Aktuelle Meldung vom 24. Oktober 2016

„Mittendrin sind die Menschen, die versuchen, zurecht zu kommen“

Adveniat-Länderreferentin Margit Wichelmann berichtet aus Haiti

In der Diözese Les Cayes, die insgesamt 57 Pfarreien und über 300 Kapellengemeinden zählt, wurden durch Hurrikan Matthew drei Pfarrkirchen völlig zerstört. Viele Kirchen stehen noch, haben aber kein Dach mehr. Fotos: Margit Wichelmann

Am Wochenende hat es zum Glück weniger geregnet und so ist der Wasserpegel im Vergleich zu vorgestern deutlich gesunken. Die Nationalstrasse 2, die Port-au-Prince mit Les Cayes verbindet, war daher wieder recht gut befahrbar, zumal Schlammlawinen schon geräumt worden waren. Diesen Sonntag gab es auch die unsäglichen Staus nicht, die Port-au-Prince sonst so lahmlegen, dass man gut und gerne zwei bis drei Stunden braucht, um aus der Stadt raus zu kommen. So waren wir schon nach gut vier Stunden in der Stadt Les Cayes.

Vor zwei Tagen waren wir ein gutes Stück vor Les Cayes zur Umkehr gezwungen worden, da die Straße überschwemmt war. Am Wochende war an vielen Stellen statt des Wassers hoher Schlamm, manche Bereiche standen aber nach wie vor unter Wasser. Das große Problem ist hier, dass das Wasser zwar schnell auch wieder abläuft, es aber nicht sehr viel Regen braucht, bis alles wieder unter Wasser steht – gerade jetzt, wo die Böden durchtränkt sind und überhaupt kein Wasser mehr absorbieren können.

Ungefähr ab dem Ort, wo wir das letzte Mal umkehren mussten, nahm das Ausmaß der Zerstörung jetzt nochmal radikal zu. In manchen Siedlungen war kaum ein Haus mehr intakt. Die Häuser mit Betondächern haben dem Sturm meist standgehalten, aber auf dem Land sind die meisten Hütten mit Wellblech gedeckt. Bei manchen Häusern war ein Teil des Daches weg, bei anderen fehlte es, andere Häuser waren komplett zerstört. Und mittendrin die Menschen, die versuchen, die Hütten notdürftig zu reparieren oder in den beschädigten Häusern irgendwie zurecht zu kommen. An manchen Stellen haben die Familien ihre Dächer schon repariert. Da das Geld nicht für ein neues Dach, sondern nur für einzelne Wellbleche reicht, sieht man dann Dächer, auf denen neben alten löchrigen und rostigen Wellblechen neue blitzblanke Bleche einen Flickenteppich bilden.

Die Nothilfe läuft nur langsam und ist mitten im Wahlkampf chaotisch

Die Stadt Les Cayes ist jetzt nicht mehr überschwemmt. Die Schäden sind immens, aber nicht so umfassend wie auf dem Land. Wir haben dort den Kardinal getroffen, der uns berichtete, dass in der Diözese, die insgesamt 57 Pfarreien und über 300 Kapellengemeinden zählt, drei Pfarrkirchen völlig zerstört und von 43 das Dach beschädigt wurde. 158 Kapellen sind vollständig zerstört, 139 weitere Kapellendächer beschädigt. Auch Pfarrhäuser- und schulen sind beschädigt. Der Kardinal erzählte von einem Priester, der nur ein provisorisches Pfarrhaus hatte, von dem durch den Hurrikan das Dach weggerissen wurde. Da der Wind zu stark war, um woanders Zuflucht zu suchen, verbrachte der Priester die Zeit des Sturmes Schutz suchend in einem Kleiderschrank. Ein anderer Pfarrer hatte vom Bischof die telefonische Info bekommen, dass der Sturm sich noch verstärken würde. Daraufhin beschloss er, einige Dinge an einen anderen Ort sicherer unterzubringen. Als er zurück zum Pfarrhaus kam, war eine große Palme darauf gefallen.

Derzeit ist die Nothilfe in vollem Gang, aber es kommen zu wenig Lebensmittel an, um alle Menschen zu versorgen. Auch lief die Hilfe recht langsam an und ist zum Teil (vor allem bei politisch motivierten Lieferungen – immerhin ist gerade Wahlkampf) recht chaotisch. Zudem ist absehbar, dass viele Menschen noch einige Monate auf Hilfe angewiesen sein werden. Darüber hinaus waren sie nach der Trockenheit der letzten zwei Jahre eh schon völlig mittellos. Mit Sorge sieht man, dass Haiti schon wieder aus den Medien verschwindet, was zu sinkender Hilfsbereitschaft führt. Der Kardinal bittet darum, dazu beizutragen, dass weiter über Haiti berichtet wird.

Die Natur erobert sich ihren Platz schnell wieder zurück

Bedrückend ist auch die Natur. Riesige Bäume sind entwurzelt oder abgeknickt, zum Teil auf Hütten gefallen, ganze Bananenplantagen sind am Boden, von Kokospalmen steht nur noch der Stamm. Später am Tag fuhren wir von Les Cayes aus noch ein Stück weiter Richtung Westen nach Torbeck. Dort sah es noch wüster aus: alle Strommasten waren schief oder lagen auf dem Boden. Doch beeindruckend – und ein kleines Hoffnungszeichen – ist, wie sich die Natur ihren Platz zurück erobert. Direkt nach dem Sturm war vieles trist und braun. Nun beginnen die Pflanzen wieder auszutreiben. Ein großer Baum vor dem Bischofshaus war im Sturm zwar stehen geblieben, hatte aber sämtliche Blätter verloren. Nun – nach so kurzer Zeit – war er schon wieder voller großer grüner Blätter. Morgen geht es schon um kurz vor 5 los Richtung Jérémie. Das wird sicherlich der Tag mit den schlimmsten Eindrücken, denn in Jérémie soll die Verwüstung am schlimmsten sein.

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Adveniat unterstützt die Ersthilfe der Ortskirchen mit jeweils 15.000 Euro. Dabei bleibt Adveniat seiner Linie treu, nicht Projekte von außen zu liefern, sondern die Kirche bei der Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln, Medikamenten und Unterkunft zu unterstützen. Denn die Partner vor Ort wissen am besten, welche Hilfe jetzt am dringlichsten ist. Wir bitten Sie um Unterstützung für dieses Projekt.

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