Damit keine Frau mehr Gewalt erfährt
Carmen Moreno ist mit Unterstützung des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat die Stimme der Frauen im ecuadorianischen Amazonasgebiet.

Adveniat-Projektpartnerin Carmen Moreno bei einem Treffen von Frauen im ecuadorianischen Amazonasgebiet.
Nähmaschinen rattern. Vier Frauen sitzen in dem kleinen Atelier und fertigen T-Shirts, Taschen und Schürzen. Eine Schneiderin leitet sie an. „Ich liebe diesen Kurs“, sagt Mariela Vicente und blickt von ihrer Arbeit auf. „Hier lerne ich etwas Handfestes zum Geldverdienen.“ Ihre Stimme bricht. Unter Tränen murmelt sie: „Und hier bin ich sicher.“
Die 28-jährige Kolumbianerin, deren Name zu ihrem Schutz geändert wurde, flüchtete mit ihrer Tochter ins südliche Nachbarland Ecuador, als bewaffnete Banden ihren Mann rekrutieren wollten, um sich und ihre Tochter vor der Bandengewalt zu schützen. Nach einer einjährigen Odyssee fanden sie Schutz im Frauenhaus von Lago Agrio, dem einzigen Zufluchtsort für Frauen in der Amazonas-Provinz Sucumbíos. Hier, an der Grenze zu Kolumbien, ist die Gewalt gegen Frauen besonders hoch. Deshalb hat der Frauenverband „Federación de Mujeres de Sucumbíos“ vor rund 20 Jahren ein sicheres Haus für Betroffene von häuslicher und sexualisierter Gewalt errichtet. Denn eine staatliche Einrichtung existiert nicht.

Wandbild auf der Mauer des Frauenhauses.
„Gemessen an der Bevölkerungszahl ist die Rate an geschlechtsspezifischer Gewalt bei uns überdurchschnittlich hoch“, erklärt Carmen Moreno. Die 42-jährige Bürokauffrau leitet den Frauenverband, den das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt. Im vergangenen Jahr erfasste die Provinz Sucumbíos 11 Femizide bei knapp 200.000 Einwohnern. In ganz Ecuador waren es 411 bei rund 18,4 Millionen Menschen. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Nach Angaben des Frauenverbands haben acht von zehn Frauen in Sucumbíos Gewalt erlebt. Das will Carmen Moreno ändern.
„La Mora“, wie ihre Kolleginnen sie liebevoll nennen, engagiert sich seit ihrer Jugend für die Rechte der Frauen. Ihre Mutter, Norma Castillo, war eine der ersten engagierten Frauen, die den Verband 1987 mit auf den Weg brachten. Mit 17 wurde Carmen Moreno jüngste Mitarbeiterin des Verbands. Sie klärte Frauen in den abgelegenen Gebieten über ihre Rechte auf und motivierte sie, eigene Selbsthilfegruppen zu bilden. Nach ihrem Studium wurde sie Vizepräsidentin und schließlich Geschäftsführerin. Die alleinerziehende Mutter lebt mit ihrem zehnjährigen Sohn in einem Vier-Generationenhaus mit ihren Eltern und der 97-jährigen Großmutter.
„Ich wollte immer Aktivistin werden“, sagt die tatkräftige Frau mit schwarzem Zopf. „Es ist unglaublich, welche Kraft entsteht, wenn wir für gemeinsame Ziele kämpfen.“ Auf ihrem Schreibtisch türmen sich Papiere. Ihr Smartphone summt und brummt ohne Unterlass. Zum Internationalen Frauentag am 8. März organisierte Carmen Moreno zum Beispiel 13 Busse für rund 700 Frauen aus der gesamten Provinz. „Der 8. März gehört jedes Jahr zu den Tagen, an denen wir die Probleme unserer Region sichtbar machen. Wir erheben unsere Stimme dabei für alle Menschen, denn wir sind eine vergessene Region.“

Carmen Moreno unterstützt nicht nur die Frauen, sondern macht auch öffentlich auf die Probleme in der Region aufmerksam.
Als ihre Familie 1984 aus der verarmten Hochlandprovinz Loja in den damals fast unberührten Regenwald kam, um sich auf den fruchtbaren Böden eine bessere Zukunft aufzubauen, lebten vor allem indigene Völker in Sucumbíos. Das änderte sich schnell. Neben Kleinbauern zog es Erdölkonzerne, Holzunternehmen, illegale Goldschürfer, Drogenkartelle, kriminelle Banden und Palmölkonzerne nach „Nueva Loja“. Heute ist Sucumbíos mit der Hauptstadt Lago Agrio eine der konfliktreichsten Regionen des Landes – und Ecuador Drehscheibe des internationalen Drogenhandels. Das krisengeschüttelte Land verzeichnet eine der höchsten Mordraten der Welt.
„Die Gewalt ist allgegenwärtig“, sagt Carmen Moreno. „Der Staat ist nicht präsent, die Armut eines der größten Probleme.“ Vom Erdölboom bleibt der Bevölkerung nur Umweltverschmutzung, Entwaldung und Krankheiten. „Für die Erdölindustrie wird in Sucumbíos alles getan“, kritisiert Carmen Moreno, „für die Menschen nichts.“ Während die Pipelines sofort in Stand gesetzt werden, bleiben die Straßen nach Erdrutschen oder Überschwemmungen oft jahrelang unpassierbar. Es fehlt an Krankenhäusern, Schulen, Abwasserleitungen und Straßen.
Frauen dürfen in der traditionell männerdominierten Gesellschaft kaum aus dem Haus, verdienen kein eigenes Geld und leiden unter der allgemeinen Kriminalität sowie der Gewalt ihrer alkoholisierten Partner. Lebensbedrohliche Übergriffe mit Messern oder Macheten sind keine Seltenheit. Frauen haben keine Stimme. Deshalb organisieren sie sich vor Ort, um sich so gegenseitig zu stärken. Unter dem Leitspruch „Wir sind nicht allein – wir sind alle“ vertritt Carmen Moreno mit ihrem 34-köpfigen Team inzwischen 110 Frauenorganisationen mit über 1.500 Mitgliedern.
„Ich möchte, dass wir Frauen selbst über unser Leben entscheiden können.“ Dafür kämpft Carmen Moreno mit ihren Kolleginnen: mit politischen und öffentlichkeitswirksamen Kampagnen, Gewaltprävention und therapeutischen Angeboten, dem Frauenhaus und einer Rechtsberatungsstelle, Stipendien für Abitur, Ausbildung und Studium. Hinzu kommen berufsbildende Kurse in Gastronomie, Kosmetik, Massage oder im Handwerk, eine Schule für Ehrenamtliche, zwei Musikschulen für Kinder, Spar- und Kreditgruppen, Märkte und vieles mehr.

Durch FMS und Adveniat lernen Frauen ihre Rechte kennen,…

…können sich durch ein Stipendium die Ausbildung zur Krankenpflegerin finanzieren…

… und berufsbildende Kurse belegen, um beispielsweise Bäckerin zu werden.
Ein Fernsehteam hat sich angekündigt. Carmen Moreno hastet in den Sitzungssaal. Die Fragen der Journalistin beantwortet sie klar und strukturiert. Danach kümmert sie sich um finanzielle Hilfe für ihren Verband. „Es wird immer schwieriger, an internationale Unterstützung zu kommen“, sagt sie. Die UN-Hilfswerke seien weggebrochen. Umso wichtiger ist die Unterstützung des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat. „Es ist uns gelungen, alle Frauenorganisationen in Sucumbíos zu sensibilisieren und die Gewaltprävention voranzutreiben.“
Ziel ist, dass keine Frau mehr Gewalt erfährt. „Das ist ein langer Weg“, meint Carmen Moreno. Aber die Frauen in Sucumbíos sind unterwegs. „Ich bin einfach nur dankbar, dass ich hier im Frauenhaus sein kann“, sagt Mariela Vicente aus Kolumbien. „Hier ist es sicher. Hier kümmern sie sich um uns. Ich hole mein Abitur nach, bekomme eine Therapie und lerne, mich selbst zu versorgen.“ Ihr Mann wurde vermutlich von den bewaffneten Gruppen ermordet. Sie lebt und hat eine neue Chance.
Text: Constanze Bandowski, Fotos: Martin Steffen

