„Die Normalität war innerhalb von Sekunden dahin“
Seit den schweren Erdbeben am 24. Juni sind die Adveniat-Länderreferenten fast täglich in Kontakt mit den Partnern in Venezuela. Diese berichten davon, dass sie selbst viele Familienangehörige, Freunde und Kollegen verloren haben. Aber vor allem auch davon, dass sie inmitten ihrer eigenen Trauer alles Mögliche in Bewegung setzen, um den Menschen vor Ort zu Helfen und für sie dazu sein.

Nach dem schwere Erdbenen am 24. Juni in Venezuela ist die Zahl der Todesopfer mittlerweile auf 3.342 gestiegen, Tausende werden noch vermisst. Foto: Reuters
Innerhalb von Sekunden sei nach dem Erdbeben jegliche Normalität dahin gewesen, schreibt Pater Alfredo Bustamante aus der Pfarrei San Óscar Arnulfo Romero in Ciudad Chávez. In dem Gebiet sind 95 Prozent der Gebäude eingestürzt. „Manchen gelang es, barfuß und im Schlafanzug ins Freie zu gelangen, wo sie auf eine erdrückende Dunkelheit und die gedämpften Schreie der unter den Trümmern Verschütteten trafen“, erinnert sich Pater Alfredo an die Nacht des Bebens.
„Die Menschen einer gesamten Pfarrei sind quasi ausgelöscht“
„Viele Nachbarn begannen, sich gegenseitig zu retten; sie gruben mit bloßen Händen und Fingernägeln in einem verzweifelten Versuch, Überlebende zu bergen. Ich bin tief erschüttert über die leblosen Körpern derer, die einst meine Messdiener waren, des Chors, der unsere Messen bereicherte, und meiner Pfarrgemeinderatsmitglieder – eine ganze Pfarrei ist so gut wie ausgelöscht ist.“

Grafik: Adveniat
Das Priesterseminar in Macuto stürzte ebenfalls komplett zusammen. Doch die jungen Seminaristen flohen nicht, berichtet Pater William Vázquez. „Sie machten den Parkplatz des nahegelegenen Stadions zu ihrem neuen Zuhause und ihrer Operationszentrale. Nachdem sie ins Priesterseminar in Caracas gebracht worden waren, organisierten sie sich in Brigaden, um in La Guaira in den am stärksten betroffenen Gebieten Hilfe zu leisten und Lebensmittel und Trost zu spenden.“
„Angesichts der Dringlichkeit nutzte ich meinen Pickup, um die Verstorbenen zur Identifizierung in die Leichenhalle zu bringen – eine tragische Erfahrung. Auf dem Weg nach Playa Grande erschütterte mich das Ausmaß der Zerstörung.“
Adveniat-Partner Pater José Ángel aus La Páez

Pater Martín Vegas aus der Pfarrei San Francisco de Asís berichtet davon, dass sie sich in Naiguatá vom Staat und Hilfe komplett abgeschnitten fühlen. „Angesichts der zerstörten Straßen und der fehlenden Polizeipräsenz in Naiguatá – wo es kaum zwölf Beamte gibt – drohte Anarchie auszubrechen. Es war – und ist – keine staatliche Autorität vor Ort; tatsächlich konzentriert sich alles auf die Karibikküste, sodass kaum jemand bis nach Naiguatá vordringt.“ Es gäbe neben den 12 Polizisten, den Zivilverwalter und den Priester; sonst niemanden.
Es gelang der Kirche Hilfsgüter an tausende Menschen zu verteilen
„Nach dem Beben teilte ich zusammen mit einem Seminaristen die gesamte Pfarrei in Sektoren auf. Die Solidarität, die die Menschen in diesen Sektoren zeigten, war unglaublich. Jugendliche, Bandenmitglieder – alle – unterstützten einander, bildeten Menschenketten und nutzten Schubkarren.“ Es gelang der Kirche und der organisierten Gemeinde, Straßen für Straßen Bestandsaufnahmen durchzuführen und Hilfsgüter an Tausende von Menschen zu verteilen.
„Ich selbst habe mein Zuhause verloren; ich habe diese Geschichte mit den Menschen geteilt – und dabei meine eigene Erfahrung genutzt, um Solidarität und Mitgefühl zu fördern, wenn sie sagten: „Vater, ich habe nichts zu essen, ich habe gar nichts. “ Familien teilten ihre Matratzen und kochten Suppen – direkt dort, inmitten der zerstörten Straßen.
Pater José Ángel aus der Pfarrei Heiligstes Herz Jesu kam am Tag des Bebens aus Caracas nach La Páez. „Ich begriff das ganze Ausmaß erst, als ich La Páez erreichte und die gewaltige Zerstörung sah; ich war wie gelähmt“, erinnert sich Pater José. „Angesichts der Dringlichkeit nutzte ich meinen Pickup, um die Verstorbenen zur Identifizierung in die Leichenhalle zu bringen – eine tragische Erfahrung. Auf dem Weg nach Playa Grande erschütterte mich das Ausmaß der Zerstörung.“
Medizinische Erstversorgung in Räumen der Pfarrei
Er transportierte Menschen von der Plaza Mayor nach El Trébol, damit sie von dort aus nach Caracas gelangen konnten, wo es mehr Hilfe gab. „Angesichts dieser Lage richteten wir mit Hilfe von Rettungskräften Feldlazarette ein und nutzten unsere Ambulanz sowie die Räumlichkeiten der Pfarrei für die medizinische Erstversorgung.
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