Haiti: Der Kahlkopf mit Haaren

Nach zwei Jahren politischen Schwebezustandes tritt in Haiti heute Jovenel Moïse das Amt als Präsident an. Fotograf Martin Steffen und Journalist Michael Gösele sind vor Ort.
Jovenel Moise, Haitis neuer Präsident

Jovenel Moise, Haitis neuer Präsident

Wer genau hinschaut, sieht, dass da irgendwas komisch ist: Der Mann hat Haare! Ganz kurze nur, unscheinbar, aber er ist nicht das, was der Name seiner Partei verspricht – kahl. Denn Jovenel Moïse, der neue Präsident der Republik Haiti gehört der PHTK (Parti Haïtien Tèt Kale), der „Haitianischen Partei des Kahlkopfs“ an. Er gilt, glaubt man den Stimmen, die auf den Straßen der Hauptstadt Port-au-Prince eingefangen werden können, als großer Hoffnungsträger dieses an politischen und naturbedingten Katastrophen nicht gerade armen Landes. Und die Sache mit den Haaren, das regt hier keinen auf. Wenn dies die einzige Unregelmäßigkeit des Politikers Jovenel Moïse sein sollte, dann wären die Haitianer dann doch schlimmeres gewöhnt. Gut zwei Jahre war das Land nun ohne rechtmäßig gewählten Präsidenten, Wahlen wurden verschoben und angefochten – eine Periode des Stillstands, nach innen wie nach außen.

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Brasilien: Wahlkampf hautnah

Marina Silva bei einer Wahlkampfveranstaltung an der  Central Única das Favelas

Marina Silva bei einer Wahlkampfveranstaltung an der Central Única das Favelas

„Marina! Marina! Marina!“ schallt es von überall her. Marina Silva besuchte am 25. September die CUFA, die Central Única das Favelas. Damals war sie noch Kandidatin im Rennen um die Präsidentschaft.

Nicht nur viele Jugendliche, die in dem Zentrum täglich ein- und ausgehen, sind hier, um die beliebte Politikerin zu sehen, sondern auch jede Menge Journalisten. Darunter ich.

Wir stehen am Rande eines Basketballfeldes, wo noch fleißig gespielt wird und warten auf Marina. Sie ist bereits zu spät, was für die Organisatoren gut ist, denn die beginnen erst jetzt, den Event richtig vorzubereiten. Um uns herum werden Barrieren aufgestellt, damit die Journalisten die Politikerin aus der Ferne betrachten können. Wir sind nun richtig eingezäunt und immer wieder fliegt der Basketball in die wartende Journalistenmenge.

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Nicaragua: Es gibt kein Bier im Land

Ein Bier zur Ankunft? Leider nein. Die Bedienung im „Hotel Camino Real“ schüttelt den Kopf, als wir unsere Bestellung aufgeben. Wir sind eben, nach 24 Stunden unterwegs im Flugzeug, in Nicaragua angekommen. Heute gebe es nur nicht alkoholische Getränke. „Tut mir leid, heute sind bei uns Kommunalwahlen“, sagt sie.

Eindeutig ein "Archivbild"

Merkel oder Steinbrück? Dass man in Deutschland am Wahlabend kein Bier trinken darf – erscheint uns eher seltsam. Wenn nicht am Wahlabend wann dann… könnte man meinen? Aber die Bedienung bleibt eisern, über das „ley seca“, das „trockene Gesetz“ wird nicht diskutiert. Also dann: Zwei Wasser bitte!

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Bolivien: Autofreies La Paz

Wir hatten uns eigentlich schon an das Bild gewöhnt. Im Schritttempo quält man sich die hoffnungslos verstopften Straßen von La Paz hinauf und hinunter, gestresst vom Gehupe und der chaotischen Fahrweise der Verkehrsteilnehmer. Dazu der penetrante Gestank von Diesel, der in dicken schwarzen Russwolken aus den verrosteten Auspuffen quillt. Der Großteil der Fahrzeugflotte scheint aus den 80er Jahren zu stammen, genau wie die Musik, die aus den Radios der Taxifahrer dringt. „Major Tom“, Falco, Milli Vanilli – wir sind zurück in unserer Jugend.

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Die Roten und die Blauen

Wahlen in HondurasWährend es im Zentrum von Tegucigalpa an diesem Sonntag ruhig ist – die Regierungsgebäude werden von Soldaten schwer bewacht – sind auf den Straßen der besseren Stadtviertel fröhlich hupende Autokorsos unterwegs mit den blauen Fahnen der Nationalisten und den rot-weiß-roten der Liberalen. Die Liberalen haben auf den Straßen eindeutig die Hoheit, fast erinnert alles an ein gewonnenes Fußballspiel. Auch vor dem Haus ihres Kandidaten Elwin Santos weht ein Meer aus Fahnen, jedes vorbeifahrende Auto wird johlend begrüßt, vereinzelte Autos mit blauen Fahnen werden heftig ausgebuht. Im Garten baut die internationale Presse Fernsehkameras auf für die erwartete Rede von Elwin. Doch als die ersten Hochrechnungen am Bildschirm ein Desaster für die Liberalen ankündigen, machen sich die frustrierten Anhänger rasch aus dem Staub und die Rede am Balkon fällt aus.

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“Ein wichtiger Schritt nach vorn”

Ein Interview mit Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga über die Wahlen und die Lage in Honduras.

Vor den Wahlen in HondurasHerr Kardinal, Sie waren bei der Amtseinführung Manuel Zelayas dabei und galten als enger Berater, haben sich dann aber vom Präsidenten distanziert und ihm nach seinem Sturz nahegelegt, er solle nicht zurückkehren. Was ist da vorgefallen?

Eine der grössten Enttäuschungen war für mich,  dass diese Regierung vom Schuldenerlass profitiert hat, für den sich unter anderem die Kirche sehr eingesetzt hat, und so 400 Millionen Dollar jährlich zur Verfügung hatte für soziale Projekte. Zu Beginn gab es auch gute soziale Programme, dann aber wurde leider alles dem Projekt der Wiederwahl untergeordnet. Die internationale Gemeinschaft hat das nicht wahrgenommen.

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