In São Paulos Ost-Zone

In der brasilianischen Metropole São Paulo leben viele Migranten, besonders aus Bolivien. Sie haben ein gemeinsames Ziel: menschenwürdige Arbeit und ein besseres Leben. Der Adveniat-Partner CAMI hilft ihnen dabei.
Ein Mann sitzt an einer Nähmaschine

Luis Jacinto Laime Poma, 44 Jahre, arbeitet in seiner Schneiderei´. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Heute geht es in den Norden, Casa Verde Alta heißt das Viertel. Hier hat Nancy Salva ihren kleinen Laden. Vorne Verkauf, hinten Werkstube. Dahinter ein kleines Zimmer, in dem sie mit ihrem 15-jährigen Sohn Rai lebt. Rai war noch klein als Nancy Bolivien verließ. Man erzählte ihr von den hohen Löhnen, die man in São Paulo verdienen könnte. An der Grenze wartete man bereits auf sie. In São Paulo angekommen, platzten die Träume. In einem kleinen Kabuff brachte man Mutter und Kind unter, sie musste 18 Stunden am Tag nähen. Geld verdiente sie nie, galt es doch, zuerst einmal ihre vom Chef vorgestreckte Reisekosten abzuarbeiten. Die Pfennigbeträge reichten nur dazu, in der Kantine ein Essen zu bezahlen. Wenn Rai Hunger hatte, musste er in der Küche für einen Nachschlag arbeiten.

Eine Frau zeigt ein gelbes Kleid

Nancy Salva zeigt stolz ein Festkleid aus ihrer eigenen Kreation, das sie im Laden vor ihrer Schneiderwerkstatt verkauft. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Nancy kommen immer noch die Tränen, wenn sie an jene Zeit denkt. Aber sie ist ausgebrochen, hat sich nach oben gekämpft, auch Dank der

Unterstützung von CAMI, der Migrantenpastoral, einem langjährigen Projektpartner des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat. Heute wird sie die letzte Rate ihrer Nähmaschine abbezahlen. Wenn sie das selbstentworfene und -geschneiterte Kleid verkauft, fließt der Verdienst alleine in ihre Tasche.

Ehrfahrungen weitergeben

Auch für Luis Jacinto Laime Poma (44) war es ein langer Weg in die Selbständigkeit. Das Schwierigste sei die Legalisierung seines Betriebs im Stadtteil Pari gewesen, sagt er. Für Migranten, die erst einmal illegal in Brasilien leben, sei alles schwierig. Die Bürokratie um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, daneben die beiden Kinder großzuziehen. Heute ginge es ihnen gut, sagt er.

Nun will er selber helfen, seinen neuankommenden Landsleuten Tipps geben, wie sie ihr Leben in Brasilien besser organisieren können. Deswegen engagiert er sich bei CAMI. Dort werden Kurse für die Neuankömmlinge aus Bolivien angeboten. Portugiesisch, Nähen, Buchhaltung – alles, was man für den Start in eine bessere Zukunft braucht.

Ein großer Plan

Ein Mann hinter einer Nähmaschine spricht mit einem anderen Mann

Cesar Coila in seiner Schneiderei. Foto: Florian Kopp/Adveniat

In einem doppelstöckigen Haus im äußersten Osten der Ost-Zone lebt die Familie Coila. Enge Straßen und unverputzte Häuser soweit das Auge reicht. Seit 27 Jahren leben die Bolivianer in Brasilien. Doch noch immer fühlen sie sich wie auf der Flucht. Cesar (45) und Bruder Carlos (41) haben den Betrieb gemeinsam aufgebaut. 18 bis 20 Stunden produzieren sie täglich Hosen, Hemden, Jacken – sie können alles. Nachts um 2 Uhr macht sich Cesar mit einem Sack voll Kleider auf Richtung Brás. Auf der Praça da Concôrdia hat er ein Stück Bürgersteig, auf dem er verkaufen darf – den hat er sich bei der Straßenmafia erkauft. Aber wenn die Polizei kommt, müssen sie fliehen.  „Sie machen Jagd auf uns. Das ist erniedrigend“, erzählt Carlos.

Deswegen planen sie seit zehn Jahren an der Errichtung eines Verkaufszentrums für Migranten, irgendwo am Rande der Ost-Zone. Dort hätten die Bolivianer Platz für ihre Produktion. Und dort könnten die Zwischenhändler ihnen die Waren abkaufen. Es wäre endlich Schluss mit dem Bezahlen der Mafia und dem Weglaufen vor der Polizei. Es wäre die Chance, ihre Würde zurückzubekommen. Ein Traum, der einmal Realität werden könnte.


Auf die Spuren von Menschen, die mitten im Überlebenskampf stecken, begeben sich Journalist Thomas Milz und Fotograf Florian Kopp in São Paulo für das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat.

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