hängen über der Stadt fest, wir müssen ausweichen. Dann meldet der Pilot, dass der Treibstoff knapp wird und wir zur Sicherheit ins südlich gelegene Curitiba ausweichen. Dort warten wir gebangt auf unseren Weiterflug.

Schaffen wir es heute noch nach São Paulo, fragen wir uns zwischenzeitlich sehr besorgt. Dort geht morgen früh unser Flieger vom internationalen Flughafen nach Lima los. Was machen wir, wenn wir nicht mehr rechtzeitig nach São Paulo kommen? Dann die Erlösung, es geht weiter. Danach noch mit dem Taxi einmal quer durch die Megastadt, dann ist es geschafft. Mit drei Stunden Verspätung treffen wir schließlich in unserem Hotel ein. Vier Stunden Schlaf haben wir noch.

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Unser Flugverlauf über Sao Paulo im Bordcomputer. Foto: Jürgen Escher

Am nächsten Morgen geht es dann Richtung Lima, wo wir nach fünfeinhalb Stunden Flug landen. Ein wenig konnten wir im Flieger schlafen, wir fühlen uns besser. Die nächsten vier Stunden schlagen wir uns am Flughafen von Lima herum, dann geht es weiter in die nördlich gelegene Pazifikküstenstadt Chiclayo.

„Lasst uns das Gepäck mit Planen abdecken, in den Anden regnet es.“ Der Fahrer, den uns der Bischof von Jaén geschickt hat, lacht über unsere müden Gesichter. „Wie lang wird die Fahrt?“ wollen wir wissen. 350 Kilometer, vielleicht fünf, vielleicht sechs Stunden, je nach Wetter, ist die Antwort.

Die Sonne geht über den Reisfeldern der kargen Region Chiclayo langsam unter, während wir den Anden entgegenfahren. Lastwagen brummen vor und hinter uns, machen uns nervös. Alles muss schnell gehen, die Kilometer fliegen dahin. Die Berge hinauf wird es grün, Wälder bedecken die Hänge. Dann wird es dunkel. Oben auf dem Andenpass bei 2.150 Metern Höhe ist der Nebel dann so dicht dass wir nur noch im Schritttempo weiterfahren können. Aus dem Radio tönen Hits aus den 80er Jahren, gesungen auf Spanisch und in romantisch langsamen Rhythmen.

Die Straße hinab Richtung Jaén ist überraschend gut, Brasiliens Baugigant Odebrecht hat sie gebaut. Der Chef des Unternehmens sitzt derzeit in Brasilien in Untersuchungshaft, er soll geschmiert haben um Aufträge zu bekommen. Auch beim Bau dieser Straße sollen Schmiergelder geflossen sein. Als wir Jaén näher kommen, wird der Urwald links und rechts der Straße dichter. Im Licht der Scheinwerfer erkennen wir Täler mit gewaltigen Gebirgsflüssen, einmal einen Staudamm. Jaén liegt am Übergang der Anden zum Amazonastieftal, dem Land der gigantischen Wassermassen und des schier unendlichen Grüns.

Doch noch ist es dunkel, als wir mitten in der Nacht unser Hotel in Jaén erreichen. „Versucht ein wenig zu schlafen, morgen früh hole ich Euch dann wieder ab“, ruft uns der Fahrer noch hinterher. Doch wir torkeln bereits in Richtung Fahrstuhl, wir wollen hoch auf die Zimmer, wir wollen Schlafen. Nach zwei Tagen ist unsere Reise aus dem brasilianischen ins peruanische Amazonasgebiet endlich vorbei. Dafür haben wir den halben Kontinent durchquert. Die Wege hier sind lang, unvorstellbar lang.

 

 

Über Thomas Milz

Thomas Milz arbeitet seit 15 Jahren als Journalist und Fotograf in Südamerika. Derzeit arbeitet er von Rio de Janeiro aus u.a. für den ARD-Hörfunk und die Katholische Nachrichtenagentur KNA. Für Adveniat hat er in den letzten Jahren Brasilien, Chile, Paraguay, Bolivien und Argentinien bereist.