Brasilien: Yanomami verlieren ihre Wurzeln

„Hier in diesem Waldstück müssen sie irgendwo sein.“ Langsam fährt Ozélio Izidório Messias mit seinem Pick-up über die Standspur der Bundesstraße 174. Gestern hatte ein lokaler Fernsehsender von Tumulten an der Straße berichtet.

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Indiosekretär Ozélio Izidório Messias im Gespräch mit Yanomami-Indigenen, die am Stadtrand von Boa Vista campieren. Fotos: Jürgen Escher

Eine Gruppe von Yanomami-Indigenen habe sie teilweise gesperrt, es sei zu Handgreiflichkeiten mit Lastwagenfahrern gekommen. In ein paar Stunden will die Polizei sie nun in ihre Gebiete zurückbringen. Doch scheinbar hat die Gruppe davon Wind bekommen und sich in den Wäldern versteckt.

Ozélio ist Sekretär für Indigene bei der Landesregierung von Roraima, Brasiliens nördlichstem Teilstaat. Roraima ist der erste Teilstaat überhaupt, der ein solches Amt geschaffen hat. Andere Teilstaaten des Amazonasraums sollen demnächst folgen. Als Macuxi ist Ozélio selber Indigener. Das mache Sinn, sagt er.

Immer mehr Yanomami kommen aus ihren ursprünglichen Gebieten in die Stadt

Nun rollt sein Wagen langsam über die Autobahn Richtung Manaus, an den südlichen Ausläufern von Roraimas Hauptstadt Boa Vista. „Immer wieder kommen Gruppen der Yanomami in die Stadt. Unter ihnen gibt es fast immer welche, die sich betrinken und Unruhe stiften“‚ erzählt Ozélio. Dann gehe für ihn die Telefoniererei los.

Die Stadtverwaltung von Boa Vista stehe auf dem Standpunkt, dass die staatliche Indigenenbehörde Funai für den Rückführung der Indigenen in ihre Gebiete zuständig sei. Doch die Funai befinde sich in einem Auflösungsprozess, so Ozélio. Die Mittel für die Behörde wurden 2016 um 37 Prozent gestrichen, weder für Benzin noch für Reparaturen des Fuhrparks hat man Geld. So telefoniert Ozélio hin und her bis er einen Bus aufgetrieben hat, mit dem die Indigenen zurückgebracht werden können.

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Indiosekretär Ozélio Izidório Messias vom Volk der Macuxi beim Interview in Boa Vista.

Zwischen Bäumen entdecken wir die Gruppe schließlich am Rand der Autobahn. Als Ozélio seinen Wagen stoppt, kommen sie auf das Fahrzeug zu. „Bleibt im Wagen, ich rede erst einmal mit ihnen“, weist er uns an.

Betroffen betrachten wir Menschen, die scheinbar so wenig mit dem stolzen Volk zu tun haben, das wir in den letzten Tagen besucht haben. Ein Volk, das stolz darauf ist, sein ursprüngliches Leben auch heute noch weiter leben zu können. Gemeinsam mit ihnen haben wir in glasklaren Urwaldflüssen gebadet, sind mit ihnen durch dichten, unberührten Urwald gelaufen, haben die von ihnen gefangenen und köstlich zubereiteten Fische gegessen und die Fruchtsäfte mit den ungewöhnlichen Namen getrunken.

Doch längst nicht alle der 22.000 in Brasilien lebenden Yanomami konnten ihre Traditionen bewahren. Je enger der Kontakt zu den modernen, städtischen Lebensformen ist, desto schwieriger wird es für sie, ihre traditionelle Lebensweise aufrecht zu erhalten. In manchen Regionen haben sie sich bereits in die Wahllisten eingetragen. Nun versuchen Lokalpolitiker, ihre Stimmen zu kaufen, wobei sie die gemeinschaftlichen Strukturen der Yanomami-Gesellschaft aufsprengen.

Seit 2009 erhalten zudem immer mehr Yanomami staatliche Unterstützung durch das „Bolsa-Família“-Programm. Viele hätten deswegen aufgehört, selber Lebensmittel anzubauen, hat uns Ozélio erzählt. Stattdessen kaufen sie Lebensmittel in Supermärkten, wo man auch billigen Schnaps bekommt. Es käme auch vot, dass Yanomami-Gruppen von Farm zu Farm zögen, um sich dort Lebensmittel zu erbetteln.

Ihnen fehlt der Nachwuchs an weitsichtigen Führern

Armindo Goes, unser Gastgeber vom Yanomami-Volk, mit dem wir in den letzten Tagen unterwegs waren, hatte uns bereits von den Schwierigkeiten berichtet, die einige Yanomami-Gemeinden erleiden. Ihnen fehle es an einer funktionierenden Organisation der Gruppe, an kompetenten und weitsichtigen Führern, die ihnen die Stärke geben, ihr traditionelles Leben gegen die Einwirkungen von außen zu verteidigen, so Armindo, der die Yanomami-Organisation Hutukara anführt.

Dieser sei selbst zu schwach, alle der über ein Gebiet von 10.000 Quadratkilometern verstreut lebenden Yanomami-Gemeinden zu betreuen. „Es fehlen uns einfach die Mittel, überall präsent zu sein,“ so Armindo. Manche Gebiete sind nur durch tagelange Märsche zu erreichen, manche nur mit dem Flugzeug. Vor den logistischen Schwierigkeiten haben Brasiliens Autoritäten bereits kapituliert. Den Yanomami, die praktisch über keinerlei Einkommensquellen verfügen, sind die Hände gebunden.

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Yanomami-Indigene, die am Stadtrand von Boa Vista kampieren.

Statt Sozialhilfe auszuzahlen wäre es von Seiten des Staates sinnvoller, den Indigenen beim Aufbau kleiner Produktionsbetriebe zu helfen, sie anzuleiten, ihren eigenen Lebensunterhalt zu erwirtschaften, meint Ozélio. Positive Erfahrungen habe man bereits mit verschiedenen indigenen Gruppen im Süden Roraimas gemacht.

Bei den Yanomamis gebe es das Problem, dass sie nur stets soviel anbauen, wie sie selber brauchen. Ihre Produkte zu verkaufen, ist ihnen weitestgehend fremd. Und selbst wenn sie es wollten, wie sollten sie diese durch die dichten Wälder bis auf die städtischen Märkte bringen?

Ozélio kommt zurück zum Auto, gefolgt von einigen ausgemergelten Yanomami. „Ihr könnt mit ihnen reden, allerdings erwarten sie Gegenleistung dafür. „Kaffee bräuchten sie, Zucker und Tabak. Und etwas zum Trinken.“ Immer mehr Yanomami kommen auf das Auto zu, ein kleiner Tumult entsteht. Ozélio fordert uns auf, ins Auto zu steigen.

Traurige Szenen am Rande der Autobahn

„Wenn wir anfangen, Essen unter ihnen zu verteilen, wird es Streitereien geben“, gibt er zu bedenken. Sonst mache er das nur, wenn er Beamte der Funai dabei hat, die die Indigenen kennen und beruhigen können. Aber so……

Wir verzichten darauf, mit der Gruppe von Yanomami zu reden. Die Tage mit den Yanomami im Urwald, dort, wo das traditionelle Leben dieses interessanten Volkes noch funktioniert, haben uns begeistert. Die traurigen Szenen an der Autobahn haben uns gezeigt, dass offensichtlich nicht mehr alle Yanomami diesen traditionellen Weg gehen können. Brasiliens Autoritäten schieben sich derweil gegenseitig die Schuld zu, ohne scheinbares Konzept zur Lösung der Probleme. Vor den Yanomami scheint ein langer Weg zu liegen. Vielleicht können wir ja einen Beitrag leisten, ihnen dabei ein wenig zu helfen.

Über Thomas Milz

Thomas Milz arbeitet seit 15 Jahren als Journalist und Fotograf in Südamerika. Derzeit arbeitet er von Rio de Janeiro aus u.a. für den ARD-Hörfunk und die Katholische Nachrichtenagentur KNA. Für Adveniat hat er in den letzten Jahren Brasilien, Chile, Paraguay, Bolivien und Argentinien bereist.