Zerstörung, Trauer und Ängste

Bild von Louie Witlin
Louie Witlin: „Ich dachte nur an eines: die Kinder und mich in Sicherheit zu bringen."

Als Louie Witlin, alleinstehende Mutter von drei Söhnen, einige Tage nach dem Erdbeben hörte, dass Busse aus der Hauptstadt in den Norden fuhren, zögerte sie nicht lange.

Sie wollte mit ihren Kindern heraus aus Port-au-Prince, aus diesem gigantischen Trümmerhaufen, voller Schutt und Staub, voller Leichen und Trauer, voller Verzweiflung und Ängste vor weiteren Beben.

Louie Witlin nahm sich zudem der fünf Nachbarskinder an, die beim Beben ihre Eltern verloren hatten und stieg mit ihnen in den Bus, der sie nach Ouanaminthe brachte, eine unversehrte Stadt im Norden Haitis.

Zuflucht in Ouanaminthe

Auch der 20-jährige Johnny ist nach Ouanaminthe gekommen. „Er hilft uns enorm, aber er kann noch nicht über das Beben sprechen“, sagt Schwester Nidia besorgt.

Schwester Mazulie kümmert sich mit drei weiteren Schwestern und vielen Gemeindemitgliedern um die Flüchtlinge.

Wie Louie Witlin sind Hunderttausende aus der Hauptstadt geflüchtet, rund 10.000 davon nach Ouanaminthe.
„Die Menschen haben alles verloren. Sie haben keine Kleidung, keine Lebensmittel, keine Medikamente. Die meisten sind traumatisiert und brauchen psychologische Hilfe“, so fasst Schwester Mazulie zusammen.

Die Hilfsmaßnahmen in Ouanaminthe sind ganz eng mit den Nord-Diözesen Gonaïves, Fort Liberté und Cap-Haïtien abgestimmt, um möglichst wirkungsvoll zu helfen.

Der Aktionsplan der Nord-Diözesen umfasst die Bereiche:

• Medikamente und Prothesen beschaffen,
• Hilfslieferungen koordinieren,
• psychologische Betreuung ermöglichen,
• Schul- und Ausbildungsplätze vermitteln.

Durch Gemeinschaft wieder stark werden

Schwester Mazulie in Haiti
Die menschen teilen ihre Trauer und Ängste. Die Gemeinschaft stärkt sie für ihren Alltag und die Zukunft.

In Ouanaminthe haben viele ihre Türen geöffnet und beherbergen teils ganze Familien: Die Armen helfen den noch Ärmeren. Von der Stadt gibt es kaum Hilfe. „Kein Geld da“, sagt Schwester Mazulie achselzuckend. „Ohne die Schwestern würde hier nichts laufen“, so der städtische Angestellte Pierre Funuel. Genauso wichtig wie Hilfsmaßnahmen ist es den Schwestern, dass die Menschen am kirchlichen Leben teilnehmen können: Gottesdienste, Zusammenkünfte, Chorproben, Jugendgruppen: Im Gemeinde- und Glaubensleben finden sie Vertrautheit, Halt und Raum für Trauer und Ängste, sie schöpfen aus ihrem Glauben und der Gemeinschaft Kraft für ihr Leben.   

Die Haitianer sind sehr gläubige Menschen.
Für viele ist der Glaube das Einzige, was ihnen geblieben ist.
Er ist ihre Quelle für Hoffnung und Zuversicht.

Schule als Hoffnungszeichnen

Schulklasse in Haiti
In Haiti sind viermal so viele Schulen in kirchlicher Trägerschaft wie in staatlicher. Das ist zugleich Pflicht und Chance für die Kirche.

Die Menschen in Haiti wissen, dass vor allem Bildung Armut überwinden kann. „Nichts ist vielen Eltern wichtiger als der Schulbesuch“, sagt Schuldirektorin Marie-Daniel Rameau. Deshalb liegt den Schwestern so viel daran, die rund 1.000 Schulkinder aus Port-au-Prince in den örtlichen Schulen unterzubringen. Der Schulbesuch hilft den Kindern bei der Verarbeitung des Erlebten und ihrer Ängste, bringt sie auf andere Gedanken. Er strukturiert den Tagesablauf und schafft damit wieder ein Stück Normalität für die Kinder und Familien. Den Eltern sind ihre adrett in die in Haiti üblichen Schuluniform gekleideten Kinder das sinnenfälligste Hoffnungszeichen, dass es für sie und Haiti eine lebenswerte und bessere Zukunft gibt.