Mexiko: In den Fängen der Kartelle

Der Bundesstaat Veracruz wird beherrscht von Gewalt und Kriminalität. Was dagegen getan wird, erfährt Adveniat-Referent für Mexiko, Reiner Wilhelm, während seiner Projektreise.
Eine nur schwach beleuchtete Straße bei Nacht.

Eine Straße bei Nacht in Veracruz. Foto: Nacho Betancourt. CC BY-NC-ND 2.0

„Veracruz ist voller Leichen“, sagte mir Padre Julián Verónica, Leiter der Sozialpastoral des mexikanischen Bundesstaates Veracruz. 15 Massengräber mit tausenden Leichen seien gefunden worden. Viele Angehörige suchen ihre vermissten Verwandten. Verantwortlich ist das organisierte Verbrechen, zu 80 Prozent aber Sicherheitskräfte wie Polizei und Militär. Die Korruption ist überbordend. Vielfach ist es gefährlich, nach den Toten zu suchen. Die Kirche ist hier engagiert, insbesondere bei der Suche und Identifikation von Verschwundenen. Dabei stehen auch die Verteidiger der Menschenrechte in Gefahr, selbst Opfer von Gewalt zu werden. Leiter von Gemeinden und Führer von Gruppen werden entführt, gefoltert und umgebracht. Ein wirksamer Schutz besteht nur darin, Öffentlichkeit zu erzeugen. Aber dieser Schutz ist nicht umfassend. Die Kirche wird immer noch respektiert, wenn auch der Blutzoll von Priestern, Ordensleuten und engagierten Laien hoch ist. Die Sozialpastoral sieht ihre Aufgabe darin, das soziale Netz wieder herzustellen und in den Konflikten zu moderieren.

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Kolumbien: Die Benzinschmuggler von Tres Bocas

Bischof Omar besucht die Familie von Alejandro Ribeiro (links) im Grenzort „Tres bocas“. Die Familie lebt vom Benzinschmuggel. Fotos: Jürgen Escher

„Se vende gasolina“. Die Straßen rund um die Stadt Tibú sind gesäumt von kleinen Holzbuden, in denen Benzin verkauft wird. Statt Zapfsäulen bekommt man den Treibstoff in ausgedienten Cola-Flaschen oder Wasser-Kanistern, und das zum niedrigen Preis.

Tibú, wo wir bei Bischof Omar Alberto Sánchez zu Besuch sind, liegt nur wenige Kilometer von der Grenze zu Venezuela entfernt. Die Urwaldwege an den Grenzfluss sind von kleinen Fördertürmen der staatlichen Ecopetrol gesäumt, Kolumbiens Ölförderer Nummer Eins. Doch durch die an den Wegen verlegten Pipelines fließt nur schweres Rohöl, unbrauchbar für das Betanken der Autos.

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Guatemala: Ein unbequemer Gast in der Mine San Rafael

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Bischof Monseñor Bernabé Sagastume zu Besuch in der Mine San Rafael in seinem Bistum Santa Rosa de Lima. Fotos: Achim Pohl

Premiere für den Bischof: Seit Jahren ist Monseñor Bernabé Sagastume einer der schärfsten Kritiker der Mine San Rafael in seinem Bistum Santa Rosa de Lima, drin war er aber noch nicht. An Einladungen hatte es nie gemangelt, bislang hatte er einen solchen Besuch jedoch vermieden. Uns Journalisten zuliebe, die wir seit Tagen in der Region zu dem Thema recherchieren, ist er nun doch mitgekommen.

Entsprechend hektische Betriebsamkeit herrscht in der Mine bei unserer Ankunft. Der Chef, der Generaldirektor, die Abteilungsleiter, sie alle wollen sich mit ihm fotografieren lassen. Und ihn von den Vorzügen ihres Projektes überzeugen. Und das passiert erst einmal mittels einer hundertseitigen Power-Point-Präsentation, die Freude eines jeden Journalisten. Zwei Stunden lang werden wir mit Fakten zugeballert, jedes Sozialprojekt, jeder Gemüsegarten und jede Kloschüssel, die das Unternehmen aufgebaut hat, ist dokumentiert. Ich sinke immer tiefer in den schweren Ledersessel. Der neben mir sitzende Lobbyvertreter überbrückt die Zeit damit, das uns angebotene Essen zu vertilgen. Staunend beobachte ich, wie der Berg an leeren Chipstüten, Käsebrotverpackungen und Kaffeebechern vor ihm immer größer wird.

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Ein Sonntag in Haiti

Man merkt in Port-au-Prince, der Hauptstadt von Haiti, sofort, dass Sonntag ist. Der Verkehr auf den Straßen ist nur halb so dicht, und das Leben beginnt deutlich später. Als wir an diesem Sonntagmorgen durch die teilweise sehr engen und steilen Straßen der Stadt in das Viertel Nazon fahren, begegnen uns Frauen und Mädchen mit Wassereimern auf dem Kopf. An den öffentlichen Wasserausgabestellen herrscht Hochbetrieb. Werktags beginnt das Gedränge hier schon vor Sonnenaufgang, doch heute stehen die Menschen auch noch kurz vor acht Uhr in den langen Schlangen. Mancher wäscht sich in den schmalen Gängen zwischen den Hütten und Zelten, in denen immer noch mehr als Zweihunderttausend Menschen seit dem Erdbeben leben.

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Peru: Auf Mission mit Padre Juan – Liveticker

Mission accomlished

23.45 Uhr: Das Handy auf Padre Juans Nachttisch blinkt: SMS von den deutschen Journalisten. „Juan, hast du zufällig einen Geldbeutel von uns gefunden?“

23.00 Uhr: Nach tatsächlich drei Besuchen bei Jugendgruppen und drei Einladungen zu typisch peruanischen Süßkartoffeln, Hühnchen, Obst und Chicha setzt Padre Juan die drei etwas abgekämpft aber zufrieden aussehenden deutschen Journalisten in ein Taxi zum Hotel. Er winkt ihnen noch nach. Für diesen Tag ist er sie schonmal los, die drei schrägen Vögel. Morgen früh geht es für ihn mit drei Erstkommunionsfeiern weiter.

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Brasilien: Zur Kirche gehen

Firmung in einer kleinen Gemeinde bei Obidos.

Zur Kirche gehen. Für deutsche Ohren ist an diesem Satz so gar nichts Ungewöhnliches. Wieso auch? Wer den Gottesdienst besuchen, sein Kind für die katholische Kita anmelden oder den Pfarrer sprechen will, der macht sich eben auf den Weg und – geht zur Kirche. Für Johannes Bahlmann hat das Wort trotzdem etwas Bedenkliches. Es steht, genau genommen, für das Bild einer Kirche des Stillstands, die alle Bewegung von den Menschen erwartet. Der Bischof von Óbidos im Amazonas-Gebiet dreht die Perspektive um: Die Kirche muss zu den Menschen gehen, sie muss eine „Hingeh-Kirche“ sein. Der seit vier Jahren amtierende Bischof und seine 23 Priester machen mit diesem Anspruch Ernst. Gemeinsam sind sie für sieben Pfarreien und mehr als 600 kleine und kleinste Basisgemeinden zuständig, verteilt auf einer Fläche halb so groß wie die Bundesrepublik. Wenn die Geistlichen und etwa 20 im Bistum tätige Ordensschwestern sich nicht zu den Menschen in den Gemeinden aufmachten, läge der Kontakt alsbald brach. Die Bewohner der vielen winzigen Ufergemeinden, Ribeirinhos genannt, hätten keine Chance, eine Messe zu besuchen oder die Sakramente gespendet zu bekommen, kämen die Leute der Kirche nicht übers Wasser zu ihnen.

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