Der linke Flügel des heiligen Geistes
Der spanische Befreiungstheologe Pedro Casaldáliga wird 90

Der in Brasilien als „Bischof des Volkes“ bekannte Befreiungstheologe Pedro Casaldaliga
Der in Brasilien als „Bischof des Volkes“ bekannte Befreiungstheologe Pedro Casaldaliga in den 70er Jahren. Foto: R. Todd

Zum letzten Mal sah man Pedro Casaldáliga, den „Bischof des Volkes“, im Jahr 2016 bei einer Wallfahrt in seiner Wahlheimat São Félix do Araguaia, schwer gezeichnet und zur Stille verurteilt. So wird er seinen heutigen Geburtstag gemeinsam mit seinem „Bruder Parkinson“ verbringen, wie er selbst die Krankheit nennt, mit der er seit 15 Jahren ringt.

Seit seiner Ankunft in Brasilien im Jahr 1968 lebt der spanische Claretiner in der abgelegenen Urwaldregion im Teilstaat Mato Grosso, deren erster Bischof er 1971 wurde. Von seinem Bischofssitz aus, seiner kargen Hütte, begann Casáldaliga damals seinen Kampf für die Rechte der Rechtlosen, der in Armut und Unwissenheit lebenden Landarbeiter, die für ihre reichen Herren aus Südbrasilien schuften mussten, die „Sulistas“, die es ihnen mit unverhohlenem Rassismus dankten.

Mutig setzte er sich für die Rechte der Indigenen ein – für die Xavantes, die „starken und mutigen Jäger“, für die Carajá, die „Freundschaft suchenden Fischer“, und für die Tapirapé, „die gastfreundlichen Bauern“. Ihnen war ihr Land von eben jenen „Sulistas“ geraubt worden, die sich selbst nicht die Hände schmutzig machten, sondern über ihren politischen Einfluss ihre Geschäfte steuerten.

Der „Bischof des Volkes“

Den Menschen näherte sich Casaldáliga mit Demut und Schlichtheit, er gab wenig auf Formalitäten und Äußerlichkeiten. In einfachen Jeans und Hemden, an den Füßen meist ein schlichtes Paar Badelatschen, folgte er seinem Lebensmotto: „Nichts besitzen, nichts mit sich tragen, nichts verlangen, nichts verschweigen und, vor allem, nichts töten.“

Mit Worten konnte er gut umgehen, er wusste sie in Gedichtform zu bringen und zu Büchern über Anthropologie und Soziologie zu ordnen. Zu seiner Bischofsweihe lud er auf poetische Weise ein - „Kein Wappen sollst du haben als die Kraft der Hoffnung und die Freiheit der Kinder Gottes. Keinen Handschuh als den Dienst der Liebe.“

In seiner Diözese mitten im Urwald mangelte es an allem, resümierte er einst, „an Gesundheit, Bildung, einer Verwaltung und Gerechtigkeit, und besonders mangelte es dem Volk dort am Bewusstsein über seine eigenen Rechte, und es mangelte ihm am Mut und der Möglichkeit, dies anzuprangern.“ Er legte selbst Hand an, baute Schulen und Krankenstationen. Zu sehr kümmere er sich um das leibliche Wohlbefinden der Menschen, warf man ihm deshalb vor.

Seinen Kritikern entgegnete er in einem Hirtenbrief: „Wir dürfen nicht hinnehmen, dass die Evangelisierung von der Sorge um die Menschen getrennt wird, denn wir glauben an Christus als den wiederauferstandenen Herrn, der alle Menschen und die ganze Welt befreit in ihrer Gesamtheit: Stück für Stück und unter Schmerzen hier auf Erden, aber definitiv und voll Gloria im Himmel.“

Wie schmerzhaft die Befreiung in den Weiten des brasilianischen „Wilden Westen“ tatsächlich war, bekamen Casáldaliga und seine Mitstreiter zu spüren. Großgrundbesitzer ließen die aufbegehrenden Landarbeiter einschüchtern oder gleich von Revolvermännern ermorden. Zwischen 1982 und 1987 zählte die Landpastoral 223 Tote in den Landkonflikten der Region. Casaldáliga selbst tauchte 2012 nach Morddrohungen für einige Monate unter.

Der Tod war stets nah. Im Jahr 1976 marschierte er in eine Polizeistation und forderte die Beamten auf, sofort damit aufzuhören, zwei dort festgehaltene Frauen zu foltern. Knapp entging er den für ihn bestimmten Kugeln. Fünfmal versuchten die herrschenden Militärs während der Diktatur (1964-1985), ihn auszuweisen. Das Einschreiten des Vatikans verhinderte seine Deportation.

Ende der Achtzigerjahre musste er in Rom seine kirchenkritischen Kommentare zur Lage im Bürgerkriegsland Nicaragua erklären. Man sah in ihm einen Vertreter der Befreiungstheologie, die bei Konservativen als marxistisch ideologisiert galt. Das Treffen mit dem damaligen Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Joseph Ratzinger, und Papst Johannes Paul II. wusste er jedoch in harmonische Bahnen zu lenken. Danach kommentierte er: „Der Heilige Geist hat zwei Flügel, aber die Kirche hat stets Freude daran, eher den linken zu stutzen.“

Zusammen mit dem verstorbenen brasilianischen Befreiungstheologen und Erzbischof Dom Helder Câmara ist Casaldáliga einer der großen lateinamerikanischen Hirten, die den Geist des 2. Vatikanischen Konzils und der Bischofskonferenz von Medellín (1968) in Taten umsetzten, sich den Armen und Andersdenkenden öffneten und auch vor den Repressionen der Mächtigen nicht zurückscheuten. Er gehe seinem Tod nun wie ein Märtyrer entgegen, sagte kürzlich einer der vier Augustinerbrüder, die sich um ihn kümmern.

Text: Thomas Milz