Aktuelle Meldung vom 6. Februar 2012
„Seine Texte haben eine unglaubliche Wucht“
Adveniat-Konzertlesung in Recklinghausen erinnert an Dom Helder Camara
Er war nicht nur ein herausragender Mann Gottes, er hinterließ auch ein literarisches Werk, das die Menschen bis heute fasziniert: Dom Helder Camara. Der Eine-Welt-Kreis St. Antonius in Recklinghausen nahm dies am 3. Februar gemeinsam mit Adveniat zum Anlass, seine Texte bei der Konzertlesung „Wenn einer alleine träumt ...“ zum Leben zu erwecken.
Laut, mit der kräftigen Stimme eines ausgebildeten Schauspielers und dem Engagement eines Protestkundgebers, schmettert Martin Brachbach Zitate durch die Kirche. Zitate eines Mannes, der sie selbst einst ruhig, besonnen und mit einem Lächeln in der Stimme las. Zitate von Dom Helder Camara. „Mensch, mein Bruder, 2000 Jahre nach Christus ist die Bilanz erschreckend“, schallt Brambachs rauchige Stimme über das Mikro hinweg in einer Intensität durch die Kirche, dass die Lautsprecherboxen zu scheppern beginnen. Zu viel, zu laut, zu stark – so war doch Dom Helder nicht.
Eine Kopie will Brambach, der sich mit Fernsehproduktionen wie Tatort oder dem Kinofilm „Das Leben der Anderen“ einen Namen machte, nicht sein. „Ich würde mir niemals anmaßen, in die Rolle dieses großen Mannes schlüpfen zu wollen“, sagt der gebürtige Berliner. Vielmehr liest er die Texte mit seiner eigenen Empörung, seinem Gefühl, seiner Haltung. Das geistige Engagement und die Kraft der Worte Dom Helders setzt Brambach in akustische Energie um. Im Hintergrund wirft ein Beamer Bilder des brasilianischen Bischofs an die Kirchenwand. Der Altarraum ist in warmes gelbes Licht getaucht.
Dom Helder – heute so aktuell wir vor 40 Jahren
Eine besondere Energie geht auch von dem Quartett Transatlantico aus, das die Lesung mit musikalischen Einlagen begleitet. Die vier Musiker aus Chile und Deutschland greifen die Stimmung der Texte auf und geben den Zuhörern damit Zeit, die Worte und Gedanken wirken zu lassen. Teils melancholisch bewegt, teils euphorisch aggressiv. Zu Schlagzeug, Gitarre und Bass gesellt sich als untypisches Solisteninstrument die Blockflöte. Ihre Stücke sind selbst komponiert und setzen in weiten Teilen auf Improvisation. „Wir haben vorhin auch spontan ein Stück umgeschmissen, weil der Text auf uns heute Abend eine andere Wirkung hatte“, erklärt Tobias Reisige.
Doch nicht lange können die Zuhörer der Mischung aus südamerikanischen Rhythmen, europäischer Folklore und jazztypischen Elementen nachgehen, da schmettert Brambach Sätze durch den Raum, die an Aktualität in den letzten 40 Jahren nichts eingebüßt haben: „Wie lange wollen wir noch einer Waffenproduktion zusehen, die einen potentiellen Selbstmord der Gesellschaft bedeutet?“, fragte Dom Helder 1974 bei einer Rede vor dem Forum europäischer Manager in Davos.
„Er nahm kein Blatt vor den Mund, auch gegenüber der eigenen Kirche nicht“
Brambach ist fasziniert von dem Literaten und Kirchenmann. „Seine Texte haben eine unglaubliche Wucht.“ Für einen Bischof sei er schon ungewöhnlich gewesen. „Er hat kein Blatt vor den Mund genommen, auch gegenüber der eigenen Kirche nicht.“ Beeindruckt zeigt sich der Schauspieler auch davon, wie klar Dom Helder gesellschaftliche Zustände analysierte, „ohne dabei jemanden vor den Kopf zu stoßen“. Es rege zum Nachdenken an, „wenn wir in unserer reichen und satten westlichen Welt vorgehalten bekommen, wie wahnsinnig privilegiert wir sind“.
Für viele Besucher werden Erinnerungen wach. „Ich habe Dom Helder 1979 in der Vestlandhalle gesehen“, erzählt Marianne Werner. „So klein wie er war, so stark habe ich damals seine Persönlichkeit empfunden.“ Sie sei beeindruckt gewesen, wie klar der Bischof damals das Problem der Schere zwischen Arm und Reich benannt hatte. Auch die brasilianische Adveniat-Mitarbeiterin, Ana Cláudia Abi-Ramia-Koza, erinnert sich daran, wie sie Dom Helder einst bei einem Ausflug in ihr Heimatland getroffen hat: „Die Einstellung und das Handeln meines Vaters waren ganz stark von diesem Mann beeinflusst. Er war ein großes Vorbild für uns.“
Text und Fotos: Mareille Landau
Dom Helder Camara steht für jenen Aufbruch der lateinamerikanischen Kirche nach dem II. Vatikanum, der mit den Basisgemeinden und der „Option für die Armen“ die Weltkirche veränderte. Als Erzbischof von Olinda und Recife setzte er sich unermüdlich für die Armen und die Gerechtigkeit ein. Dom Helder starb am 27. August 1999. Für sein literarisches Werk erhielt er posthum den „Preis Alceu Amoroso Lima für Poesie und Freiheit 2008“ der Universität Candido Mendes in Río de Janeiro.
Ein umfangreiches Medienangebot zu Leben und Werk von Dom Helder Camara finden Sie unter:
aktionen-kampagnen/dom-helder-camara










