Länderportrait Brasilien

Landeskunde und demographische Daten

Brasilien ist nach Russland, Kanada, den USA und China das flächenmäßig fünftgrößte Land. Seine Fläche ist etwa 24-mal so groß wie die der Bundesrepublik Deutschland und entspricht 47 % der Fläche Südamerikas. Die West-Ost- und Nord-Süd-Ausdehnungen betragen jeweils mehr als 4.300 km. Mit 191,6 Mio. Einwohnern (22,5 Einw./km²) belegt Brasilien nach China, Indien, den USA und Indonesien ebenfalls Weltranglistenplatz 5. Etwa 85 % der Brasilianer leben in Städten, mehr als 50 % in Großstädten. 90 % der Gesamtbevölkerung konzentrieren sich auf die Bundesstaaten der Ost- und Südküste. Dort schwankt die Bevölkerungsdichte zwischen 20 und 300 Einw./km² (Amazonasraum: ca. 5 Einw./km²).
Das Klima des Landes, das zwischen 5° nördlicher und 34° südlicher Breite liegt, ist überwiegend tropisch mit geringen jahreszeitlichen Schwankungen. Der Süden ist zum großen Teil subtropisch, bisweilen herrscht gemäßigtes Klima. Dort kann es in den Höhenlagen im Winter gelegentlich zu Schneefällen kommen. Das Amazonasbecken verzeichnet ganzjährig reichhaltige Niederschläge, während es im semiariden Nordosten lang anhaltende Dürreperioden gibt. Die landwirtschaftliche Basis Brasiliens befindet sich im Süden und in den Savannengebieten des Mittelwestens, sie breitet sich aber seit Jahren auch immer mehr Richtung Norden (Amazonastiefland) und Nordosten aus.
Die bevölkerungsreichsten Großräume sind (jeweils mit angrenzenden Vorstädten): São Paulo (20,5 Mio. Einw.), Rio de Janeiro (11,4 Mio.), Belo Horizonte (4,3 Mio.), Porto Alegre (4 Mio.), Recife (3,6 Mio.), Fortaleza und Salvador (jeweils 3,4 Mio.) und Brasília (2,2 Mio.). In diesen Ballungsräumen konzentriert sich ein Großteil der teils hoch entwickelten Industrie des Landes. Mit mehr als 1.000 im Handelsregister eingetragenen deutschen Firmen ist São Paulo das größte Zentrum deutscher Industrie.
Der Anteil armer Bewohner ist sehr groß im Norden und Westen des Landes (Amazonasraum), im Nordosten und Zentralwesten, generell in den Peripheriegebieten fast aller Städte, vor allem der 14 Millionenstädte und der 250 Großstädte. Aber auch ländliche Regionen im Süden und Südosten Brasiliens verzeichnen einen hohen Anteil von armer Bevölkerung.

Sozioökonomische, politische und kulturelle Besonderheiten

Blick auf die Innenstadt von São Paulo Foto:Bauerdick

Seit der demokratischen Öffnung Brasiliens Ende der 1970er Jahre, bei der Gewerkschaftsbewegung, katholische Kirche und soziale Bewegungen eine entscheidende Rolle spielten, und dem formellen Ende der Militärdiktatur 1985 hat das Land einen Prozess von Bildung und Festigung seiner politischen Strukturen erlebt. Von besonderer Bedeutung war die Assembléia Constituinte, aus der 1988 eine im internationalen Vergleich vorbildliche Verfassung hervorging.
Die Zivilgesellschaft hat in Brasilien einige bemerkenswerte direkte Partizipationsmöglichkeiten. Dazu gehören beispielsweise die so genannten Beiräte auf kommunaler, Landes- und Bundesebene, in denen Public Politics mitgestaltet wird. In den letzten 20 Jahren gab es in einer Reihe positiver Erfahrungen mit Bürgerhaushalten, die in den Kommunen durch Mitbestimmung der Bürger zur Verbesserung von Lebensbedingungen führten. Diese Art der direkten Bürgerbeteiligung beim Einsatz von öffentlichen Geldern ist zu einer internationalen Referenz geworden.
Defizite gibt es in der Gesetzgebung, die vielfach den Ansprüchen der Verfassung nicht nachkommt. Das Indianerstatut z.B., das die Rechte der indigenen Bevölkerung Brasiliens umfassend regeln soll, ruht seit fast 20 Jahren in den Schubladen des Kongresses, weil es Wirtschafts- und Machtinteressen berührt, deren nachkoloniale Hüter größeren parlamentarischen Einfluss besitzen als die Urbevölkerung des Landes.
Problematisch ist bisweilen auch die Durchführung der bestehenden Gesetze, bei der es große regionale Unterschiede und Stadt-Land- sowie Arm-Reich-Kontraste gibt. So werden in dem sehr armen und abgelegenen Bundesstaat Pará nur etwa 1 % der Tötungsdelikte strafverfolgt. Nur sehr selten kommt es zu einer Verurteilung. Ein weiteres Beispiel ist die Umweltbehörde IBAMA, die angesichts der Größe des Landes und der alarmierenden Umweltprobleme finanziell wie personell mangelhaft ausgestattet ist.
Vor allem in den ländlichen Regionen üben auf kommunaler und teils auch auf Landesebene alteingesessene Oligarchien bis heute die tatsächliche politische und wirtschaftliche Macht aus. Aber auch im Kongress und in den Landesparlamenten, wo Parteiwechsel während der Legislaturperiode auf der Tagesordnung stehen, wird oftmals Klientelpolitik auf der Basis von gegenseitiger Vorteilsnahme im Interesse der Reichen und Mächtigen betrieben. Vor diesem Hintergrund versuchen soziale Bewegungen sowie der Nationale Anwaltsbund und Teile der katholischen Kirche eine grundlegende Reform des politischen Systems auf die Agenda zu setzen, um das Land mehr und mehr aus dem kolonialen Erbe herauszuführen.
Brasilien konnte in den zurückliegenden Jahren eine bemerkenswerte wirtschaftliche Entwicklung verzeichnen. Allein zwischen 2003 und 2009 wuchs das Bruttoinlandsprodukt im Durchschnitt fast 4 % pro Jahr; im Jahre 2010 sogar um 7,5 %, so dass Brasilien Italien überholte und auf den siebten Rang unter den größten Wirtschaftsnationen der Welt aufstieg. Auch der Staat konnte beträchtliche Einnahmenzuwächse verzeichnen, die einerseits für Schuldendienste sowie neue Investitionen genutzt wurden und andererseits die Finanzierung von Sozialprogrammen ermöglichten. Von 2003 bis 2008 konnten etwa 20 Mio. Brasilianer aus der Armut in die untere Mittelschicht aufsteigen.
Bei der Interpretation der allgemeinen demographischen, sozialen und wirtschaftlichen Daten zu Brasilien muss berücksichtigt werden, dass die Durchschnittszahlen teilweise den Blick auf ein extrem verzerrtes Bild versperren, da es regionale und lokale Disparitäten gibt sowie Stadt-Land-Unterschiede und Ungleichheiten hinsichtlich Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Alter, Einkommensniveau, Bildungsstand etc.

Manaus/Stadtindigene, Foto:Escher

Gravierende Nachteile haben im Hinblick auf Gesundheit, Bildung, Einkommen besonders Afrobrasilianer (45 % der Bevölkerung), Landbevölkerung und Indigene, unter ihnen speziell Frauen und Jugendliche. Die indigene Bevölkerung ist in Brasilien von 270.000 (0,17 %) in 1993 auf inzwischen mehr als 750.000 (0,4 %; 241 Völker) gewachsen. Einerseits verzeichnen einige der Ethnien einen realen Bevölkerungszuwachs, andererseits ist vielerorts das (Selbst-)Bewusstsein der Menschen gewachsen und sie bekennen sich offen zu ihren Ursprüngen. Zu diesen erfreulichen Entwicklungen hat auch das kirchliche Engagement zugunsten der Indigenen beigetragen.
Die weiterhin starke Binnenmigration ist in Brasilien in erster Linie Ausdruck von Armut. Vor allem das exportorientierte Agrobusiness verursacht Landvertreibung, Landflucht der Kleinbauern und Migration der Saisonarbeiter. Unmittelbar verknüpft mit der Migration ist der anhaltende Verstädterungsprozess, der vor allem auch im Amazonasraum zu gravierenden sozialen und ökologischen Problemen geführt hat.
Seit 1993 ist die Lebenserwartung der Brasilianer von 66 auf 72,4 Jahre gestiegen. Etwa 28,2 % der Brasilianer sind jünger als 15 und nur 6 % älter als 65 Jahre. Betrug die Alphabetisierungsrate 1993 82 %, so ist sie inzwischen auf ca. 90 % gestiegen. Damit befindet sich Brasilien, wo Schulpflicht herrscht, auf dem Niveau anderer „Transformationsländer“ wie z.B. China, jedoch muss davon ausgegangen werden, dass es eine große Zahl „funktionale Analphabeten“ gibt (nach PISA-Kriterien 60 % der Über-15-jährigen Brasilianer). Dies ist vor allem auch auf das mangelhafte öffentliche Schulsystem zurückzuführen. Wohlhabendere Familien schicken ihre Kinder auf qualitativ bessere Privatschulen, die Schulgeld verlangen. Paradoxerweise rekrutieren sich aus diesen finanziell bessergestellten Schichten die meisten Studenten an den recht guten staatlichen Universitäten, die frei sind von Studiengebühren. Nur 2,9 % seines Haushalts investierte Brasilien 2009 in die Bildung. Die Mängel des Bildungswesens gefährden mittlerweile die wirtschaftliche Entwicklung. So sind z.B. nur 20 % der Hochschullehrer promoviert, an privaten Hochschulen gar nur 11 %. Auch Gesundheit gehört zu den finanziell rückständigen Bereichen (4,8 % des Haushalts in 2008 gegenüber 30,6 % für Zins- und Tilgungszahlungen für Schuldendienste). Zwar gibt es ein staatliches Gesundheitssystem, doch ist es personell wie finanziell sehr schlecht ausgestattet, was zu unzumutbaren Belastungen vor allem bei der verarmten Bevölkerung führt. Zu den häufigsten Todesursachen gehören Herzerkrankungen, Krebs, Unfälle und Gewalt. Obwohl nur 15 % der Ausgaben für Gesundheit in die Vorsorge fließen, konnten auf dem Gebiet der Säuglings- und Kindersterblichkeit in den letzten 30 Jahren beachtliche Fortschritte erzielt werden. Eine wichtige Rolle spielte dabei die landesweit gut organisierte Kinderpastoral (Pastoral da Criança) der katholischen Kirche.
Diskriminierung von Frauen und armen Menschen, Rassismus gegenüber Indigenen und Afrobrasilianern, gegenüber Migranten aus dem Nordosten und aus den Nachbarländern (vor allem Paraguay und Bolivien) sind tief verwurzelt in der brasilianischen Gesellschaft. Ein bemerkenswertes positives Signal war, dass die Regierung Lula eine Quotenregelung zur Garantie einer Mindestzahl von Studienplätzen für indigene und afrobrasilianische Frauen und Männer an Universitäten eingeführt hat. Darüber hinaus gibt es seit kurzem ein staatliches Stipendienprogramm für Studierende aus den verarmten Bevölkerungsschichten. Für ältere Menschen auf dem Land, wo die Armut besonders stark verbreitet ist (in Nordostbrasilien sind 80 % der Landbevölkerung arm), wurde eine spezielle Rente eingeführt.
Weitere Fortschritte in den acht Jahren der Regierung Lula waren u.a.: Schaffung von 14 Millionen neuen Arbeitsplätzen und Rückgang der Erwerbslosenquote; schrittweise Erhöhung des Mindestlohns um (inflationsbereinigt) 54 % auf umgerechnet 230 € monatlich; stärkere Bekämpfung von Sklavenarbeit und von Korruption; Amnestiegesetz für Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung; Einführung einer Hilfe von 42 € monatlich für 12,4 Mio. Familien („Bolsa Família“), die unterhalb der Armutsgrenze leben. Als Gegenleistung verpflichten sich die Familien, ihre Kinder regelmäßig in die Schule und zur Gesundheitsvorsorge zu schicken.
Nach dem Human Development Report ist der Anteil der Armen (weniger als 2 US-$ pro Tag/Person) in der Bevölkerung Brasiliens zwischen 2003 und 2009 von 22 % auf 13 % (ca. 24 Mio. Menschen) gesunken. Unterhalb der National Poverty Line (weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens des Landes) leben danach 22 % der Brasilianer (ca. 42 Mio.). Hingegen nimmt das staatliche Institut IPEA als Armutsgrenze 115 € monatlich pro Person (50 % des gesetzlichen Mindestlohns) und kommt so auf 54 Mio. Arme. Davon sind 70 % Afrobrasilianer. Die Armutssituation der indigenen Bevölkerung, deren Lebensraum immer weiter bedroht wird, ist noch dramatischer.
In Brasilien sank der Einkommensverteilungsindex Gini in der Zeit der Regierung Lula von 0,563 auf 0,544 (je näher an 1, desto größer ist die Schere zwischen dem Einkommen der Armen und der Reichen). Das ist der niedrigste Stand seit 1981. Dennoch ist die Einkommensungleichheit in Brasilien so groß wie nur in wenigen anderen Ländern: die reichsten 10 % verfügen über 45 % der Einkommen, die ärmsten 10 % nur über 0,8 %. Der Gini-Index legt allerdings nur die Arbeitseinkommen einschließlich Renten zu Grunde (ca. ein Drittel des Nationaleinkommens) und berücksichtigt nicht die Einkünfte aus Kapitalanlagen, deren Anteil am Nationaleinkommen Brasiliens stetig wächst (2001: 23,7 %; 2005: 46,7 %). Die Banken in Brasilien gehören zu den größten Gewinnern der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzpolitik. Jahr um Jahr erzielen sie Rekordgewinne, die sich 2007 auf umgerechnet etwa 25 Mrd. € beliefen.
In der ersten Amtszeit von Präsident Lula da Silva (2003-2006) war die Reduzierung der sehr hohen Auslandsverschuldung eine der Prioritäten. Entgegen dem verfassungsgemäßen Auftrag wurde die Legitimität dieser Schulden niemals untersucht. Mit einem Sparkurs und dem stark exportorientierten Wirtschaftsmodell konnte die Regierung die Schulden gegenüber dem IWF sogar vorzeitig ablösen, doch war der Preis die Auslieferung an einheimische Gläubiger, bei denen sich die Regierung Geld zu sehr hohen Zinssätzen leiht. Derzeit beträgt die Staatsverschuldung 877 Mrd. €, davon etwa 200 Mrd. € Auslandsverschuldung. Entsprechend massiv lasten die Zins- und Tilgungszahlungen auf dem Haushalt: Allein 2009 wurden dafür 35,6 % des Haushalts (165 Mrd. €) ausgegeben. Dagegen waren die Ausgaben für das Sozialhilfeprogramm „Bolsa Família“ mit 5,2 Mrd. € geradezu gering. Ebenfalls vergleichsweise klein war der Anteil für Gesundheit (4,6 %) und Bildung (2,9 %) am Jahreshaushalt 2009.
Neben dem Bankensektor haben große Firmen und Konzerne von der Politik der Lula-Regierung stark profitiert, darunter Baukonzerne, Ethanolfabriken und der Bereich des Agrobusiness. Sein Voranstreben hat Brasilien zum größten Agrarexporteur der Welt gemacht. Dagegen wurde die kleinbäuerliche Landwirtschaft, die in erster Linie die Nahrungsmittelproduktion für die Menschen im Land garantiert, vergleichsweise wenig gefördert. Noch immer geht das Aussterben der Kleinbetriebe weiter. Auf die seit Jahrzehnten überfällige Agrarreform, auf die zu drängen soziale Bewegungen und auch die katholische Kirche nicht müde werden, wartet das Land weiterhin vergeblich.
Seinen Handel hat Brasilien stark diversifiziert. Längst konzentriert er sich nicht mehr auf Europa und Nordamerika, sondern ist weit verzweigt. Auch dies war einer der Faktoren, warum Brasilien von der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise deutlich weniger betroffen wurde. Nicht zuletzt dank seines wirtschaftlichen Aufschwungs hat Brasilien auch politisches Gewicht gewonnen und sich zur – inzwischen unbestrittenen – regionalen Vormacht aufgeschwungen (die zuweilen mit ihren „kleinen“ Nachbarländern durchaus hemdsärmlig umspringt).
Seit Jahren ist ein hohes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen, von dem Mittel- und Oberschicht weit mehr profitieren als die Armen. Allein 2006 bis 2007 stieg die Zahl der Brasilianer, die mehr als 1 Mio. Dollar Geldvermögen besitzen, um ein Fünftel. Auch der Staat ist mit seinem seit vier Jahren praktizierten Wachstumsbeschleunigungsprogramm ein immer stärkerer Akteur geworden. Teilweise beinhaltet das Programm wichtige Infrastrukturmaßnahmen in Ballungsräumen. Andererseits handelt es sich bisweilen um Großprojekte (Staudammbauten vor allem im Amazonasraum, Teilumleitung des Flusses Rio São Francisco), deren gravierende soziale und ökologische Folgen wie in früheren Zeiten von den Entscheidungsträgern ignoriert werden.

Brandrodung in Santarèm, Foto:Escher

Das große Wachstum ist vor allem auch dem Tempo zu verdanken, mit dem Brasilien seine Rohstoffe verzehrt. Auf diese Weise ist das Land bei der Verursachung von klimaschädlichen Gasen weltweit auf den vierten Platz geklettert.
Die größte Herausforderung für Brasilien in den kommenden Jahren wird es sein, die weiterhin sehr hohe Zahl der Armen deutlich zu verringern und den Menschen würdigere Lebensbedingungen zu garantieren. Hier gab es in der jüngsten Vergangenheit Ansätze für Veränderungen, doch geschahen sie ohne Strukturreformen und basierten auf einem Entwicklungsmodell, das die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen nicht berücksichtigt. Auf die Dauer kaum vorstellbar für eine funktionierende Gesellschaft ist der Fortbestand der extremen Gegensätze zwischen Armen und Reichen sowie der großen Besitzkonzentration.
Eine weitere große Herausforderung für Brasilien wird sein, seinen Weg zu finden zwischen ökonomischen und ökologischen Prioritäten. Das Land erlebt gleichzeitig die Probleme eines Industrielandes und die eines Entwicklungslandes.
Dringend notwendige Reformen wurden auch in den acht Jahren der Regierung Lula nicht auf den Weg gebracht. Die Schlüsselbereiche Gesundheit und Bildung benötigen neben grundlegenden Veränderungen vor allem auch mehr Geld, was im Konflikt steht zu den extrem hohen Schuldendiensten. Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Städten müssen verbessert werden. Es gibt immer mehr prekäre Arbeitsplätze, und die Zahl von etwa 50 % Beschäftigten im so genannten informellen Sektor ist alarmierend hoch. Überfällig ist auch eine Reform des Steuersystems, das bisher Waren und Dienstleistungen sehr hoch besteuert, Einkommen und Besitz dagegen sehr niedrig.
Die Frage einer Landbesitzreform in Brasilien hat verschiedene Aspekte. So ist sie unmittelbar verbunden mit einer umfassenden Agrarreform. Diese würde natürlich auch die Rolle der bislang vorherrschenden exportorientierten industriellen Landwirtschaft in Frage stellen müssen. Für die indigenen Völker Brasiliens bedeutet eine Landbesitzreform, dass die noch fehlenden ca. 50 % von insgesamt 988 Indianergebieten endgültig denjenigen Völkern zugesprochen werden, denen das Land ursprünglich gehörte. Auch die Quilombola-Gemeinden (Nachfahren der afrikanischen Sklaven) haben verfassungsgemäß einen Rechtsanspruch auf ihr Land, doch ist dieser bisher noch weniger verwirklicht als bei den Indios Brasiliens.
Die organisierte Kriminalität ist in Brasilien zu einem „Staat“ im Staate geworden und hat in den Peripheriegebieten zahlreicher Städte die De-facto-Herrschaft übernommen. Daran ändern auch punktuelle Aktionen von Polizei und Militär nichts, die angesichts der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaften und der Olympischen Spiele eher wie der Versuch einer Imagepflege wirken. Tatsächlich hat das Problem Wurzeln in der kolonialen Vergangenheit, die bis heute nicht überwunden ist. Auch die Chancenlosigkeit eines großen Teils der Kinder und Jugendlichen, die eigentlich die Zukunft des Landes sein sollten, spielt eine Rolle. Ihr Eintritt in die Drogenwelt ist Ausdruck einer fatalen Logik. Die daraus resultierende Gewaltspirale ist verantwortlich für den größten Teil von jährlich 55.000 Tötungsdelikten in Brasilien. Die meisten Opfer sind junge afrobrasilianische Männer im Alter zwischen 15 und 30 Jahren. Eng verbunden mit der organisierten Kriminalität ist die Korruption. Bei ihrer Bekämpfung sind zwar Fortschritte sichtbar, doch der wirtschaftliche Schaden von jährlich etwa 31 Mrd. € belastet die Gesellschaft massiv. Erstmals wurde im Superwahljahr 2010 das Gesetz der „Sauberen Weste“ angewandt, das vor allem auch mit kirchlicher Unterstützung auf den Weg gebracht worden war und das zahlreichen rechtskräftig Verurteilten die Kandidatur für ein öffentliches Amt verbietet.
Beim Korruptionsindex belegt Brasilien im weltweiten Ranking von Transparency international einen unrühmlichen 69. Platz. Den moralischen Schaden von Korruption hat besonders auch die Arbeiterpartei Brasiliens (PT) gespürt, der sowohl Ex-Präsident Lula als auch die jetzige Präsidentin Dilma Rousseff angehören. Einerseits gab es Fälle in den eigenen Reihen, andererseits ging die PT mit Blick auf Machterhalt Koalitionen mit Parteien ein, die seit langem tief in Korruption verstrickt sind und die eng verbunden sind mit großen Teilen der herrschenden Oligarchien des Landes. Von dem Glaubwürdigkeitsverlust haben sich die Parteien Brasiliens und das ganze politische System des Landes bis heute nicht erholt.

Landesspezifische kirchliche Herausforderungen

Die Situation in Brasilien ist gekennzeichnet durch die Tendenz eines sinkenden Anteils der getauften Katholiken an der Gesamtbevölkerung. Die Zahlen aus dem Annuarium Statisticum Ecclesiae weisen zwar noch einen Prozentsatz von 85 % auf, bei der Volkszählung im Jahr 2000 bezeichneten sich jedoch schon damals nur noch 73,9 % der Befragten als katholisch. Eine Erhebung des kirchlichen Sozialforschungsinstituts CERIS in 50 Munizipien des Landes im Jahr 2005 weist lediglich 67 % Katholiken aus. Außergewöhnlich groß ist die Zunahme der Anzahl von Menschen, die sich als konfessionslos bezeichnen: sie wuchs von 7 Mio. (4,7 % der Bevölkerung) in 1991 auf 12,5 Mio. (7,4 %) in 2000. Das ist ein großer Kontrast zu einem ehemals hohen Anteil der Katholiken von deutlich über 90 % der Gesamtbevölkerung in der Mitte des vorigen Jahrhunderts.

Es wachsen hauptsächlich neue evangelikale und Pfingstkirchen. Dadurch ändert sich das religiöse Spektrum Brasiliens deutlich, es entsteht ein immer größerer religiöser Pluralismus. Man spricht auch von Zersplitterung der religiösen Welt.
Die Präsenz der katholischen Bevölkerung weist deutliche Unterschiede zwischen den Regionen des Landes und oft auch innerhalb der Regionen auf. In den großstädtischen Gebieten wie Rio de Janeiro, São Paulo und Salvador liegt der Anteil der Katholiken bei knapp zwei Drittel oder weniger.

Messe im Indianerdorf Cantagalo, Foto:Escher

In den Regionen im Süden und Südosten zwischen 70 % und 80 %, im Nordosten hingegen noch über 80 %, wobei einzelne Gebiete im Hinterland oftmals noch deutlich über 90 % Katholiken aufweisen. Gerade hier ist auch die Volksreligiosität besonders präsent.
In absoluten Zahlen ist zwischen 1998 und 2008 nicht nur die Zahl der Gesamtbevölkerung um gut 22 Millionen angestiegen, sondern auch die Zahl der Katholiken hat in den letzten zehn Jahren um knapp 23 Millionen Menschen zugenommen, also etwa in der Größenordnung eines mittelgroßen Landes – in einem Staat mit kontinentalen Ausmaßen. Diese Zunahme konzentriert sich vor allem auf urbane Gebiete.
Auffällig ist auch die Zunahme der Anzahl an Pfarreien um ca. 20 % bei einer Zunahme an Priestern um nur knapp 3 %: in absoluten Zahlen liegt die Zunahme an Pfarreien in den zehn Jahren von 1998 bis 2008 mit 1.669 etwa drei Mal so hoch wie die Zunahme an Priestern mit 546. Dabei gibt es zunehmend mehr Weltpriester als Ordenspriester, deren Zahlen sich vor 15 Jahren noch in etwa die Waage hielten. Und auch das Zahlenverhältnis von Gläubigen zu Priestern hat sich von 8.000 Gläubigen pro Priester auf ca. 8.260 Gläubige pro Priester in den letzten Jahren wieder leicht erhöht. Dabei gibt es naturgemäß große Unterschiede in diesem großen Land. In den südlichen Regionen gibt es oft Pfarreien von kaum 3.000 Einwohnern, in den großen Städten ist ein Pfarrer oft für Pfarreien mit 100.000 Einwohnern und mehr zuständig. In den Gebieten des Nordostens liegen die Zahlen bei durchschnittlich 16.000 bis 18.000 Einwohner pro Priester. Dabei sind auch die Flächen der Pfarreien sehr unterschiedlich, von einigen wenigen Quadratkilometern in manchen Städten bis zu mehreren tausend Quadratkilometern etwa im Amazonasgebiet oder einigen Bereichen des Nordostens. Entsprechend unterschiedlich ist die Infrastruktur sowohl im zivilen als auch im kirchlichen Bereich, ganz besonders auch im Transportwesen, wo in vielen Regionen sehr schlechte Straßen und Wege bewältigt werden müssen und wo im riesigen Amazonasgebiet oft nur das Schiff (wochenlange Reisen) als Fortbewegungsmittel verfügbar ist.
Die starke Zunahme an Priesterseminaren von 103 auf 176 (+71 %) hat sich in der Zahl der Seminaristen nicht in vergleichbarer Größenordnung niedergeschlagen, deren Zahl von 8.076 in 1998 auf 9.336 in 2008 gestiegen ist (+15,6 %). Dies ist wohl der Tatsache geschuldet, dass viele Diözesen wieder eigene Seminare aufbauen, anstatt die Seminaristen in interdiözesane Einrichtungen zu schicken. Bei den Seminaristen und Neupriestern der letzten Jahre verstärkt sich der Eindruck, dass ein Großteil aus ärmeren Schichten stammt und oftmals der Wunsch nach einem besseren sozialen Status wichtigster Grund für die Entscheidung zum Priestertum ist. Es gibt dazu eine soziologische Untersuchung über Priesterberufungen in Brasilien.
Sehr stark ins Auge fällt dagegen die Zunahme bei den Katecheten, deren Zahl für 1998 mit 337.000 angegeben wird, für 2008 mit 512.000. Das wäre eine Zunahme um 175.000 oder fast 52 % und zeugt sicherlich von den großen Bemühungen der brasilianischen Kirche zur Einbeziehung von Laien in den kirchlichen Verkündigungsauftrag. Allerdings ist die Zahl der Katecheten schwer verifizierbar, da es sich in der Regel um Ehrenamtliche handelt und es fast überall eine sehr hohe Fluktuation bei den Katecheten gibt, meist wegen Arbeitssuche und eines damit verbundenen Wegzugs aus der Gemeinde.
Trotz eines leichten Rückgangs bei den in Brasilien tätigen Ordensfrauen ist ihre Bedeutung in der pastoralen Betreuung vor allem im kirchlich unterversorgten Hinterland (besonders im Nordosten und im Amazonasgebiet), aber auch an den Peripherien der großen Städte sehr groß. Dabei haben die Ordensfrauen oftmals einen viel besseren und leichteren Zugang zu den armen und benachteiligten Gruppierungen der Bevölkerung als die Priester.
Bereits seit den 1960er Jahren gibt es eine gut durchorganisierte Struktur und Pastoralplanung der Brasilianischen Bischofskonferenz (CNBB) und auch der Konferenz der Ordensleute in Brasilien (CRB). Dieses wirkt sich auch aus auf die pastorale Planung in den Diözesen und Pfarreien. Seit einigen Jahren sind der „Aufbruch ins neue Jahrtausend“ und die „Mission“ Leitthema in diesen Planungen. Kennzeichnend für die Kirche in Brasilien sind zudem die Pastoralbereiche für spezifische Zielgruppen, etwa die Kinderpastoral (Pastoral da Criança), Arbeiterpastoral, Kommission für Landpastoral, Fischerpastoral, Pastoral Afro-Brasileira, Indianermissionsrat (Conselho Indigenista Missionário - CIMI, die kompetente Fachstellen sind und als wichtige Akteure oft stark in die Gesamtgesellschaft hineinwirken. Diese Pastoralbereiche sind oftmals aus kleinen Initiativen einzelner Akteure oder Gruppierungen entstanden, welche auf eine Notsituation reagierten und im Laufe der Zeit dann fester Bestandteil der Pastoralarbeit geworden sind. Wegen der Größe des Landes sind die Bischofskonferenz und auch die Konferenz der Ordensleute sowie manche der Pastoralbereiche in Unterregionen organisiert, um so eine größere Basisnähe in ihrer Arbeit gewährleisten zu können. Es gibt 17 Regionalstellen der Bischofskonferenz und 20 der Ordenskonferenz, wobei die Regionen im Norden, Nordosten und der zentrale Westen als besonders bedürftig gelten.
In den letzten etwa 20 Jahren hat sich die Arbeit für die Selbstfinanzierung in der brasilianischen Kirche sehr gefestigt. Der so genannte Dízimo (Zehnte) wurde mittlerweile fast flächendeckend im ganzen Land eingeführt. Zwar handelt es sich dabei um freiwillige Beiträge von Gläubigen für den Unterhalt der Kirche und nicht etwa um eine feste Kirchensteuer, aber die Erfolge sind in vielen Pfarreien und Diözesen sehr deutlich sichtbar, wie aus den bei jedem Projektantrag von Adveniat eingeforderten Einnahmen-/Ausgabenübersichten der Antragsteller hervorgeht. Allerdings ist es hier nicht mit der einmaligen Einführung des Systems getan, wie die Erfahrung vielerorts lehrt, sondern es muss sich dabei um einen kontinuierlichen Prozess der Bewusstseinsbildung handeln.
Im Zusammenhang mit der finanziellen Situation der kirchlichen Institutionen muss auch die neuere staatliche Gesetzgebung zu Finanzen und sozialen Aktivitäten gesehen werden, durch die die bürokratischen Anforderungen gewachsen sind, dies betrifft auch die Überweisung von Geldern nach Brasilien.
Es gibt durch die neue Gesetzgebung sowie ein Abkommen des brasilianischen Staates mit dem Vatikan (2010) mehr Möglichkeiten einer staatlichen Anerkennung von Kirche und kirchlicher Ausbildung (z.B. bei den Hochschulabschlüssen von Philosophie- und Theologiestudien). Allerdings müssen dafür auch staatliche Anforderungen an Qualität (z.B. ausreichend Lehrpersonal mit den entsprechenden Hochschulabschlüssen, Lehrpläne usw.) und Infrastruktur (öffentliche Bauvorschriften) erfüllt werden, was teilweise mit deutlich erhöhten Kosten für Investitionen einhergeht.
Bereits seit mehreren Jahren ist in der brasilianischen Kirche der Missionsgedanke ein großes Thema, und zwar nicht nur auf Ebene der Bischofskonferenz, sondern bis hinein in die einzelnen Pfarreien und Gemeinden und ihre pastoralen Aktivitäten. Es gibt schon seit langen Jahren das Konzept der Schwesterkirchen (Igrejas Irmãs), das meist aus Beziehungen zwischen einer reicheren und einer ärmeren Diözese besteht und in der Regel personelle, weniger finanzielle Hilfen umfasst. Die Geschwisterlichkeitskampagne (Campanha da Fraternidade) besteht seit den 1960er Jahren und ist eine Bewusstseinskampagne zu jeweils einem gesellschaftlich relevanten Thema, verbunden mit einer Kollekte zugunsten von sozialen Projekten. Seit 1999 gibt es die neue Evangelisierungskampagne (Campanha da Evangelização), für die Adveniat gewissermaßen Pate gestanden hat. Neben dem jeweils vorgestellten religiösen Thema ist die Kollekte ein wichtiger Teil der Kampagne und dient dem Zweck der Finanzierung pastoraler Projekte und der CNBB.

Kinderpastorale in Humaità, Foto:Gleice Mere

Speziell durch die Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Aparecida im Jahr 2007 und deren Beschlüsse wurde der Missionsgedanke in den Handlungsoptionen der Kirche in Brasilien noch verstärkt. Ausdruck dieser Aktivitäten ist nicht nur eine recht große Anzahl von brasilianischen Missionaren (Priester, vor allem aber Schwestern) in anderen Ländern Lateinamerikas (z.B. Mittelamerika oder Haiti) und in anderen Kontinenten (südliches Afrika, Osttimor), sondern auch missionarische Aktivitäten innerhalb Brasiliens, etwa durch Teilnahme an den beliebten missões populares (Volksmissionen) in der eigenen oder in anderen Diözesen oder durch längerfristige personelle Hilfen seitens einiger personell bessergestellter Diözesen für in dieser Hinsicht schlechtergestellte Ortskirchen. Schwerpunktmäßig trifft diese Problematik auf das gesamte Amazonasgebiet zu, aber auch auf weite Teile des Nordostens mit seinen Dürregebieten. Die Missionare kommen in der Regel aus dem Süden des Landes. Neben geographischen Problemen tauchen hier – für die Missionare meist unerwartet – auch Inkulturationsprobleme auf, da sie vielfach nicht richtig vorbereitet sind und vor allem auch nicht derart große Unterschiede von Realität und Mentalität im eigenen Land erwartet haben und damit schwer zurechtkommen. Es gibt aber auch im armen Nordosten einige wenige Diözesen mit so vielen Neupriestern, dass sie diese für Aufgaben in anderen Regionen freistellen können. Das geschieht teilweise aus Solidarität unter dem Missionsgedanken, teilweise aber auch, weil man selber nicht genug Pfarrstellen für alle neuen Priester hat und die vorhandenen Pfarreien nicht mehr als einem Priester finanziellen Unterhalt gewährleisten können. In der Regel ist der Missionsgedanke hier sehr stark mit dem Solidaritätsgedanken verbunden.