Presseinformation vom 21. Dezember 2010

„Die Haitianer brauchen die Freiheit, ihr Land selbst aufbauen zu dürfen"

Adveniat-Geschäftsführer Prälat Bernd Klaschka im Interview

Am Spätnachmittag des 12. Januar 2010 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7 Haiti. Vor allem die Hauptstadt Port-au-Prince des bitterarmen Landes wurde äußerst hart getroffen.  Mindestens 220.000 Menschen kamen ums Leben, unzählige wurden verschüttet oder schwer verletzt geborgen. Mehr als 1,5 Millionen Menschen wurden obdachlos. Das Beben zerstörte Wohnhäuser, Straßen, Krankenhäuser, Kirchen. Nationalpalast und Kathedrale stürzten ein. Hotels, Behörden, Büros, Redaktionen, Bibliotheken und Archive wurden schwer beschädigt. Es war das schlimmste Erdbeben in der Geschichte Haitis und die schlimmste Naturkatastrophe in der Geschichte der Vereinten Nationen. Zum ersten Jahrestag des verheerenden Erdbebens sprachen wir mit Prälat Bernd Klaschka, Geschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, über die aktuelle Situation in dem Land und die Aufgaben der Kirche.

Prälat Klaschka, Erdbeben, Hurrikan, Cholera, umstrittene Wahlen und Proteste: Ist Haiti überhaupt noch zu helfen?
Ich verstehe den Infinitiv Ihrer Frage (ist noch zu helfen) zunächst im wörtlichen Sinn: Steht es noch an, ist es noch nötig, Haiti zu helfen. Da gibt es nur eine Antwort: Ja, jetzt erst recht, gerade jetzt, wo die Aufmerksamkeit der sogenannten „Weltöffentlichkeit“ sich längst anderen Themen und Schauplätzen zugewandt hat.
Auch im übertragenen Sinne (Gibt es überhaupt noch Aussichten für Haiti?) ist Haiti noch zu helfen. Mal anders herum betrachtet: Wäre Haiti in diesem Sinne nicht mehr zu helfen, hieße das doch: Wir schreiben Haiti ab; soll Haiti doch den Bach runtergehen. Dabei hatte es in den sechs Jahren seit dem Ende des für Haiti so bitteren Aristide-Regimes in der Entwicklung des Landes sichtbare, wenn auch kleine Schritte gegeben. Das Erdbeben warf Haiti zurück. Doch die Entschlossenheit der Haitianer, ihr Land aus dem Elend zu ziehen, ist ungebrochen. Und das ist der Kernpunkt: Die ersten, zweiten und dritten Helfer Haitis sind die Haitianer. Deshalb formuliere ich Ihre Frage anders: Werden die Haitianer Haiti helfen? Auch hier antworte ich: Ja. Unsere Solidarität unterstützt sie dabei.

Wie weit ist der Wiederaufbau der betroffenen Regionen gediehen?
Leider konnte der Wiederaufbau bisher nicht in signifikantem Maße begonnen werden. Hierfür gibt es vielfältige Ursachen: ein schwacher Staat, der mit der Bewältigung der Folgen des Erdbebens schlichtweg überfordert ist; fehlende Strukturen, auf die die nationalen und internationalen Hilfemaßnahmen hätten aufbauen können; das unvorstellbare Ausmaß der Zerstörung an sich und vieles mehr. Auch fehlte es bisher an konkreten staatlichen Vorgaben vor allem bezüglich der für den Wiederaufbau zu berücksichtigenden Baunormen.
Der Ausbruch der Cholera und der Hurrikan Tomás haben den Wiederaufbauprozess zusätzlich erschwert. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass sich die Hilfe in Haiti nicht auf den Wiederaufbau beschränkt. Es gibt vieles, was durchaus schon erreicht werden konnte, Schritte, die angesichts der leider immer noch bestehenden Zeltstädte weniger sichtbar sind: Schulen wurden wieder eröffnet, traumatisierte Menschen begleitet, Verletzte versorgt, in vielen Bereichen eine Grundinfrastruktur – temporär oder dauerhaft – wieder hergestellt.

Welche Rolle spielt dabei die Kirche?
Die Kirche ist eines der ganz wenigen landesweiten Netzwerke, in die die Bevölkerung auch vertraut. Sie ist in der Koordinierung und Durchführung von Hilfsmaßnahmen vor allem über die Pfarreien und über die Caritasstruktur besonders gefragt. Die Kirche in Haiti ist in vielfältigen Bereichen engagiert: in der klassischen Pastoralarbeit, aber auch in der schulischen Bildung, in der Bewusstseinsarbeit, in der Schaffung von Genossenschaften und Gemeinwesenprojekten, in der Trauma-Arbeit, in der konkreten Notfallhilfe, in der Gesundheitsarbeit.
Im Bereich des Wiederaufbaus hat die katholische Kirche die letzten Monate genutzt, um eine Struktur zu entwickeln, welche eine gute Kooperation mit internationalen Geldgebern, eine transparente Mittelverwendung und vor allem eine erdbeben- und hurrikansichere Bauweise gewährleistet. Adveniat war in diesen Prozess intensiv eingebunden.

Wie unterstützt Adveniat die Menschen in Haiti?
Adveniat steht der Kirche in Haiti in vielen Bereichen zur Seite. Nach dem Beben wurden Pfarreien, zum Beispiel beim Ersatz zerstörter Infrastruktur, zunächst mit Übergangslösungen unterstützt, damit es wieder Räume für Gottesdienst, Gruppentreffen und Schulunterricht gibt. Mit Hilfe Adveniats werden Fachkräfte in der Trauma-Arbeit ausgebildet. Pfarreien und Ordensgemeinschaften wurden unterstützt, um Lebensmittel und Medikamente für die Erdbebenopfer zur Verfügung zu stellen. Die meisten Organisationen konzentrieren sich auf das Erdbebengebiet. Daher ist es Adveniat ein besonderes Anliegen, auch die Regionen zu berücksichtigen, die nicht in der unmittelbaren Katastrophenregion liegen, aber dennoch unter den Folgen des Bebens sowie der Cholera und des Wirbelsturms leiden müssen.

Am 27. November fanden die Präsidentschaftswahlen in Haiti statt. Mehrere Kandidaten, aber auch aufgebrachte Bürger sprachen anschließend von Wahlbetrug. Wie demokratisch waren Ihrer Meinung nach die Wahlen?
Die katholische Menschenrechtsorganisation Justice et Paix beobachtete die Durchführung der Wahlen nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch auf den Dörfern. Ihr Leiter, P. Jan Hanssens CICM, sagt, dass das Wahlrecht durch mangelhafte Organisation wie bewusste Manipulation vielerorts verletzt wurde. Das ist nicht neu. Auch wenn das ein schlechter Trost ist: Die meisten der vorangegangenen Wahlen waren noch irregulärer. Wichtig ist erstens, dass die Wahlkommission den Wahlverlauf transparent macht, dass zweitens – falls das Wahlergebnis nachvollziehbar ist – die Verlierer ihre Niederlage eingestehen (das ist in Haiti leider nicht die Regel, Verschwörungstheorien sind beliebter), und dass drittens bald eine Regierung gebildet wird.

Was benötigt Haiti Ihrer Ansicht nach am meisten, um seinen Bürgerinnen und Bürgern  eine bessere Zukunft bieten zu können?
Ich spreche lieber von den Haitianern als von „Haiti“. Die Haitianer brauchen zunächst die Freiheit, ihr Land selbst aufbauen zu dürfen, statt es sich von Anderen aufbauen und damit aus der Hand nehmen zu lassen. Das läuft dann durchaus anders, als wir es uns vorstellen. Deshalb brauchen sie zweitens unsere Geduld (auch die der Spender, die morgen schon Ergebnisse sehen möchten – doch „schnell“ hat in Haiti noch nie funktioniert), drittens, wie gesagt, weiterhin unsere Hilfe und vor allem unser Gebet.

Prälat Klaschka, was gibt Ihnen Hoffnung, wenn Sie an Haiti denken?
Hoffnung gibt mir immer wieder die Begegnung mit den Menschen in Haiti, von denen wir in unseren Kulturkreisen viel lernen können. Ihr unbedingtes Vertrauen in Gott, der tiefe Glaube, der nicht nur in der Theorie, sondern ganz konkret Kraft, Trost und Zuversicht spendet, lässt auch mich an der Hoffnung an ein besseres Morgen für Haiti festhalten. Hoffnung gibt mir auch die erlebte wunderbare Solidarität der Menschen hier in Deutschland und weltweit mit diesem Land, welches bis zum 12. Januar 2010 quasi vergessen war.