Talkshows ohne Ende

Auch wenn es nichts zu sagen gibt, wird gesprochen. Stundenlang auf gleich vier verschiedenen Sportsendern reden sich die Experten die Köpfe heiß. Fußball – das ist in Argentinien ein Ganztags-Thema. Selbst zu belanglose Ereignisse wie das Vormittags-Training eines Erstligisten wird zum Anlass für eine Live-Schaltung genutzt. Die Moderatoren brauchen dabei Sitzfleisch. Bis zu acht Stunden kann eine Fußball-Talkshow dauern.

Besonders beliebt – weil sendeplatzfüllend – sind die Talkshows bei den Sendern, die nicht die Übertragungsrechte an den Spielen besitzen. Die Programme senden zwar live aus dem Stadion, zeigen wie sich die Teams aufwärmen, wenn der Schiedsrichter anpfeift, wird ausgeblendet, dann werden nur noch die Zuschauer auf der Tribüne gezeigt. Oder es wird geredet – über das was der Zuschauer nicht sehen kann. Die Sendungen haben vielversprechende Namen wie „Wir sprechen über Fußball“ oder „Heiße Debatte“.

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Argentiniens verpasste Chance

Es hätte eine Copa America der guten Laune werden können, doch das Gastgeber-Land Argentinien hat eine große Chance verpasst, die Fußball-Südamerikameisterschaft als Bühne zur symphatischen Selbst-Präsentation zu nutzen. Eine bisweilen abenteuerlich schlechte Organisation, wütende Journalisten und genervte Fans zählen zu den unschönen Begleiterscheinungen des ältesten Nationenturniers der Welt. Keine der letzten drei Turniere in Kolumbien (2001), Peru (2004) oder Venezuela (2007) – immerhin als Baseball-Nation ein Fußball-Entwicklungsland – war so schlecht organisiert wie die Copa America 2011 im fußballverrückten Argentinien.

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Copa der guten Botschaften?

Politik und Fußball – das ist wohl in keinem anderen Land der Welt so eng verflochten wie im Land des zweimaligen Weltmeisters Argentinien.

Besonders deutlich wird das während der derzeit im Land laufenden Copa America. Die Übertragungsrechte für das älteste Nationenturnier der Welt sind heiß begehrt und unter den verschiedenen Sendern aufgeteilt.

Die Lösung für alle die Zuschauer, die sich keinen Kabelanschluss mit den teuren HD-Sendern leisten können, ist der staatliche Sender TV Publica. Hier gibt „Futbol para todos“ – Fußball für alle. Ohne Gebühr und ohne Verpflichtung. Dafür müssen die Zuschauer allerdings während der Fußball-Übertragungen und in der Halbzeitpause die Erfolgsmeldungen der Regierung über sich ergehen lassen. In Untertiteln gibt es alle paar Minuten eine neue frohe Botschaft: Die neue Bibliothek in Buenos Aires ist fertig, ebenso das neue Ministerium und in einer Provinz sind 2500 neue Sicherheitskräfte eingestellt worden. So geht das 90 Minuten lang unterbrochen nur von Werbefilmen zur neuen südamerikanischen Staatengemeinschaft UNASUR. Unabhängig und neutral soll TV Publica sein, heißt es in den Statuten. Die Auswahl der Botschaften und Bilder sind da weniger wählerisch. Staatspräsidentin Cristina Kirchner erscheint stets als Überbringerin guter Botschaften.

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Das Wunderspray für Disziplin

Viele Fernseh-Zuschauer in Deutschland fragen sich, was ist das für ein Spray, mit dem die Schiedsrichter bei der Copa America bei Freistößen den richtigen Abstand markieren. Die Idee, mit einer Linie, die nach wenigen Sekunden wieder unsichtbar wird, die richtige Distanz zu markieren, ist allerdings nicht wirklich neu. Bereits vor zehn Jahren gab es auf brasilianischen Sportplätzen die ersten Versuche mit der Wunderfarbe. Brasiliens Starreporter Galvao Bueno brachte den Stein ins Rollen, als ihm während einer Übertragung der Kragen platzte. „Ich werde noch den Tag erleben, an dem der Schiedsrichter es schafft, die Mauer auf richtigen Abstand zu halten“, stöhnte der genervte Bueno in die Mikrofone. Wieder einmal hielten sich die Stars beim Klassiker zwischen Brasilien und Argentinien nicht an den vorgeschriebenen Mindestabstand von 9,15 Meter, als der prominente Globo-Journalist am Mikrofon die Nerven verlor. Der bekannte Fernsehmann erfuhr erst Jahre später, was er damit ausgelöst hatte.

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Batista und die Jungfrau von Copacabana

Warum ist Argentinien seit 1986 nicht mehr Fußball-Weltmeister geworden? Schuld hat die Jungfrau von Copacabana del Abra de Punta Corral. Das behauptet jedenfalls Félix Pérez, der zuständige Intendant des argentinischen Wallfahrtsortes. Vor über 25 Jahren hatte der damalige Trainer Carlos Bilardo beim Besuch der Kapelle am Rande eines Trainingslagers ein Gelübde abgelegt: „Werden wir Weltmeister, kommen wir wieder. Alle.“

Argentinien wurde damals mit einem Diego Maradona und seiner bis heute unvergessenen „Hand Gottes“ tatsächlich Weltmeister, doch weder Bilardo noch ein Mitglied des erfolgreichen Teams ließen sich, wie versprochen, noch einmal zu einem Dankgottesdienst blicken. Die besorgten Einwohner des Örtchens baten vor der WM 2006 in Deutschland den damaligen Trainer Jose Pekerman um die Einlösung der Pflicht, doch der vom schlechten Gewissen geplagte argentinische Fußball-Verband schickte zur Entlastung zwei Angestellte. Das sollte offenbar nicht reichen. Auch bei dieser WM ging der Titel wieder nicht an Argentinien.

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Jenseits des Fußballs?!

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Tagebuch von der Copa America – 1. Juli 2011
Drei Wochen lang träumen, drei Wochen lang die Sorgen des Alltags vergessen. Am heutigen Freitag beginnt in Argentinien die Copa America. Es ist das älteste Nationenturnier der Welt. Zum 43. Mal messen sich die Teams des Kontinents und ermitteln den „Südamerika-Meister“. Fußball, das ist in Südamerika und ganz besonders in Argentinien mehr als nur ein Sport. Es ist längst eine Art Ersatzreligion, die hilft die täglichen Probleme zu vergessen. Wer einmal erlebt hat, wie intensiv die Argentinier ihren Sport miterleben und erleiden, der hat eine Ahnung, warum der sensationelle Abstieg des populären Hauptstadtklubs River Plate Buenos Aires am vergangenen Wochenende derartige Konsequenzen nach sich gezogen hat. Schwere Verwüstungen und Ausschreitungen begleiteten den Absturz eines der populärsten südamerikanischen Klubs in Liga zwei. Am Donnerstag bat Klub-Präsident Daniel Pasarella, immerhin Kapitän der argentinischen Weltmeisterschaft-Mannschaft von 1978, Staatspräsident Cristina Kirchner um eine Audienz. Man müsse sehen, wie man das Problem lösen könne, sagte Pasarella. Fußball, das ist in Argentinien auch Politik. Und die Politik mischt immer mit. Um die Präsidentenposten der großen Klubs werden richtige Wahlkämpfe ausgetragen, nicht selten gewinnt der, der politisch am besten vernetzt ist. Vom 1. Juli an wird Argentinien und ganz Südamerika gebannt auf die Bildschirme sehen, um die Ballkünstler Falcao (Kolumbien), Neymar (Brasilien) und natürlich Lionel Messi (Argentinien) in Aktion zu sehen. Die Fans der „Albiceleste“, der argentinischen Nationalmannschaft, wollen trotz der eiskalten Temperaturen im südamerikanischen Winter eine heiß aufspielende Mannschaft sehen. Drei Wochen lang wollen sie keine schlechten Nachrichten mehr von Wirtschaftskrise, Korruption und Finanzproblemen lesen, sehen oder hören. Es soll eines geben: Siege der argentinischen Nationalmannschaft. Und am liebsten auch einen im Finale – gegen Brasilien.
Das Spiel des Tages: Argentinien – Bolivien
Website: www.ca2011.com
Von Tobias Käufer, zurzeit Buenos Aires

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