Adveniat wird 50

In diesem Jahr feiert Adveniat sein 50-jähriges Bestehen. Es war die Initiative dreier Persönlichkeiten, der sich das katholische Hilfswerk für Lateinamerika und die Karibikverdankt: des Kölner Erzbischofs Kardinal Josef Frings, seines Generalvikars Joseph Teusch und des Bischofs von Essen, Franz Hengsbach. Frings trug der Vollversammlung der Fuldaer Bischofskonferenz im September 1960 vor, wie groß die personellen und finanziellen Nöte der Kirche in Lateinamerika waren. Papst Johannes XXIII. dankte der Bischofskonferenz in einem Brief vom 11. Januar 1961 dafür, „dass Ihr beschlossen habt, für Lateinamerika Hilfe zu schaffen“. Wie dies geschehen sollte, beschlossen die Bischöfe - auf Vorschlag Hengsbachs - am 30. August 1961, nämlich durch „eine besondere Kollekte für die seelsorglichen Bedürfnisse in Lateinamerika“. Diese wurde zu Weihnachten 1961 in allen katholischen Kirchen der Bundesrepublik und Westberlins gehalten - und übertraf mit 23 Millionen D-Mark Erlös alle Erwartungen. Den Namen für die Kollekte hatte Prälat Teusch in der zweiten Vaterunser-Bitte gefunden: Adveniat regnum tuum - Dein Reich komme (Mt 6,10). Der Erfolg der ersten Kollekte bewirkte, dass die Bischöfe die Lateinamerika-Kollekte auch in den Folgejahren ansetzten - bis sie1969 ratifizierten, dass aus den Kollekten ein weiteres weltkirchliches Werk entstanden war: die Bischöfliche Aktion Adveniat. Im Aufruf zur zweiten Weihnachtskollekte warben die Bischöfe außerdem um Patenschaften für angehende Priester in Lateinamerika. So entstand die Patenschaftsaktion mit Adveniat, die seit 1962 Hunderttausende Seminaristen gefördert hat. Seit 1969 unterstützt das Hilfswerk nicht nur junge Theologen, sondern auch alte Priester, damit sie, die ihr Leben in den Dienst des Evangeliums gestellt haben, im Alter nicht darben müssen. Die Verantwortung für die Lateinamerika-Kollekte und die in großer Zahl eingehenden Anträge aus Lateinamerika übertrug die Bischofskonferenz Bischof Hengsbach. So nahm Adveniat seinen Sitz in Essen. Als 1962 das Zweite Vatikanische Konzil begann, lernte Hengsbach seine lateinamerikanischen Mitbrüder kennen. Aus ihren Anliegen ergab sich das Spektrum der geförderten Projekte: die Ausbildung junger Ordensleute und von Katecheten, der Bau von Kapellen und Kirchen, die Anschaffung von Fahrzeugen für ausgedehnte Landpfarreien, der Aufbau von Rundfunksendern usw. Anfangs waren die Anträge im Essener Generalvikariat bearbeitet worden. Doch bald war offensichtlich, dass Tausende Projekte nicht „nebenher“ verwaltet werden konnten. So wurde 1965 eine Geschäftsstelle mit spanisch- und portugiesischsprachigen Mitarbeitern eingerichtet. Externer Berater war seit 1969 der Pfarrer der Deutschen Gemeinde in Bogota (Kolumbien), Emil Stehle, ein vorzüglicher Kenner Lateinamerikas. Für die Öffentlichkeitsarbeit des jungen Werkes reisten Fotografen, Dokumentarfilmer und Journalisten nach Lateinamerika. Sie dokumentierten den Einsatz von Laien, von Ordensschwestern und -brüdern, von Priestern und Bischöfen in der Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat, inmitten des Regenwaldes und der wuchernden Metropolen. Ihre Fotos, Filme und Reportagen wurden Adveniat von Zeitungen, Zeitschriften und vom Fernsehen „aus den Händen gerissen“ und prägten das Bild Lateinamerikas in Deutschland. 1977 wurde Prälat Stehle Geschäftsführer - in jenem Jahr, als das Hilfswerk wie nie zuvor im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stand. Anlass war das „Memorandum westdeutscher Theologen zur Kampagne gegen die Theologie der Befreiung“ vom November 1977. Aus dem Umstand, dass der Vorsitzende der Adveniat-Kommission, Bischof Hengsbach, den „Studienkreis Kirche und Befreiung“ mitbegründet hatte, dem ausgesprochene Kritiker der Befreiungstheologie angehörten, schlossen die Autoren, dass er sich des Hilfswerks als eines Werkzeugs im Kampf gegen diese Theologie bediene. Das Memorandum löste eine lebhafte Debatte aus. Eine überzeugende Antwort auf den Angriff auf Adveniat gaben die Projektpartner in Lateinamerika. Sie erinnerten daran, dass es gerade die Hilfe aus Deutschland war, die ihre Kirche unabhängig mache von den Zuwendungen der Reichen und ihr so ermögliche, prophetisch Partei zu ergreifen für die Armen und Entrechteten. Nachdem Stehle zum Bischof in Ecuador ernannt worden war, wurde 1989 Dieter Spelthahn sein Nachfolger als Adveniat-Geschäftsführer. In seine Amtszeit fiel 1992 der 500. Jahrestag der „Entdeckung“ Amerikas, des Beginns der Eroberung einer Neuen Welt - und des Beginns der „Aussaat des Evangeliums“, wie es die Bischöfe Guatemalas ausdrückten. Ohne die Schattenseiten der Mission zu leugnen, nahm die Kirche in Lateinamerika das Gedenkjahr zum Anlass, daran zu erinnern, dass es Christen, allen voran Ordensleute waren, die sich immer wieder auf die Seite der Erniedrigten und Ausgebeuteten stellten, angefangen mit der berühmten Adventspredigt des Dominikaners Antonio de Montesinos 1511 in Santo Domingo. Nach dem Tod von Bischof Hengsbach wurde der Essener Weihbischof Franz Grave Vorsitzender der Adveniat-Kommission (1992-2008). Ihm folgten in diesem Amt die Bischöfe von Essen Felix Genn (2008-2010) und Franz-Josef Overbeck (seit 2010). Seit 2004 amtiert der vierte Geschäftsführer, Prälat Bernd Klaschka. Ein Grundtext nicht rechtlicher, sondern theologischer Art war die Studie „Theologische Identität Adveniats“, die Berater der Adveniat-Kommission und Theologen aus Lateinamerika 1998/1999 erarbeiteten. Ulrich Lüke hat es so ausgedrückt: „Am Weihnachtsfest wird dafür gesammelt, dass Gottes Menschlichkeit erfahrbar wird durch des Menschen Menschlichkeit. Adveniat steht dafür, dass eine Kirche der Menschlichkeit die eiserne Ration im Kampf gegen die Unmenschlichkeit erhält.“ Hinweis: Der Autor ist Leiter der Bibliothek des Bischöflichen Hilfswerks Adveniat.

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