Haiti: Das Leben in Bonbon ist nicht süß

Über die haitianische Leidenschaft für ausdrucksvolle und bildhafte Namen.
Ein Junge in zerrissener Kleidung in einem Elendsviertel

Ein Junge in Bonbon, Haiti. Foto: Martin Steffen/Adveniat.

Wir haben in Port-au Prince miterlebt, wie der neue Präsident, Jovenel Moïse, ins Amt eingeführt wurde. Die Straßen rund um den Präsidentenpalast waren geschmückt und Reinigungskolonnen zogen durch das Viertel – ein fast verstörender Anblick.
Die Partei des neuen Präsidenten nennt sich Parti Haitien Tet Kale (PHTK). Das ist Kreolisch und heißt soviel wie Haitianische Partei des Kahlkopfes. Warum? Weil Haitianer bildreiche Namen lieben. Ganz im Gegensatz zu uns. Oder können Sie sich vorstellen, dass in Deutschland im Herbst eine Partei mit dem Namen „Union der alten Zöpfe“ oder gar „Die Männer mit der gepflegten Orange-Tolle“ (die gibt es ja so ähnlich in den USA) gewählt werden würde?

Die Liebe zu bildhaften Namen zeigt sich auch bei verschiedenen Orten auf der Insel: Bonne Fin (Gutes Ende), Abricot (Aprikose), La Baleine (Der Wal), Ile a Vache (Kuhinsel). Oder Trou du Nord (Loch des Nordens). Auch dieser Ortsname wäre in Deutschland doch eher unüblich.

Mutter, Vater und Kind in einem Elendsviertel

Eine Familie in der Cité Soleil. Foto: Martin Steffen/Adveniat

Zynisch wird es bei der Cité Soleil. Die „Sonnenstadt“ ist bekanntermaßen der übelste Slum der westlichen Welt. Bis zu 400.000 Menschen leben hier unter erbärmlichen Bedingen. Die kargen Blechhütten stehen bei Regen in einer stinkenden Brühe. Sauberes Trinkwasser kommt nur gelegentlich per Lkw und steht tagelang in Eimern in der erbarmungslosen Hitze. Hygienisch ist das alles nicht.

Ein kleines Fischerörtchen in der Nähe von Jéremie heißt Bonbon. Im Oktober 2016 traf hier Hurrikan Matthew ungebremst auf Land, wütete geschlagene zwölf Stunden und ließ von dem Ort nicht viel übrig. Es gab Tote, die einfachen Hütten, die kleinen Boote der Fischer und ihre Netze wurden zerstört. Seitdem liegt Bonbon in Agonie. Die Fischer fahren nicht mehr raus auf das Meer, der Fischmarkt, der die umliegenden Ansiedlungen versorgt hat, ist zusammengebrochen. Die Menschen haben keine Arbeit mehr, sitzen träge herum, haben Hunger und warten auf die Hilfe des Staates, die gewiss nicht kommen wird.
Nein, ein Zuckerschlecken ist das Leben in Bonbon wahrhaftig nicht.

Das Elendsviertel Bonbon

Bonbon, Haiti. Foto: Martin Steffen/Adveniat

 


Der Fotograf Martin Steffen und der Journalist Michael Gösele sind für das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat in Haiti unterwegs. Sie besuchen vor Ort Adveniat-Hilfsprojekte in den Katastrophengebieten.