Die Verantwortung des Glaubens im Welt-Maßstab

Rede von Bischof Franz Kamphaus beim Studientag auf der Wolfsburg am 17. November 2007

Als ich vor 55 Jahren mit dem Theologiestudium begann, schenkte mir ein Freund die kleine programmatische Schrift von Hans Urs von Balthasar „Schleifung der Bastionen“. Der Titel sagt alles: Die weltfremden Kirchenmauern müssen fallen, die Kirche muss herabsteigen „in die Fühlung mit der Welt“. (Viele, die heute von der alten Kirche träumen, haben keine Ahnung davon, wie sie aussah. Dahin sollten wir uns nicht zurücksehnen.) Das II. Vatikanische Konzil hat sich der Herausforderung gestellt und nach den Zeichen der Zeit gefragt. Das bleibt eine beständige Aufgabe.
Unsere Gefahr heute ist wohl nicht so sehr, dass wir weltfremd sind, sondern, dass wir mitten in einer allgemeinen unverbindlichen Religionsfreudigkeit gottfremd werden. Was wir vor fünfzig Jahren in der Schleifung der Bastionen als Befreiung ersehnt haben, kann selbst wieder zur Fessel werden an den Lauf der Welt, und unter der Hand wird zum Maßstab kirchlichen Redens und Handelns, was allgemein plausibel ist. Die Welt aber braucht keine Verdoppelung ihrer Hoffnungslosigkeiten durch Religion; sie braucht das Gegengewicht gelebten Gottesglaubens. Wir müssen der Welt nicht Welt und der Erde nicht Erde geben, sondern das, was ihnen niemand sonst geben kann: das Salz, das Licht des Evangeliums (vgl. Mt 5,13-16).

Porträtfoto
Bischof Franz Kamphaus (Foto: ADV/André Schmidt)

Weltfremd - gottfremd. Dem weltlosen Gott korrespondiert eine gottlose Welt. Wie überwinden wir diese beiderseitigen Entfremdungen? Religionen wollen den Menschen einen Weg von der Welt zu Gott aufzeigen, und  oft bleibt die Welt dabei auf der Strecke! Jesus Christus steht dafür, dass Gott einen Weg zur Welt und zum Menschen gebahnt hat. Gott ist zur Welt gekommen - bis zu den letzten Menschen, sie sind die Ersten! Er will nicht ohne seine Schöpfung Gott sein, sondern in ihr und mit ihr. In der Reich-Gottesbotschaft zeigt sich, wie Gott und Welt im christlichen Glaubensverständnis zusammengehören. Sie ist der Maßstab für unseren Gottesglauben und unsere Weltverantwortung. Das hat Franz Hengsbach richtig erkannt, als er dem Hilfswerk für Lateinamerika den Namen Adveniat  gab:

1. Adveniat regnum tuum

Nach dem Markus-Evangelium beginnt Jesus in der Öffentlichkeit mit dem Aufruf: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (1,15). Damit ist sein Wirken gleich zu Anfang auf den Punkt gebracht. Die Herrschaft Gottes ist der zentrale Inhalt seiner Botschaft und seines Handelns. Die hat er gegenüber allen menschlichen Autoritäten unnachgiebig zur Geltung gebracht: Gott zuerst! Glauben besteht nicht darin, Gott zu spielen, sondern darin, Gott zu dienen.
Ursprünglicher Ort der Verkündigung Jesu sind die Hecken und Zäune draußen. Der Acker, auf dem der Sämann seine Saat ausstreut, ist die Welt (vgl. Mk 4,1-9). Jesus hat auch im Tempel gelehrt. Er hat ihn nicht gemieden, er hat ihn gereinigt, mit Berufung auf die Schrift (vgl. Jesaja, Jeremia): „Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein“ (Mk 11,17). Er hat die Zerstörung des Tempels kommen gesehen und sie angekündigt. Das war wohl der letzte Auslöser für seine Verhaftung. Bei seiner Kreuzigung „riss der Vorhang im Tempel von oben bis untern entzwei“ (Mt 27,51). Schleifung der Bastionen! Jesus ist herabgestiegen „in die Fühlung mit der Welt“ (U. v. Balthasar). Er hat seine Jünger beauftragt, die Botschaft vom Anbruch des Reiches Gottes in der Welt auszurichten und um dessen Kommen zu beten: Adveniat regnum tuum!
Der selige Papst Johannes XXIII. hat zehn Tage vor seinem Tod am 24. Mai 1963 seinen Glauben ausdrücklich erneuert und in einem Bekenntnis ausgesprochen, was ihm am Herzen lag: „In Gegenwart meiner Mitarbeiter kommt es mir spontan in den Sinn, den Akt des Glaubens zu erneuern… Mehr denn je, bestimmt mehr als in den letzten Jahrhunderten, sind wir heute darauf ausgerichtet, dem Menschen als solchen zu dienen, nicht bloß Katholiken, darauf, in erster Linie und überall die Rechte der menschlichen Person und nicht nur diejenigen der katholischen Kirche zu verteidigen. Die heutige Situation, die Herausforderung der letzten fünfzig Jahre und ein tieferes Glaubensverständnis haben uns mit neuen Realitäten konfrontiert, wie ich es in meiner Rede zur Konzilseröffnung sagte. Nicht das Evangelium ist es, das sich verändert; nein, wir sind es, die gerade anfangen, es besser zu verstehen.“
Der Gott, an den wir glauben, ist der Schöpfer aller Menschen. Programmatisch hat das Konzil verkündigt, der Sohn Gottes habe sich durch seine Menschwerdung mit jedem Menschen gleichsam  vereinigt (GS 22) – nicht nur mit jedem Katholiken, nicht nur mit jedem Christen, sondern mit jedem Menschen. Die Kirche ist kein Paradies für Privilegierte, keine Art Parteigründung oder Konfessionsbildung, es geht ums Ganze – so wahr katholisch „allumfassend“ bedeutet. Deshalb heißt es gleich zu Anfang der Kirchenkonstitution des letzten Konzils: „Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (LG1). Überall, wo die Communio-Theologie das nicht im Blick hat, sondern sich mit der Kirche oder  gar nur mit bestimmten Gruppen in ihr begnügt, gerät sie auf Abwege. Die Hoffnung auf Gottes Herrschaft und Reich ist so anspruchsvoll, dass keiner ihr für sich allein treu bleiben kann, auch die Kirche nicht für sich allein ohne die Welt! Sie ist gesandt die Herrschaft Gottes „anzukündigen und in allen Völkern zu begründen. So stellt sie Keim und Anfang dieses Reiches auf Erden dar“ (LG 5), ohne es selbst schon zu sein.
In unserer Gesellschaft ist Religion zur Privatsache geworden: „Die einen brauchen das halt, die anderen brauchen’s nicht mehr. Soll doch jeder sehen, wie er es damit hält.“ In diese Ecke dürfen wir uns auf keinen Fall abschieben lassen. Sonst wird aus der Kirche schließlich ein Verein. In den Augen vieler ist sie das schon: eine Veranstaltung für Kirchenleute, ein Verein neben anderen, der seine Jubiläen feiert und sieht, dass er aufs Ganze nicht zu kurz kommt; ein Nischenanbieter auf dem Markt der Möglichkeiten. Kirche als Interessenverein - das ist ihr Tod. So hat Jesus sich das nicht gedacht, als er die Herrschaft Gottes ankündigte. Die Kirche ist nicht ein Verein, sondern eine Bewegung im Dienste des Reiches Gottes in der Welt. Wir dürfen unsere besten Kräfte und Hoffnungsenergien nicht bei uns in der Kirche behalten und verpulvern, sie wollen zur Welt kommen. Wir sind gesandt, die Saat des Gotteswortes gerade auch auf den kirchenfremden Äckern auszusäen. Ein Brief aus dem dritten christlichen Jahrhundert an Diognet spiegelt das ursprüngliche christliche Selbstbewusstsein wieder: „Was die Seele im Leib ist, das sind die Christen in der Welt. Die Seele durchdringt alle Glieder des Leibes, die Christen alle Städte der Welt. Die Seele wohnt im Leib, ist aber nicht vom Leib. Die Christen leben sichtbar in der Welt und sind doch nicht von der Welt… Die Christen sind im Gewahrsam der Welt und halten doch die Welt zusammen.“
Die Verheißung des Reiches Gottes ist nicht gleichgültig gegenüber dem Grauen und Terror irdischer Ungerechtigkeit und Unfreiheit, die das Antlitz des Menschen und der Erde zerstören. Sie besagt gerade nicht, dass es endlos so weitergeht wie bisher. So stellen es sich diejenigen vor, die schon in diesem Leben alles haben und trotzdem nie genug bekommen, die das, was sie haben, für immer haben wollen. Anderes fällt ihnen nicht ein als ihre private Seligkeit. Wer an das Kommen des Reiches Gottes glaubt, kann sich damit nicht zufrieden geben. Er hofft auf ein Glück, das nicht mit dem Unglück anderer bezahlt wird, auf eine Freude, die nicht Privatvergnügen weniger oder Gruppenprivileg bleibt, sondern alle erfasst. Alle werden zu ihrem Recht kommen und Frieden finden.
„Das Reich Gottes ist nicht indifferent gegenüber den Welthandelspreisen.“ Dieser heiß umkämpfte Satz der Synode der Bistümer in der Bundesrepublik (Unsere Hoffnung I 6) zeigt an, dass die Reich-Gottes-Botschaft nicht gefällig und politisch harmlos ist, sondern anstößig, provokativ. Es schreit zum Himmel, dass in unserer reichen Welt täglich dreißigtausend Kinder unter fünf Jahren an Hunger und Mangelkrankheiten sterben, dass der Abgrund zwischen arm und reich immer tiefer wird. Der Harmoniezwang im Trend unserer Gesellschaft, der bis in die religiöse Welle hinüber schwappt, ist gefährlich. Er lässt schließlich die vergessen, die die ersten Adressaten der Reich-Gottes-Botschaft sind: die Armen und die Geschändeten dieser Erde.

2. Die besondere Option für die Armen

Wenn im Mittelpunkt des Wirkens Jesu das Reich Gottes steht, dann sind die Armen die ersten, die dazu gehören. So lautet die erste Seligpreisung nach Lukas: „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes“ (6,20). Jesus ist arm und reich gegenüber nicht neutral gewesen. Sicher: seine Sendung galt allen Menschen. Er hat niemanden von seiner Liebe ausgeschlossen. Aber die Armen standen ihm besonders nahe. Er hat zu ihnen anders gesprochen, als zu den Reichen: hier verheißungsvoll („Selig …“), dort warnend („Weh euch …“). Nirgendwo nennt er den Reichtum ein Zeichen göttlicher Erwählung. Er spricht von ersten und letzten Plätzen. Er kündigt an, dass Erste Letzte sein werden und Letzte Erste (vgl. Mk 10,31). Dabei ist er kein Asket gewesen wie Johannes der Täufer, erst recht kein Zelot, kein Klassenkämpfer.
Was heißt das, wenn den Armen die Gottesherrschaft zugesprochen wird? Zu leicht wird das als Vertröstung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verstanden. Das entspricht nicht der Botschaft Jesu. Anders als die Apokalyptik, in der die Gegenwart als heillos gilt und Gottes Heil allein für die Zukunft erwartet wird, ist für ihn das Hier und Jetzt von der heilsamen Nähe Gottes geprägt. Er lebt und handelt aus der Gegenwart der Gottesherrschaft. Er spricht zwar auch vom Reich Gottes als einer zukünftigen Wirklichkeit, doch ist für ihn diese Zukunft mit der Gegenwart verbunden. In ihr ist die Nähe des Reiches wahrzunehmen: „Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium verkündet“ (Mt 11,5). Die Armen kommen jetzt zu ihrem Recht, sie sind Bürgerinnen und Bürger der Gottesherrschaft. Jesus vertröstet sie nicht auf spätere Zeiten jenseits von Welt und Geschichte. Er beginnt zeichenhaft mit dem, was kommen wird.
Die Option Jesu für die Armen ist  beim letzten Konzil deutlich zu Wort gekommen. Sie hat danach vor allem in Lateinamerika einen starken Widerhall gefunden: Man denke nur an Medellin (1968), an die Befreiungstheologie, nicht zuletzt auch an Puebla (1979). Das Schlussdokument „Die Evangelisierung Lateinamerikas in Gegenwart und Zukunft“ bezeichnet „den sich immer mehr auftuenden Abgrund zwischen Reichen und Armen als ein Ärgernis und einen Widerspruch zum Christsein. Der Luxus einiger Weniger wird zur Beleidigung für das große Elend der Massen… In diesen Ängsten und Schmerzen sieht die Kirche ein soziale Sünde, die umso schwerer wiegt, da sie in Ländern begangen wird, die sich katholisch nennen und die Fähigkeit haben, dies abzuändern“ (28). Auch das Schlussdokument von Aparecida spricht an dieser Stelle eine deutliche Sprache. Bischof Oscar Romero sagte kurz vor seiner Ermordung 1980: „Die Welt, der die Kirche dienen soll, ist für uns die Welt der Armen… Und von dieser Welt sagen wir, dass sie der Schlüssel ist zum Verständnis des christlichen Glaubens, des Handelns der Kirche – der Schlüssel zum Verständnis der politischen Dimension dieses Glaubens und dieses kirchlichen Handelns. Es sind die Armen, die uns sagen, was Welt und was kirchlicher Dienst an der Welt ist.“
Heute steht die Frage des Gleichnisses von Barmherzigen Samariter in einem globalen Kontext: „Wer hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?“ (Lk 10,36). Vermuten wir unseren Nächsten nicht immer noch fast ausschließlich im eng begrenzten Lebensumfeld und nicht wie selbstverständlich auch in der globalisierten Welt? Dabei konkretisiert sich die Option für die Armen nicht nur in der zwischenmenschlichen Hilfe. Sie hat auch die Strukturen im Blick, die als Ursache der Armut einer ganzheitlichen Entwicklung aller Menschen entgegen stehen. Die Synode der Bistümer in der Bundesrepublik hat es vor 35 Jahren so gesagt: „Wir dürfen im Dienst an der einen Kirche nicht zulassen, dass das kirchliche Leben in der westlichen Welt immer mehr den Anschein einer Religion des Wohlstandes und der Sattheit erweckt, und dass es in anderen Teilen der Welt wie eine Volksreligion der Unglücklichen wirkt… Die eine Weltkirche darf schließlich nicht in sich selbst noch einmal die sozialen Gegensätze unserer Welt einfach wiederspiegeln… Hier müssen gerade wir in unserem Land handeln und helfen und teilen – aus dem Bewusstsein heraus, ein gemeinsames Volk Gottes zu sein, das zum Subjekt einer neuen verheißungsvollen Geschichte berufen wurde… Die Kosten, die uns dafür abverlangt werden, sind nicht ein nachträgliches Almosen, sie sind eigentlich die Unkosten unserer Katholizität, … der Preis unserer Orthodoxie“ (Unsere Hoffnung IV 3).

3. Weltkirche in der Ortskirche

„Die Schleifung der Bastionen“ – Wer hätte vor fünfzig Jahren gedacht, in welcher Weise dieses Wort uns derzeit einholt. Damals begann man, die Kirchen zu bauen, die heute in der Regel an erster Stelle zur Schleifung anstehen (z. B. die Gottesburgen von Pater Werenfried!) Ein schweres Erbe! Wie wirkt sich diese Erfahrung auf unser weltkirchliches Denken und Handeln aus? Werden wir freier zu neuem Aufbruch oder werden wir uns ängstlich verschanzen in den verbleibenden Bastionen? Der Grad unseres Weltkirchenbewusstseins lässt erkennen, ob und wie wir unsere Weltverantwortung wahrnehmen.
Es ist ein Segen, dass wir die Hilfswerke haben. Sie haben den partnerschaftlichen Austausch mit den Ortskirchen im Osten und Süden ganz wesentlich geprägt und uns daran erinnert, wo unsere Aufgaben sind in der Mitgestaltung der Weltgesellschaft (vgl. etwa Misereor: Zukunftsfähiges Deutschland). Ihre Kompetenz und ihr Auftrag für die Zukunft sind unbestritten. Gleichwohl sind sie einbezogen in die gesamtkirchlichen Krisenphänomene. Nicht nur führen der Rückgang der Kirchenmitglieder und Gottesdienstteilnehmer (und eine steigende Konkurrenz auf dem Spendenmarkt) zu erheblich weniger Einnahmen. Ebenso bedenklich ist eine andere Entwicklung: 1995 erschien eine aufschlussreiche Studie von Franz Nuscheler und Karl Gabriel über „Christliche Dritte-Welt-Gruppen“. Schon damals zeigte sich, dass die Eine-Welt-Arbeit statt in der Mitte vielfach nur am Rande der Pfarrgemeinden angesiedelt ist. Darüber hinaus geht ihr der Nachwuchs aus. War weltkirchliche Solidarität schließlich nur Sache einer bestimmten Generation?
Der mancherorts dramatische Einbruch in den kirchlichen Finanzen und der Um- und Rückbau pastoraler Strukturen in den Bistümern haben deutlicher erkennen lassen, wie es um das weltkirchliche Bewusstsein  bestellt ist. Eine vor wenigen Monaten von der Deutschen Bischofskonferenz, den Bistümern und den Werken gemeinsam in Auftrag gegebene Studie soll genau das näher erforschen. Ihren Ergebnissen kann hier nicht vorgegriffen werden. Ich will nur einige eigene Beobachtungen mitteilen:

  • In nicht wenigen Diözesen sind die weltkirchlichen Arbeitstellen in den letzten Jahren so stark zusammengestrichen worden, dass es schwer sein dürfte, Aktivitäten in den Gemeinden anzuregen und fachlich zu begleiten. Wie wollen die Bistümer ihre im Konzil angemahnte gesamtkirchliche Verantwortung zukünftig wahrnehmen?
  • Viele Kirchengemeinden sind angesichts der neuen pastoralen Strukturen so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass die Verantwortung für die Gesellschaft, gar für die Welt und die Weltkirche zunehmend aus dem Gesichtsfeld schwinden (man bedenke etwa die Trends auf den Katholikentagen). Weltkirche ist das, was übrig bleibt, wenn hier zu Hause alles geregelt ist.
  • Die Kollekten der Werke werden nicht selten als lästige Pflichtübung betrachtet. Die Zeiten, in denen es zwischen Gemeinden einen regelrechten Wettbewerb um die besten Ergebnisse gab, sind lange vorbei. Auf die Kollektentermine wird oft eher routinemäßig oder auch gar nicht hingewiesen. Immer öfter veranstalten Gemeinden im zeitlichen Umfeld der weltkirchlichen Kollekten Sammlungen für ihre eigenen Zwecke.
  • Viele Kirchengemeinden pflegen Beziehungen zu Partnern in Osteuropa oder in Übersee, ohne die Werke einzubeziehen.  Die gelten nicht wenigen als anonyme Großorganisationen, die sie mit Papier überfluten.

In diesen Beobachtungen zeigt sich ein doppelter Trend: das weltkirchliche Bewusstsein in den Diözesen und Pfarreien ist erheblich zurückgegangen, und die Verbindung zwischen Werken und kirchlicher Basis hat sich gelockert. Was tun? Das Gebot der Stunde ist ein neuer Aufbruch zu einem dreifachen Miteinander:

  • das Miteinander der Werke
  • das Miteinander von Werken und Bistümern / Gemeinden
  • das Miteinander mit den Ortskirchen im Süden und Osten.

Ich bin überzeugt: Wir können unsere Probleme hier bei uns nicht lösen ohne unsere Schwestern und Brüder in der Weltkirche. Und gemeinsam haben wir einen Auftrag, an den Problemen der Welt mitzuarbeiten. „Wir müssen den Weg gemeinsam gehen“, sagte Dom Hélder Câmara immer wieder, gemeinsam mit den Armen und miteinander im Dienste der Armen.
Die Deutsche Bischofskonferenz, die Diözesen und die Werke führen seit Oktober 2006 ein gemeinsames Projekt durch, das der Erneuerung weltkirchlicher Arbeit in Deutschland dienen soll. 
Hören wir in den oft irritierenden und schmerzhaften Veränderungen der gegenwärtigen Kirchenstunde den Lockruf Gottes, der uns seine Verheißungen neu entdecken lehrt und uns – gewiss mit sanftem Druck  - zur Umkehr und Wandlung drängt. Der lebendige Gott ist stets unendlich mehr als unsere Bastionen und Kirchenstrukturen. Will er unserer konkreten Kirchengestalt die rote Karte zeigen? Eine Krise stellt uns. Manchmal erfahren wir erst dann, worum es eigentlich geht. Das kann befreiend sein, endlich zu sehen, was zu tun und was zu lassen oder zu verlassen ist. Krisenzeiten sind Chancen, das Evangelium neu zu entdecken und sich neu an ihm zu orientieren. Was bedeutet es, dass die Reich-Gottes-Botschaft das Zentrum der Verkündigung Jesu ist, dass die Armen in die Mitte gehören, dass Gott zur Welt kommen will und nicht nur in unserer Kirche zu Hause ist. Für ein Handeln aus dieser Botschaft stand und steht hoffentlich weiterhin Franz Grave, ein kantiger Brocken im Revier. Danke!

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