Kirche in Lateinamerika

Lateinamerika: ein katholischer Kontinent
Als Kolumbus 1493 das zweite Mal nach Amerika reiste, wurde er von Priestern und Ordensmännern begleitet. Die Eroberung Amerikas ging mit der christlichen Missionierung einher. Conquista und Evangelisierung arbeiteten Hand in Hand. Von Anfang an gab es aber auch Kräfte in der katholischen Kirche, die sich nicht an die politisch Mächtigen anbiederten, sondern mit großem Eifer für die Rechte der eingeborenen Bevölkerung kämpften (wie z. B. der Dominikanerpater Bartolomé de las Casas, der Bischof von Lima Toribio Alfonso de Mogrovejo und die Jesuiten mit ihrem Versuch einer gewaltfreien Missionierung in Paraguay).

Heute leben mehr als die Hälfte aller Katholiken (ca. 556 Millionen von 1,1 Milliarden) in Lateinamerika. Auf keinem anderen Kontinent ist der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung so hoch. Organisiert sind sie in 778 Diözesen und 22 Bischofskonferenzen. So groß diese Zahlen sind, so vielfältig ist das katholische Leben in Lateinamerika.

Organisation der Kirche
Auf institutioneller Ebene stellt der 1955 gegründete lateinamerikanische Bischofsrat (Consejo Episcopal Latinoamericano – CELAM –) als Zusammenschluss der Bischöfe des Subkontinents eine Besonderheit dar. Dieses Organ hat die Aufgabe der Kommunikation und Koordination und erleichtert so die kirchliche Arbeit auf dem Kontinent. Ferner organisiert er etwa alle fünfzehn Jahre eine Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe (Medellín 1968; Puebla 1979; Sto. Domingo 1992, La Aparecida 2007). Die Grundrichtungen kirchlichen Handelns werden dort beschlossen, wie die Option für die Armen, die Methode der Evangelisierung (Sehen-Urteilen-Handeln), die Inkulturation, die Feier und Weitergabe des Glaubens, das soziale Handeln, die Bildungsarbeit, die Gestaltung eines menschwürdigen Lebens im Licht des Evangeliums u.a.

Basisgemeinden, Märtyrer und Befreiungstheologie
Eine Besonderheit des christlichen Lebens in Lateinamerika sind die so genannten „Basisgemeinden“. Diese Zusammenschlüsse von Christen haben das Glaubensleben in vielen Gebieten des Kontinents neu belebt. Aus dem gemeinsamen Gebet, der Feier des Glaubens und der Reflexion über die Bibel, die mit der eigenen Lebenswirklichkeit in Beziehung gesetzt wurde, entstanden konkrete Handlungsinitiativen.

Wie schon im 16. Jahrhundert, geriet die Kirche in Lateinamerika auch in den letzten Jahrzehnten vor allem dann in Konflikt mit gesellschaftlichen Kräften, wenn sie sich auf die Seite der Armen stellte. Insbesondere in der Zeit der Militärdiktaturen in den 70er und 80er Jahren fielen Tausende von Gemeindemitgliedern, zahlreiche Priester und Ordensleute Anschlägen und Verfolgung zum Opfer. Diese Märtyrer sind Zeugen für eine konsequente Nachfolge Jesu im Dienste der Armen und Unterdrückten und in diesem Sinne auch Zeichen der Hoffnung.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen entstand in Lateinamerika auf universitärem Niveau auch eine eigenständige Reflexion über den Glauben. Sie wurde unter dem Namen „Theologie der Befreiung“ bekannt und umstritten.

Volksfrömmigkeit und Marienverehrung
Die ausgeprägte Volksfrömmigkeit der lateinamerikanischen Christen prägt mit ihrer tiefen Beziehung zu den Heiligen, mit ihren Prozessionen und Wahlfahrten das Gesicht der Kirche in Lateinamerika. Auffällig ist eine intensive Beziehung zu Maria, der Mutter Gottes, die in der Gestalt verschiedener Marienerscheinung (z. B. die Jungfrau von Guadalupe in Mexiko oder Unsere liebe Frau von Aparecida in Brasilien) überall verehrt wird. In all diesen Elementen der Volksfrömmigkeit wird der Glauben in das alltägliche Leben integriert und die europäische mit der indigenen Kultur verbunden.

Aktuelle Herausforderungen
Die Kirche in Lateinamerika steht heute vor neuen Herausforderungen: Die wachsende Resonanz evangelikaler Sekten gerade auch in den armen Bevölkerungsschichten stellt eine nie da gewesene „Konkurrenz“ zur katholischen Kirche dar. Die Zahl der Priester geht zurück. Die immer größer werdenden Städte und die mächtigen Migrationsbewegungen stellen eine wachsende humanitäre und pastorale Herausforderung dar. Vor allem aber sind die Armut der Bevölkerungsmehrheit und die große Ungleichheit unter den Menschen des Kontinents, dieser „stumme Schrei von Millionen von Menschen“, die größte Anfrage für die katholische Kirche in Lateinamerika.