Im Gespräch mit Bischof Luiz Cappio
Sr. Maria Goetzens MMS und Dr. Wolfgang Kessler im Gespräch mit Bischof Luiz Flavio Cappio OFM am 9. Dezember 2011 in Frankfurt, Haus am Dom. Der Abend stellte Dom Luiz Cappio mit seinem besonderen Charisma und Lebenszeugnis in den Mittelpunkt. Keine kämpferische Ansprache für sein Anliegen, sondern die Tiefe seiner geistlichen Haltung und seines sozialpastoralen Engagements an der Seite der Menschen.
Was geht Ihnen nach den Stunden in der Stadt Frankfurt durch den Kopf?
Ich bin nicht sehr beeindruckt vom Reichtum und der Größe. Hinter mir steht ein künstlich angestrahlter Bankenturm. Türme sind heute sehr gefährlich.
Berührt hat mich Ihre Arbeit in der Elisabeth Straßenambulanz. Menschen, die in ihrem Herzen eine Flamme brennend halten für die Armen. Genau hier beginnt das Reich Gottes, wo sie Leiden und Schmerz annehmen. Ich bin mir sicher, das gibt es woanders in ähnlicher Weise. So konnte ich mich versichern, dass es in Frankfurt auch das Reich Gottes gibt.
Heilen ist mehr als Pflaster kleben. Das hat mich verändert, meinen Glauben und mein Reden. Wie haben die Menschen in Brasilien Sie als Bischof verändert, ihre Verkündigung der Botschaft des Evangeliums? Welche Botschaft haben die Armen Ihnen gegeben?
Es gab für mich drei Gründe Franziskaner zu werden für mich, der aus einer gut katholischen Familie stammt: Franziskus war ganz entschieden für das Evangelium, er hat sich ganz den Armen verpflichtet und er hat die Natur als Geschenk Gottes verehrt. Das ist mein Motiv gewesen Ordensmann und Priester zu werden. Der Nordosten Brasiliens ist da wie geschaffen für Franziskaner…
Meine theologischen Kurse haben mir theologisch und spirituell weitergeholfen, bekehrt zu Jesus hat mich aber das Zusammenleben mit dem Volk des Sertao. Ich habe im Siegel des Lebens mit den Armen verstanden, was Mt. 25 wirklich meint: Ich war hungrig und Ihr habt mir zu essen gegeben. In diesem Zusammenleben habe ich gelernt, Jesus zu dienen und meinen priesterlichen Dienst auszuüben.
Sie sind ein Bischof, der handelt bis an die Grenzen seiner Kraft. Was ist Ihre Kraftquelle, gerade, wenn Sie an Grenzen stoßen? Was können wir davon lernen?
Mein Leitspruch als Bischof ist aus Joh. 10,10, allen ein Leben in Fülle zu ermöglichen. Daraus mache ich das Programm meines Lebens. Wenn ich das Gefühl habe, dass es nicht weitergeht, dann klammer ich mich an den Satz aus Joh. 10,10. Als Missionare des Gottesreiches brauchen wir Glaube und Hoffnung. Die Ernte werden wir vielleicht nicht sehen. Pflanzen, pflanzen, glauben und hoffen, dass der Herr das vorantreibt.
Im Buch in der Straßenambulanz, das Sie heute gesehen haben, schreiben sich die Obdachlosen von der Seele, was sie berührt. Was würden Sie in das Buch der Stadt Frankfurt schreiben?
Lass uns niemals den Mut verlieren. Jesus Christus ist immer da und stärkt uns in Glaube und Hoffnung.
Angesichts der großen Konflikte in der Welt: da geht es um Wachstum um jeden Preis, auch auf Kosten der Natur. Was würden Sie Ihrer Regierung sagen, wenn diese sagt: wir schaffen Arbeit für 12 Mio. Menschen?
Die Realität, in der wir leben ist eine andere als das, was die Propaganda darstellt. Das Projekt der Ableitung des Rio São Francisco stellt das auf den Kopf. Die Ökonomie steht dort an erster Stelle, die Versorgung der Bevölkerung dahinter zurück. Wenn der Fluss zunächst die Basisversorgung der Menschen sicherstellt, dann kann auch das Ökonomische zum Zug kommen. Aber die Versorgung der Menschen kommt zuallererst!
Im Bild links: Teile des Ableitungskanals sind inzwischen witterungsbedingt nahezu zerstört.
Sie unterscheiden Entwicklung und Wachstum. Was ist der Unterschied?
Das ist ein fundamentaler Unterschied. Die Mentalität der Regierung entspricht der Mentalität der Gewerkschaften in den 1970er Jahren, dass Entwicklung gleich Wachstum ist. Das ist eine Mentalität des letzten Jahrhunderts. Heute bedeutet Entwicklung, dass sie nachhaltig sein muss, immer dann also wenn sie ökologische, soziale und menschliche Werte enthält. Entwicklung ohne Nachhaltigkeit kann keine Entwicklung sein. Die moderne Wissenschaft hat noch einen dritten Begriff geprägt: es reicht nicht aus, dass Entwicklung nachhaltig ist, sondern sie muss zudem die alten Fehlentwicklungen korrigieren. Entwicklung muss immer ein Echo des Lebens sein, sonst ist sie keine Entwicklung.
Was heißt dann nachhaltige Entwicklung in der Konsequenz?
Die Regierung hat eine Wasserbehörde eingerichtet, die die Aufgabe hat, die Wasserreserven gut zu verwalten. Diese Regierungsagentur hat Projekte entwickelt, einen ganzen Atlas des Nordosten Brasiliens. Alle Projekte sind angelegt, die Wasserversorgung des Sertao sicherzustellen, ökonomisch, ökologisch verantwortlich, sozial gerecht und ethisch vertretbar. Es gibt dazu eine breite Unterstützung seitens der Universitäten, der Gewerkschaften und der Basisgemeinden. Das haben wir in den Dialog mit der Regierung eingebracht. Diese aber ist blind und taub, geführt von einer internationalen Wirtschaftslobby, die sie dazu brachte, sich für die Ableitung des Flusses zu entscheiden.
Wie beurteilen Sie die Wahlen im vergangenen Jahr?
Lula hat eine hohe Popularität genossen und ist eine intelligente Person. Alle seine Projekte sind gut im Volk verankert. Als Präsident, einmal vom Volk gewählt, hat er sich den Eliten zugewandt. Die Entscheidung 2010 geschah so, weil er die Unterstützung der Eliten hatte mit seinem Programm der Währungsstabilität und aufgrund einer Sozialpolitik als Almosenpolitik für die Armen. Einfache Hilfen an das Volk zu verteilen ist eine Maßnahme für Extremsituationen. Aus Almosen Politik zu machen führt jedoch in die Abhängigkeit. Geld an die Armen zu geben um Chancen für die Jugend zu eröffnen, wäre etwas anderes gewesen. Almosen geben bedeutet, die Menschen in der Hand zu halten. Es gilt der Satz: Niemand ist so reich, als dass er nicht noch etwas empfangen kann und niemand ist so arm, nicht etwas geben zu können. Das erlebe ich auch in der Zusammenarbeit mit Adveniat. Wir leisten unsere Arbeit aus eigenen Kräften. Durch die Unterstützung aus Deutschland können wir Dinge jedoch besser leisten, die Ausbildung der Laien oder mit Fahrzeugen entlegene Orte erreichen.
Es kommt darauf an, unseren Wohlstand in Einklang zu bringen mit dem Leben in anderen Teilen der Welt. Ich kann mein Wohlempfinden, ein gutes Leben und Essen nicht auf dem Rücken der Menschen in anderen Ländern der Welt leben. Wir brauchen hier ein globales Denken in Vielfalt. Entwicklung wird es für alle geben oder für niemanden.
(Gesprächsmitschrift Winfried Montz; die Fragen stellten Sr. Maria Goetzens MMS und Dr. Wolfgang Kessler)
Weitere Informationen zu Bischof Cappio:
Artikel in der Frankfurter Rundschau:
"Mit Occupy sehr verbunden"
Franziskaner Mission:
Bericht über den Besuch
Bistum Mainz:
Video zum Besuch













