Ecuador: Mehr Mut zur Gelassenheit

Nell Richter arbeitet ein Jahr als Freiwillige beim Sozialwerk „Hogar de Cristo“ in Ecuador, Projektpartner vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Für den Weltfrauentag hat Nell eine Veranstaltung mitorganisiert – gar nicht so einfach für eine Deutsche im entspannten Ecuador.
Eine Frau macht einen roten Handabdruck auf ein Plakat

Handabdrücke für Frauenrechte. Am Weltfrauentag setzen sich Frauen gegen Femizide und für ihre Rechte ein. Foto: privat

Am 7. März, einen Tag vor dem Weltfrauentag, ging ich wie immer direkt nach dem Mittagessen zur Pastoral Social, in der ich den Großteil der Woche arbeite. Unsere Kollegin Irma erwartete Kathrin (meine Mitfreiwillige) und mich mit der Nachricht, dass wir bitte ganz dringend einen kleinen Steckbriefzettel am Computer designen sollten. Also gestalteten wir in Windeseile ein Informationsblättchen zu einer Veranstaltung des am nächsten Tags stattfindenden Frauentags.

Ich konnte es mal wieder nicht fassen: diese Organisation und Planung! Bereits Tage im Voraus hätte man den Zettel unter die Leute bringen sollen und noch davor hätte man uns damit beauftragen können, ihn anzufertigen. Nun wurden wieder mehrere Schritte in einen Nachmittag geschoben und für mein Verständnis viel zu kurzfristig versucht, etwas auf die Beine zu stellen. Ganz unproblematisch hätte ich bereits am Tag zuvor zumindest die Einladung und Vervielfachung erledigen können.

Ein Tag später … ¡Viva la mujer!

Was für ein schönes Gefühl: von allen Seiten wird man beglückwünscht und herzlichst umarmt. Heute Nachmittag sind unsere wöchentlichen Treffen mit den Frauen im Viertel. Aber Irma ist länger als geplant in der Innenstadt beim Marsch und der Kundgebung zum Weltfrauentag. Die Zeit verstreicht. Als Irma endlich erscheint ist es bereits sehr spät – wir wären erst eine Stunde nach dem normalen Beginn vor Ort. Ich dachte, damit wäre das Treffen erledigt und bin etwas verärgert. Aber Irma denkt gar nicht dran. Natürlich machen wir uns auf den Weg. Ich bin perplex. Wir haben nichts vorbereitet. Egal. Jetzt aber zackig! Eigentlich laufen wir und nehmen nur einen Bus – heute gönnen wir uns zwei Busse.

Viele Frauen sitzen auf Plastikstühlen in einer einfachen Kapelle

Die Frauen tauschen sich in der kleinen Kapelle aus. Foto: privat

Bestimmt wartet schon niemand mehr vor der Kapelle. Irma ist tiefenentspannt. Nachdem wir schließlich auch noch die Getränke und ein paar Teilchen aus der Bäckerei besorgt haben und irgendwann beim Treffpunkt ankommen, ist tatsächlich niemand da. Während ich versuche, eine gewisse Entspanntheit zu bewahren, sagt Irma ganz diplomatisch, dass ich schon mal den Stuhlkreis vorbereiten soll, während sie eben an alle Häuser klopfen wird. Kaum habe ich alles hergerichtet, trudeln schon die ersten Menschen ein. Am Ende sind wir eine Gruppe von 16 Erwachsenen und fast doppelt so vielen Kindern. Irma bringt ein paar Worte an und gemeinsam wird geredet, gelacht, getrunken, gegessen und genossen.

Zu meiner Überraschung  waren in Irmas großem Rucksack noch einige Flyer und Sticker zu „Hogar de Cristo“ und dem vergangenem „Día de la mujer“ gelandet, die wir austeilen können. Gar nicht so unvorbereitet – die Señora. Schließlich zaubert sie sogar noch kleine gebastelte Herzen mit Sprüchen hervor, die wohl noch vom Valentinstag übrig geblieben waren. Alle Frauen freuen sich riesig und ich bin ganz baff. Was für ein schöner gemeinsamer Nachmittag. Dass es schon recht spät ist und die Arbeitszeit vorbei, lässt sich gut ausblenden. Wer schaut schon auf den Minutenzeiger, wenn die Stimmung so gut ist? Auch für Irma scheint es selbstverständlich zu sein, dass die Truppe das Ende beschließt und nicht wir den Schlussstrich setzen. So hat sich unser Kommen doch richtig gelohnt und alles hat sich am Ende als ganz einfach erwiesen.

Das nehme ich mit

Manchmal bewahrt ein bisschen mehr Mut zur Gelassenheit vor viel unnötiger negativer Energie. Mit etwas gutem Willen, Vertrauen in die Menschen und in das Vorhaben lässt sich viel Gutes gestalten.


Porträt von einem blonden Mädchen

 

Nell Richter aus Essen ist 18 Jahre alt und verbringt als weltwärts-Freiwillige von Adveniat und der DPSG ein spannendes Jahr in Ecuador. Dort arbeitet sie im Adveniat-Projekt „Hogar de Cristo“ in Guayaquil.

 

 
Das Projekt

Die Küstenstadt Guayaquil wächst jährlich um mehrere 10.000 Einwohner. Ständig entstehen neue Armutsviertel an den nördlichen Rändern der Großstadt, in denen das Verbrechen regiert. Jugendbanden, deren Mitglieder weder Arbeit noch Zukunft sehen, haben das Kommando übernommen. Mitten in diesem Milieu arbeitet das Sozialwerk „Hogar de Cristo“. Zuerst wurde die Wohnsituation in den Armutsvierteln verbessert. Dann wurden Kleinkredite vergeben, hauptsächlich an Frauen. Inzwischen gibt es mehr als 6.000 Kleinunternehmerinnen, Tendenz steigend. Viele Frauen bilden Kooperativen, so dass sich die Mitglieder beim Aufbau einer eigenen Existenz gegenseitig stützen können. Parallel entstehen Gesundheitsstationen und Schulen.

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