Pressemeldung vom 6. Febrauar 2017

Zukunft Haiti? - Adveniat zur Amtseinführung von Jovenel Moïse

Trinkwasser für die Bewohner des Armenviertels Cité Soleil in Haiti. Foto: Martin Steffen, Adveniat

Nach einem zweijährigen politischen Schwebezustand, mit verschobenen sowie angefochtenen Wahlen und einem Übergangspräsidenten, steht in dem Karibikstaat Haiti am 7. Februar die Amtseinführung von Jovenel Moïse bevor. Der Kandidat der PHTK (Parti Haïtien Tèt Kale), der Partei des Kahlkopfs, konnte bei der Präsidentschaftswahl im November 55,7 Prozent der Stimmen auf sich ziehen. Er gilt nun als Hoffnungsträger in dem von Krisen und Naturkatastrophen geschundenen Inselstaat.

Port-au-Prince. Ein schwerer Tanklastzug fährt in der Cité Soleil vor, einem Elendsviertel der Millionenmetropole Port-au-Prince. Unter dem lauten Geschrei ungezählter Kinder schließt der Fahrer einen Schlauch an und öffnet das rostige Ventil. Er bringt Wasser für die bis zu 400.000 Bewohner dieses Slums, der sich in den zurückliegenden Jahrzehnten in Hafennähe auf rund fünf Quadratkilometer ausgebreitet hat. Wasser, das sie so dringend benötigen wie die Hoffnung auf ein besseres Leben. Und genau diese Hoffnung ist es, die in den Tagen vor der Amtseinführung des neuen Präsidenten auf den von Müll übersäten Straßen der Hauptstadt zu spüren ist.

So, als ob die meisten Haitianer den 48 Jahre alten Unternehmer Moïse gewählt hätten. Das offizielle Wahlergebnis besagt dies. Aber bei einer Wahlbeteiligung von gerade einmal 21 Prozent fällt es schwer, von echten Mehrheitsverhältnissen auf Haiti zu sprechen. Doch das scheint Anfang Februar nicht mehr so wichtig zu sein. Die Ärmsten des Landes, die in der Cité Soleil mit ihren Eimern in einer Schlange hinter dem Tankwagen stehen, heben – auf Moïse angesprochen – mit leuchtenden Augen die Daumen. „Er holt unsere Kinder hier raus“, ruft eine Frau, deren vierjähriges Kind zwei weiße Wassereimer Schritt für Schritt nach vorne schiebt.

Die große Bürde für den neuen Präsidenten

„Zuerst muss Moïse eine funktionierende Regierung aufstellen, die das Wohl des Landes im Blick hat und nicht strategisch von der Opposition blockiert wird“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerkes Adveniat, Prälat Bernd Klaschka. Gemeinsam mit den haitianischen Partnern engagiert sich Adveniat für den Wiederaufbau des Landes auch sieben Jahre nach dem schweren Erdbeben. „Auch in den kommenden Jahren werden wir an diese vergessene Katastrophe erinnern und mit den Menschen Zukunftsperspektiven für ihr Land entwickeln“, betont Klaschka. Dem politisch unerfahrenen Präsidenten wünscht der Adveniat-Chef, dass er seinen Beraterstab klug wählt. „Eine wichtige Aufgabe wird sein, Haiti wieder für Investoren interessant zu machen und Arbeitsplätze zu schaffen.“ Gerade auch Akademiker müssten laut Klaschka berufliche Perspektiven geboten werden, damit sie an der Entwicklung ihres Heimatlandes mitwirken, statt in den USA oder anderen Ländern ihr Glück zu suchen.

Wer durch Port-au-Prince fährt, kann erahnen, welch große Bürde auf Moïse lastet, dem Mann, der sein Geld mit Bananen verdient hat. Die katastrophalen Auswirkungen des Erdbebens von 2010 sind noch immer zu sehen. Die politischen Verfehlungen der zurückliegenden Jahrzehnte auch. In den Straßengräben türmt sich der Müll und keiner weiß, ob oder wann er abgeholt wird. Die Stadt pulsiert, auf eine geradezu anarchistische Art und Weise. Die einzige Verkehrsregel ist das Recht des Stärkeren. Die Versorgung der Stadtbevölkerung funktioniert zu einem Großteil über den so genannten informellen Sektor: Straßenhändler, die Lebensmittel, Autoreifen, Hosen, Schuhe und Dienstleistungen aller Art anbieten.

Leben als Überlebenskampf

Das Leben als Überlebenskampf, alles funktioniert, aber eben nur irgendwie. „Ich würde gerne Polizistin werden“, sagt die 17-jährige Melyssa, „aber ich kann noch nicht einmal zur Schule gehen.“ Was sie sich von dem neuen Präsidenten wünschen würde? „Ordnung“, ist die überraschende Antwort dieses Mädchens, wo andernorts die meisten Teenager gerade Ordnung so sehr verfluchen.

Die 47 Jahre alte Wilvarde, eine Frau, die vor der Kirche von Pétionville, einem Vorort von Port-au-Prince, um ein paar Geldstücke bittet, glaubt an Moïse: „Er und Gott werden es schaffen. Ich persönlich erwarte mir nicht mehr viel vom Leben, aber meine vier Kinder sollen es besser haben.“ Die traurig wirkende Frau leidet unter schlimmen Kopfschmerzen, wie sie erzählt. Irgendwas mit ihrem linken Auge, sagt sie. Die genaue Ursache kennt sie nicht, denn ein Arztbesuch liegt außerhalb ihrer Möglichkeiten.

Hoffnung und Glaube - in Haiti nicht zu unterschätzen

Auch Stephan Destin, ein Bauingenieur, der das katholische Wiederaufbau-Programm „Proche“ leitet, sieht in dem neuen Präsidenten viel Potenzial. Aber auch große Aufgaben: „Er müsste das Justizwesen, die korrupte Polizei und vor allem auch den Bildungs- und Gesundheitssektor reformieren“, sagt Destin, der sein Studium in New York absolviert hat. „Ein schwieriges Unterfangen, aber Moïse ist politisch einigermaßen unbelastet – das könnte die große Chance dieses Landes sein.“

Odelin, ein Kellner Ende 50, ist einer der wenigen, die sich von dem neuen Präsidenten nicht viel versprechen: „Aber das liegt nicht an Moïse. Ich wurde schon zu oft enttäuscht“, erklärt der Mann mit den grauen Haaren und dem leicht gebückten Gang. Es werden schwierige Monate und Jahre für Moïse werden, das wissen die meisten Haitianer. Aber irgendwie scheinen ihm viele dieses Amt zuzutrauen. Und Hoffnung oder Glaube sollte man in einem Land wie Haiti nun wirklich nicht unterschätzen.

In der Cité Soleil ist der Tank leer. Einige haben es nicht geschafft. Sie standen zu weit hinten in der langen Schlange. Aber keiner beschwert sich. Die Männer, Frauen und Kinder nehmen ihre leeren Eimer und gehen zurück zu ihren Wellblechhütten. Es wird ein anderer Lastwagen kommen. Und irgendwann haben sie vielleicht sogar einen Wasseranschluss in dem Armenviertel von Port-au-Prince. Moïse wird viel zu tun haben.

Text: Michael Gösele

Adveniat, das Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland, steht für kirchliches Engagement an den Rändern der Gesellschaft und an der Seite der Armen. Dazu arbeitet Adveniat entschieden in Kirche und Gesellschaft in Deutschland. Getragen wird das Werk von Hunderttausenden Spenderinnen und Spendern. Adveniat finanziert sich zu 95 Prozent aus Spenden. Die Hilfe wirkt: In den vergangenen Jahren konnten um die 2.200 Projekte pro Jahr gefördert werden, die im Schnitt mit jährlich rund 37 Millionen Euro genau dort ansetzen, wo die Hilfe am meisten benötigt wird: an der Basis, direkt bei den Armen.

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