Das Volk der Straße
Hilfe für Obdachlose in Brasilien
Brasilien. Allein in Brasiliens größter Stadt São Paulo kämpfen rund 14.000 „Moradores de Rua“, die Bewohner der Straße, ums Überleben. Jeden Tag werden es mehr. Längst entsprechen sie nicht mehr dem Klischee vom zerlumpten Stadtstreicher. Erschreckend viele Kinder sind darunter, oft lebten schon ihre Eltern auf der Straße. Und es gibt immer mehr Obdachlose aus der Mittelschicht. Arbeitslosigkeit, Schicksalsschläge oder Krankheit ließen sie abrutschen. Ein soziales Netz, das den Sturz ins Bodenlose verhindern würde, gibt es in Brasilien so gut wie nicht.
Schlimmer noch als die materielle Not ist für die „Moradores de Rua“ die Ächtung und Ausgrenzung durch die Gesellschaft. Vor allem Straßenkinder, Jugendliche und alte Menschen sehen sich in Brasiliens Großstädten der Gewalt ausgesetzt, werden Opfer von Misshandlungen, vereinzelt sogar von Massakern. „Soziale Säuberung“ nennen das diejenigen, die über die Obdachlosen als „Abschaum der Gesellschaft“ sprechen.
Die katholische Kirche gehört zu den wenigen, die sich für die „Bewohner der Straße“ einsetzen und ihnen eine Stimme geben. So befindet sich die Mehrzahl der 33 Notunterkünfte in São Paulo in kirchlicher Trägerschaft. „Die Menschen, die auf der Straße schlafen, die Rohstoffsammler, die Kinder, die ohne Elternhaus aufwachsen, sie alle bilden das Volk der Straße – und sind gleichwertige Menschen wie jeder von uns“, sagt Pater Júlio Lancellotti, einer der Pioniere der Obdachlosenpastoral in Brasilien. Mit einem kleinen Team von Helfern unterhält er Notunterkünfte und geistliche Zentren, führt Bildungs- und Wiedereingliederungsprojekte durch und kämpft für die gesellschaftliche Anerkennung der „Moradores de Rua“. Öffentlich protestiert er gegen die Teilnahmslosigkeit der Politik, klagt Morde an Straßenkindern an, denunziert Polizeitrupps, die Kinder auf der Straße schlagen und misshandeln – und macht sich damit mächtige Feinde.
1994 rief das Erzbistum São Paulo als erstes Bistum der Welt ein eigenes Bischofsvikariat für „das Volk der Straße“ ins Leben. Bis heute besteht die größte Herausforderung darin, den Menschen ihre Würde zurückzugeben, ihnen das Selbstbewusstsein und die Kraft zu schenken, sich aus eigener Kraft aus der Obdachlosigkeit zu befreien. Dies geschieht durch eine Reihe von Initiativen, die gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt und durchgeführt werden: z.B. durch Recycling-Kooperativen für Müllsammler, die dadurch neue Verdienstmöglichkeiten und eine konkrete Zukunftsperspektive erhalten.
Das Modell der „Pastoral da Rua“, der Begleitung des „Volks der Straße“, hat inzwischen in vielen Regionen des Landes Schule gemacht. Adveniat konnte mit Hilfe der Spenderinnen und Spender aus Deutschland dazu beitragen, dass die Obdachlosenpastoral heute auf soliden Füßen steht und auch von den Behörden als ernst zu nehmender Gesprächspartner anerkannt wird: eine wichtige Voraussetzung, um die Lage der Obdachlosen langfristig verbessern zu können. Eine der größten Errungenschaften war in diesem Zusammenhang die Anerkennung der Rohstoffsammler als eigener Berufsstand – mit Anrecht auf Sozialversicherung.
Wichtigstes Ziel für die Zukunft ist die Vernetzung und Ausbreitung der Obdachlosenpastoral im ganzen Land. Ein nationales Koordinierungsteam soll dafür sorgen, dass die Erfolgsgeschichte in den übrigen Landesteilen fortgeschrieben wird. Die Obdachlosen der brasilianischen Großstädte sollen langfristig Zugang zu den Projektangeboten der „Pastoral da Rua“ erhalten.
Zur Erreichung dieses Ziels bittet die brasilianische Kirche Adveniat um finanzielle Unterstützung. Um die Unterhaltungs- und Personalkosten der Koordinierungsstelle zu decken und dringend benötigte Kurse durchführen zu können, ist ein Zuschuss von 15.000 Euro notwendig. Norbert Bolte, Adveniat-Länderreferent für Brasilien, beurteilt das Vorhaben als „außerordentlich wichtiges Projekt, das einer der am meisten marginalisierten Bevölkerungsgruppen Brasiliens zugutekomme“. „Wir müssen dringend helfen“, so Bolte.
ADVENIAT-Spendenkonto 345
bei der Bank im Bistum Essen
(BLZ 360 602 95)
Verwendungszweck: Obdachlose BRA
oder








