Fäden der Hoffnung
Wie sich indigene Frauen in Mexiko emanzipieren

Ana González vom Volk der Maya hat es aus schwierigen Verhältnissen zur Co-Direktorin einer Textilschule gebracht. Unterstützt vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat hilft sie anderen indigenen Frauen, ihren eigenen Weg zu gehen.

Die Maya Ana González hilft anderen indigenen Frauen, ihren eigenen Weg zu finden.

San Cristóbal de las Casas ist mit seinen gepflasterten Straßen, bunten Häusern und blumigen Innenhöfen eine der schönsten Kolonialstädte Mexikos. Lange vor der Ankunft der spanischen Eroberer war der Süden Mexikos bereits eine Hochburg der Indigenen vom Volk der Maya. In San Cristóbal überlagern sich Kulturen, Traditionen und Sprachen. Dieser Reichtum ist auch eine Bürde. Vor allem für indigene Frauen. Denn sie standen zu allen Zeiten auf der untersten gesellschaftlichen Stufe.

Ana González stammt aus der indigenen Gemeinde Zinacantán. Der malerische Ort der Blumen und der Webkunst – wirbt Mexikos Tourismusbehörde. Ana González‘ Erinnerungen an ihre Kindheit sind weniger lieblich: Ein prügelnder, alkoholsüchtiger Vater, fünf Geschwister, ständige Geldsorgen, manchmal sogar Hunger. Mit sieben bekam sie ihren ersten mobilen Webrahmen, der am Rücken befestigt wird. „Als indigene Frau musst du weben können, denn sonst hat deine Familie nichts zum Anziehen, und du bist nichts wert für einen Mann“, wurde ihr eingetrichtert. Die schüchterne Ana González gehorchte wie alle indigenen Mädchen in ihrem Alter.

Als sich ihre Mutter schließlich trennte, webte Ana González fürs Familieneinkommen. Ihre Mutter trat einer Textilschule in San Cristóbal bei. Den Zusammenschluss von indigenen Frauen hatte die französische Designerin Véronique Tesseraud ins Leben gerufen. Sie war in den 1990er-Jahren in die Region gekommen und hatte sich in die kunstvolle Handarbeit verliebt. Aber sie sah auch, wie sehr ihre Schöpferinnen von der Gesellschaft diskriminiert und von den eigenen Männern unterjocht wurden. Ihre Idee: Emanzipation durch Weben. Die attraktiven und qualitativ hochwertigen Designerstücke werden in einem Laden in San Cristóbal verkauft und im Internet vertrieben. Was nach Abzug der Kosten bleibt, wird gerecht geteilt.

Bunt gemusterte Kissen, Bezüge und Fäden auf einem Tisch

Einige Produkte, die die Mitglieder der Textilschule hergestellt haben.

„Mein Ansatz war weniger die Armutsbekämpfung, sondern die In-Wert-Setzung dessen, was die Frauen hier leisten“, erläutert Véronique Tesseraud. Künstlerinnen statt Almosen-Empfängerinnen – dieser Perspektivwechsel eröffnet den Frauen neue Horizonte und Möglichkeiten, sich wirtschaftlich von den Männern zu emanzipieren. So erlebte es auch Ana González: „Ich habe meine Mutter oft nach San Cristóbal begleitet und fand diese ruhige, respektvolle Atmosphäre in der Textilschule unheimlich wohltuend.“ Kinder sind dort willkommen. Es gibt eine Spielecke, ein Kinderbettchen und einen großen Garten zum Toben.

Dank des Webens konnte Ana González ihr Abitur machen und Sozialwissenschaften studieren. Mittlerweile ist sie als Verwaltungschefin und Co-Direktorin der Textilschule die rechte Hand von Véronique Tesseraud. „Ana ist eine Brückenbauerin zwischen den Kulturen“, ist die Französin überzeugt.

Mit Unterstützung des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat haben die beiden vor ein paar Jahren den nächsten Schritt gewagt. Weil viele indigene Dörfer weit entfernt in den Bergen liegen, ist es ist für die Frauen schwierig, die Textilschule zu erreichen. Viele Indigene heiraten jung, bekommen Kinder und sitzen dann in einem entbehrungsvollen Alltag in ihren Dörfern fest, während die Männer oft als Tagelöhner in anderen Regionen arbeiten. Deshalb kommt die Textilschule nun zu den Frauen in die Dörfer.

Zwei Frauen beugen sich über einen Webrahmen

Über die mobile Textilschule werden auch Frauen in entlegenen Regionen erreicht.

Zweimal im Monat fährt der Kastenwagen der Textilschule vollgepackt mit Stoffen, Wollknäueln, Nähmaschinen, Druckvorlagen und Extrakten aus Naturfarben in die Dörfer des Hochlandes. Manchmal gibt Ana González selbst den Kurs, manchmal eine ihrer indigenen Mitarbeiterinnen. Alle sprechen lokale Mayasprachen. Eine wichtige Voraussetzung, um das Eis zu brechen und Barrieren abzubauen.

Ignacia Díaz lebt im Ort Chichaleloh in den Bergen, hat fünf Kinder und besucht den Nähkurs. „Ich hatte anfangs Angst, dass ich nichts verstehe und die Maschinen kaputt mache“, erzählt die 49-Jährige mit dem dicken Zopf. Zur Schule durfte sie als Kind nicht gehen. Mädchen bräuchten das nicht, sagten ihre Eltern. Nun saugt sie wissbegierig alles auf.

„Meine Arbeit hat durch den Kurs an Qualität gewonnen. Ich kombiniere neue Muster und Techniken“, berichtet Ignacia Díaz. Seit sie nicht mehr allein zu Hause sitzt, sondern sich mit den anderen Frauen austauscht, sei sie viel kreativer geworden.

Frauen schauen sich gemeinsam Vorlagen auf einem Tisch an

In den Kursen entsteht auch kreativer Austausch und Gemeinschaft

Und wie findet ihr Mann das? Ignacia Díaz lacht: „Der hat sich daran gewöhnt, dass ich mir Zeit für mich nehme und aus dem Haus gehe. Jetzt bekommen wir Frauen endlich auch mal eine Chance“, freut sie sich.

Die Frauen weben nicht nur am Webstuhl, sondern auch am sozialen Geflecht, am Frauen-Netzwerk. In vielen kleinen indigenen Gemeinden gibt es keine staatlichen Anlaufstellen für misshandelte Frauen und viele wissen nicht, an wen sie sich im Notfall überhaupt wenden können. Inzwischen hat jede der Frauen die Telefonnummer der Textilschule. Zusätzlich vernetzen sich die Frauen innerhalb der Dörfer über Messenger-Gruppen. Falls Männer gewalttätig werden, können Betroffene im Gruppenchat einen Hilferuf absetzen. Nachbarinnen stehen dann sofort vor der Tür. Für Notfälle gibt es in der Textilschule auch zwei kleine Wohnungen, in denen Betroffene vorübergehend Zuflucht finden können.

Frauen, die über sich hinauswachsen, lernen, Ehrgeiz entwickeln und eigene Wünsche haben – das durchbricht das patriarchale Machtgefüge und schafft auch Konflikte. Deshalb ist es wichtig, Lösungen im Einklang mit der indigenen Dialogkultur und mit den kulturellen Wurzeln zu finden. Ana González sieht in der Webkunst deshalb nicht nur eine schöne Tradition, sondern einen heilsamen Prozess und eine Sprache, in der die Frauen ihre Gefühle und ihre Geschichten verarbeiten können. Inzwischen ist die Co-Direktorin der Textilschule verheiratet und hat eine sechsjährige Tochter. Sie lebt traditionell in einem kleinen Haus auf dem Grundstück ihrer Eltern. „Aber die Gewissheit, dass ich im Notfall für mich selbst sorgen kann, gibt mir Gelassenheit, Sicherheit und Freiheit“, sagt sie. Damit ist sie für viele der Kursteilnehmerinnen Mut-Macherin und Inspiration.

Text: Sandra Weiss, Fotos: Florian Kopp