Aktuelle Meldung vom 25. Januar 2017

"Die Drogenbanden übernehmen die Macht in den Gefängnissen."

Interview mit dem brasilianischen Bischof José Ferreira Luiz Salles

Im Jugendgefägnis in Rio de Janeiro, Brasilien. Foto: Adveniat

Brasilien gilt in Lateinamerika als Zufluchtsort, auch wenn es selbst in der Krise steckt; der Klimawandel verschärft gerade im Nordosten des Landes die große Armut; die Gewalt in den Gefängnissen und auch auf den Straßen wächst und die USA verschließen auch für Brasilien Handels- und Migrationswege. Viel Arbeit für José Ferreira Luiz Salles, den Bischof von Pesqueira/Pernambuco, der für die Sozialpastoral, die Migrantenseelsorge und Obdachlose zuständig ist. Dabei unterstützt ihn auch das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Christina Weise und Carolin Kronenburg haben mit ihm über die Situation im Land gesprochen.

Brasilien gilt in Lateinamerika als Zufluchtsort, auch wenn es selbst in der Krise steckt. Wer kommt nach Brasilien und was erwartet die Migranten dort?

Dom José Ferreira: In den letzten Jahren sind viele Haitianer auf der Suche nach Arbeit nach Brasilien gekommen. Viele haben das Land aber in den letzten Monaten wieder verlassen, da Brasilien in einer großen Krise steckt und nicht mehr genug Arbeit hat – weder für alle Brasilianer, noch für alle Migranten. Dennoch kommen Menschen aus der ganzen Welt, die vor Kriegen, Gewalt und Armut fliehen. Sie möchten in Brasilien aufgenommen werden und auch bleiben.
Dieser Aufgabe hat sich die Migrantenpastoral angenommen: Wir kümmern uns erstens um die Aufnahme der Migranten, damit sie sich willkommen fühlen. Der zweite wichtige Punkt ist, dass sie einen Pass bekommen – denn viele reisen ohne Papiere ein. Dabei geht es auch darum, dass man den Menschen sagt, welche Rechte sie als Migranten haben. Drittens unterstützen wir sie bei der Suche nach Arbeit.Wir müssen die Migranten so aufnehmen, dass sie sich als Menschen fühlen. Dazu gehört, dass sie Lebensmittel und eine Unterkunft bekommen und dass sie angehört werden. Das gilt natürlich auch für die Binnenmigranten, die vom Nordosten in den Süden migrieren. Wir haben die Migrantenpastoral in den letzten Jahren auf- und ausgebaut, denn Brasilien war nicht vorbereitet auf die große Zahl.

Sie sind als Bischof für die Sozialpastoral in 21 Diözesen in den vier nordöstlichen Bundesstaaten Alagoas, Paraíba, Pernambuco, Rio Grande do Norte verantwortlich. Was sind die großen Herausforderungen?

Dom José Ferreira: Vor allem der Klimawandel: Seit sechs Jahren wird die Region immer trockener. Wir haben große Probleme mit der Wasserversorgung. Deshalb verlassen viele Menschen die ländlichen Regionen und ziehen in die Städte, wo sie ausgenutzt werden. Dort geraten viele in sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse. Ein weiteres großes Problem ist der Strafvollzug bei uns im Nordosten – über die jüngsten Gefängnisrevolten wurde auch in den internationalen Medien berichtet. Zudem ist die Arbeitslosigkeit hoch und die Gesundheitsversorgung ist schlecht. Wir von der Sozialpastoral versuchen, das aufzufangen und die Menschen zu begleiten. Wir hoffen sehr, viele der Probleme meistern zu können, sehen aber auch, dass die Lebenssituation der Menschen im Nordosten von Tag zu Tag prekärer wird.

Bischof José Ferreira Luiz Salles. Foto: Carolin Kronenburg.

Für eine Verbesserung der Lebenssituation sollte doch aber zuerst der brasilianische Staat eintreten…

Dom José Ferreira: Die Regierung könnte sehr viel leisten, wenn sie in den sozialen Bereich investieren würde, vor allem in Bildung. Denn das würde auch dazu führen, dass die Menschen in ihrer Heimat bleiben und nicht scharenweise vom Land in die Stadt und vom Nordosten in den Süden zögen. Die Infrastruktur müsste verbessert werden und ein entscheidender Punkt ist natürlich auch ein Ende der Korruption. Denn in Brasilien ist die Sozialpolitik eine Politik, die in die eigene Tasche wirtschaftet. Die Politiker sollten das Geld nicht für sich ausgeben, sondern für das eigene Volk.
Wichtig ist neben der Bildung auch eine gute Gesundheitsversorgung, denn wir haben im Nordosten große Probleme mit dem Zika- und dem Chikungunya-Virus. In meiner Diözese gibt es beispielsweise zwar einen Gesundheitsposten, aber keinen einzigen Arzt. Die Leute sind sich selbst überlassen. Es sind auch Investitionen in Wohnraum nötig.
Die politische Situation ist zurzeit sehr schwierig. Ich glaube aber an eine organisierte Zivilbevölkerung, die Kraft von Demonstrationen und daran, dass die Menschen für ihre Rechte Kämpfen werden.

Bei den Gefängnisrevolten in Brasilien ist kein Ende in Sicht. Die Regierung befürchtet, dass sich die Bandenkriege ausweiten und auf die Straße verlagern könnten. Droht dem Land eine Sicherheitskrise?

Dom José Ferreira: Das zentrale Problem ist die Abwesenheit der Staatsgewalt in den Gefängnissen. Denn das Haupteinkommen der Gefangenen und auch der Polizisten ist der Drogenhandel. Die Gefängnisse sind wie eine Kantine für Drogen. Die Häftlinge bezahlen die Polizisten, um für sie zu arbeiten. Die Polizisten sind viel zu schlecht bezahlt und greifen deshalb beim Drogengeld zu. Ich arbeite seit mehr als 40 Jahren in der Gefängnispastoral und beobachte, dass die Situation schlimmer wird: Die Drogenbanden übernehmen immer mehr die Macht in den Gefängnissen und auch auf der Straße. Der Staat zieht sich immer weiter zurück, und kann die Sicherheit dieser Menschen zurzeit augenscheinlich nicht gewährleisten.
Es muss eine Reform des Gefängnissystems her. Die Gefängnisse sind völlig überbelegt, Mörder werden nicht getrennt von Ladendieben, Verurteilte und Menschen in Untersuchungshaft sind zusammen eingepfercht. Es muss menschlicher werden – vor allem auch in den Frauengefängnissen. Dafür muss sich der Staat mit Experten besprechen und eine durchdachte Reform des Strafvollzugs umsetzen.

Die ganze Welt scheint in Habachtstellung vor dem neuen US-Präsidenten zu erstarren. Wie geht es Ihnen beim Gedanken an Donald Trump?

Dom José Ferreira: Wenn ich die Menschen bei uns auf der Straße fragen würde, wüsste vermutlich niemand genau, wer Donald Trump überhaupt ist. Haben wir morgen genug zu essen, ist die entscheidende Frage. Für einen Menschen, der Hunger hat, steht die US-Politik nicht an erster Stelle. Persönlich bin ich perplex, was Donald Trump angeht. Die politischen Positionen, die Verschließung der USA vor Südamerika und anderen Ländern und die Marginalisierung von Menschengruppen teile ich natürlich nicht. Wir müssen abwarten.