Brasilien: Eine unsichere Zukunft

Brasilien steckt in der schwersten wirtschaftlichen Krise seit Jahrzehnten. Das bedeutet: noch mehr Arbeitslose, weitere Ausbeutungen. Journalist Thomas Milz und Fotograf Florian Kopp reisen  Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat durch den Bundesstaat São Paulo und treffen Menschen, die damit zu kämpfen haben.
Zwei Männer schauen unter ein Auto

Victor mit seinem Schwager Anderson in dessen Werkstatt. Foto: Florian Kopp/Adveniat

An der Küste, 50 Kilometer von São Paulo entfernt, liegen die Städte Santos, Brasiliens wichtigster Hafen, und São Vicente, die erste Siedlung der Portugiesen auf dem südamerikanischen Kontinent. Im Hinterland der beiden Städte ragen die Schornsteine und Industriekomplexe von Cubatão in den Himmel, einst einer der wichtigsten Industriezentren Brasiliens. Die Öl- und Chemieindustrie hat hier das Erdreich und das nahe Meer auf Jahrzehnte verschmutzt. Jetzt ist die Industrie in Krise, hunderte Arbeitsplätze sind verloren gegangen.
 
Wir fahren nach Villa Margarida, ein Armenviertel am Rande von São Vicente. An einer Ecke steigen dicke Qualmwolken bis ätzendem Gestank auf. Irgendjemand hat die über die Straße hängenden Stromkabel gekappt. Jetzt brennen sie die Isolierung runter, um den Kupferdraht zu verkaufen. Wir mögen vorsichtig sein, warnen uns unsere Gastgeber der JOC (Juventude Operária Cristã), der Christlichen Arbeiterjugend, deren Arbeit seit Jahren vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt wird. Eine Drogenbande hat in der Vila ihr Hauptquartier, und Überfälle sind an der Tagesordnung.  Für Jugendliche ist São Vicente kein gutes Pflaster. Die Stadt ist eine der ärmsten im ansonsten reichsten Teilstaat Brasiliens.

Weiterlesen

Haiti: Bilder eines verwundeten Landes

Armut, Hunger, Krankheiten bestimmen den Alltag in Haiti. Aber nicht nur. In Haiti gibt es auch Hilfe und Hoffnung.

Seit Jahren wird Haiti von schweren Katastophen getroffen: 2010 das Erdbeben, im Oktober 2016 Hurrikan Matthew. Als einer der ärmsten Staaten der Welt, tut sich das Land schwer, wieder auf die Beine zu kommen. Anders als nach dem schlimmen Erdbeben, kommt jetzt nur noch wenig Hilfe nach Haiti.
Fotograf Martin Steffen war für Adveniat vor Ort und hat beeindruckende Bilder eines verwundeten Landes mitgebracht: von Hurrikan Matthews Katastrophenregion, dem schlimmsten Armenviertel des westlichen Welt und von Hilfe, die ankommt.

Weiterlesen

Haiti: Das verlorene Paradies

Haiti, die „Perle der Antillen“, hätte ein unglaubliches Potenzial – für Strandurlauber, Outdoorliebhaber und Ruhesuchende. Wenn da nur nicht…
Zwei Jungs am Strand neben ihrer einfachen Hütte

Haiti ist kein Urlaubsparadies. Und doch haben wir uns in das Land verliebt. Foto: Martin Steffen/Adveniat

„Wo gehst Du hin? Haiti? Schön!“ Diesen Satz haben wir zuletzt vor unserer Reise häufiger gehört. Er ist beiläufig dahingesagt, ohne länger nachzudenken. Denn Haiti, das klingt ja schon auch ein wenig wie Hawaii oder Tahiti. Und auch bei nur flüchtigen Geografie-Kenntnissen wissen doch die meisten, dass Haiti in der Karibik liegt. Und die Karibik ist: Schön! Und ja, Haiti ist schön.

„Perle der Antillen“ steht auf den Autokennzeichen und was zunächst wie blanker Zynismus klingt, ist bei einer genaueren Betrachtung des Landes durchaus wahr. Port-au-Prince, was könnte das für eine interessante, blühende und pulsierende Karibikmetropole sein, wenn…
Wenn die Politik der zurückliegenden Jahrzehnte – oder muss man Jahrhunderte sagen? – nicht gewesen wäre. Und wenn dieses entsetzliche Erbeben im Jahr 2010 nicht zusätzlich zu dem Elend, das sich in dieser Stadt ohnehin aufgetürmt hat, auch noch fast alles zerstört hätte. Wie schön könnte man hier auf der Veranda eines Hotels bei einem Rumpunsch sitzen und sich überlegen, ob man am nächsten Tag vielleicht einen Ausflug nach Jacmel machen sollte. Auf einen Teller Meeresfrüchte in dieser Stadt mit den herrschaftlichen Backsteinhäusern und sich danach vielleicht noch einen Sprung ins Meer gönnen. Herrlich.
Oder doch nach Jerémie, dieser malerisch an der Nordküste gelegenen Stadt mit ihren kilometerlangen Stränden? Und dabei auf dem Weg in Richtung Les Cayes einen Stop in der Baie Anglaise machen?

Weiterlesen

Ecuador: Blitzblanke Erstkommunion

IMG_2029

Es ist Freitag, mein erster „richtiger“ Tag in Ecuadors Hauptstadt Quito. Während ich noch auf dem Rasen mit den Kindern spiele und ausgefragt werde, wieso ich denn grüne Augen habe und wieso der Name Genesis denn auch auf Deutsch Genesis heißen würde, kommen gleich mehrere Frauen und Männer mit Besen auf die Kirche zu. „Wie aus einem Werbespot“ schießt es mir durch den Kopf, aber keineswegs: Am Samstag feiern wir in der Kirche die Erstkommunion von 12 Kindern. Und alle Eltern sind aufgerufen, mit Besen vorbeizukommen und beim Reinemachen zu helfen. Gesagt, getan.

Weiterlesen

Guatemala: Unsichtbare Gewalt

_MG_7083

Friedlich sieht er aus, der Basketballplatz gegenüber der Kirche Santa Catarina Pinula. Doch bei Dunkelheit ist es der gefährlichste Ort im Viertel. Fotos: Achim Pohl

Guatemala ist nach Honduras und zusammen mit El Salvador das gefährlichste Land Lateinamerikas. Auf den ersten Blick wirkt es nicht so. Auf dem Platz gegenüber der großen Kirche in Santa Catarina Pinula findet gerade ein Basketballspiel statt. Um das Feld sitzen Zuschauer und nippen an ihrer Cola. Nebenan wird in kleinen Grüppchen Fußball gespielt, manchmal rollt der Ball zu Kleinkindern, die mit ihren Dreirädern unterwegs sind. Gefährlich wirkt das alles nicht.

„Alleine traue ich mich nicht rüber“, sagt mir Marina und schaut von den Treppenstufen der Kirche zum gegenüberliegenden Platz. Die junge Frau wohnt in dem Viertel und engagiert sich in der Gemeinde von Santa Catarina Pinula. „Es ist der gefährlichste Ort hier im Viertel.“ Das sei vor allem bei Dunkelheit so, aber auch jetzt wäre niemand sicher. Die gemütliche Wochenendstimmung trügt. Das Viertel um die Kirche ist ein Rotlichtviertel und Drogenumschlagplatz Nummer eins. Niemandem ist anzusehen, ob er zu einer der berüchtigten Jungendbanden gehört, die in Guatemala alle Menschen in Angst versetzen. Innerhalb von Sekunden könne die friedliche Stimmung umschlagen. „Früher war das nicht so. Da konnten wir auch abends noch mit unseren Freunden auf der Straße spielen. Jetzt treffen wir uns nur noch drinnen“, erzählt Marina.

Weiterlesen

Kolumbien: Arbeiter für den Frieden

JE_Blog_1_Kolumbien_3

Padre Dario im Interview mit Thomas Milz in der Krypta, die derzeit saniert wird. Fotos: Jürgen Escher

Leichter Nieselregen heißt uns willkommen, graue Wolken liegen über Bogotá, der ersten Station unserer Kolumbienreise. Vor der Basilika der Herz Jesu Kirche im armen Süden Bogotás begrüßt uns Padre Darío Echeverry González, ein Claretinerpater, der hier als Kaplan tätig ist. Und derzeit als Bauleiter. Die Kirche ist von Gerüsten umgeben, Bauarbeiter bessern die Fassade aus. Die massive, rund vier Meter große Holztür, liegt im Eingangsbereich der Kirche.

Die Kirche, die in Kolumbien unter dem Namen „Voto Nacional“ bekannt ist, repräsentiert ein wichtiges Stück Geschichte für das südamerikanische Land. „Zwischen 1898 und 1902 tobte in Kolumbien der Krieg der tausend Tage, ein Bürgerkrieg, der mit der Abtrennung Panamas von Kolumbien endete“, erzählt uns Padre Darío. Mehr als 100.000 Menschen seien ihm zum Opfer gefallen, eine nationale Katastrophe. In Erinnerung an die Opfer wurde 1902 der Bau der Kirche in Auftrag gegeben. Padre Darío führt uns in die Krypta, wo Bauarbeiter gerade dabei sind, den Boden abzutragen. Knietief steht Wasser in den engen Gängen.

Weiterlesen