Kolumbien: Abwesenheit des Staates fördert Umweltzerstörung

Joaquín Humberto Pinzón Güiza ist Bischof des Vikariats Puerto Leguízamo-Solano, das im Herzen des kolumbianischen Amazonasgebiets liegt. Vorgesehen ist er auch als Bischof für die im Oktober 2019 anstehende Amazonassynode. Im Interview erklärt er, warum der Friedensvertrag in Kolumbien bislang keinen umfassenden Frieden gebracht hat und warum die Abwesenheit des Staates die Umweltzerstörung im Amazonasgebiet fördert. Adveniat setzt sich sowohl für den Friedensprozess in Kolumbien wie auch für den Schutz des Amazonasgebietes ein.

Ein schwimmendes Gold-Monster auf dem Rio Quito, zwei Stockwerke hoch, mit einem riesigen Saugrohr an seiner Hinterseite. Um das Gold vom restlichen Gestein zu lösen, setzen die Arbeiter Chemikalien ein, die die Flüsse verseuchen. Foto: Escher/Adveniat

Bis vor einigen Monaten befanden sich Puerto Leguízamo und die gesamte Region unter der Kontrolle der ehemaligen Guerilla Farc (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia). Hat der Friedensvertrag zu einer Veränderung der Situation geführt?
 
Bischof Joaquín Humberto Pinzón Güiza: Ja, es hat eine Veränderung stattgefunden. Die überwiegende Mehrheit der Farc-Mitglieder hat sich zu den von der Regierung eingerichteten Sammlungsorten begeben. Die Guerilla übt nicht mehr jene soziale Kontrolle aus, die sie über einen Großteil des Gebietes besaß. Allerdings fehlt jetzt eine Antwort von Kolumbiens Regierung. Denn die Menschen hier fragen sich: Wer hat heute eigentlich die Macht? Es herrscht Ungewissheit. Die Leute haben Angst, dass andere Gruppen kommen könnten, die außerhalb des Gesetzes stehen, die in der Nachfolge der Farc die Kontrolle ergreifen. Kurz gefasst: Ja, die Menschen sind einerseits froh über den Wandel, es gibt auf der anderen Seite aber Konfusion, weil die Regierung Antworten schuldig bleibt, wie sich das von den Farc hinterlassene Machtvakuum füllen lässt.

Die Farc geht und neues Unheil droht: Bischof Pinzón beklagt den Raubbau an der Natur im Amazonasgebiet. Foto: privat

Ein weiteres Problem, das sich offenbar verschärft, stellt der Bergbau dar, vor allem die illegale Suche nach Gold.
 
Der illegale Bergbau ist ein ziemlich ernstes Problem, da es keinerlei Kontrolle gibt. Die Goldschürfer kommen einfach und richten sich an Orten ein, wo sie sich vor den Augen der Behörden verstecken können. Bei der Goldsuche werden Methoden angewendet, die der Umwelt schaden. Diese Personen sind nur am Gold interessiert und nicht im Geringsten daran die Umwelt zu schützen.
 
Ist der Rio Putumayo im kolumbianischen Amazonasgebiet durch Quecksilber verseucht?
 
Ja, das sorgt ständig für Probleme. Wenn der Fluss verseucht ist, sind auch die Fische verseucht. Das Quecksilber wird dann von den Menschen aufgenommen, die die Fische essen. Allmählich lagert sich im Körper immer mehr von dem giftigen Schwermetall ab, das er nicht abbauen kann.

Paradiesisch mutet Kolumbiens Natur an. Doch durch die gewaltsamen Konflikte zwischen Guerilla-Organisationen und Staat ...
... sowie die Abwesenheit des Staates in den (ehemals) besetzen Gebieten ...
... gerät das Land durch Gewalt und Umweltverschmutzung immer tiefer in die Krise.


In den Nachbarländern Ecuador und Peru zerstören Erdölunternehmen das Amazonasgebiet und verschmutzen die Flüsse. Wie sieht es diesbezüglich in Kolumbien aus?

Es finden Untersuchungen statt, um herauszufinden, ob sich Öl fördern lässt. Zwar gibt es auch Gespräche mit den betroffenen Gemeinden, doch sind die Menschen auf die Situation nicht ausreichend vorbereitet. Also lassen sie sich manchmal für wenig Geld kaufen. Die Leute sind sich einfach nicht bewusst, welche Auswirkungen die Erdöl-Aktivitäten haben können. 

Ihr Vicariat hat im November 2017 grenzübergreifend eine sogenannte „Minga“ veranstaltet. Was hat es damit auf sich?

Bei „Minga“ handelt es sich um ein Wort aus der Quechua-Sprache. Es bedeutet, dass man jemandem etwas anbietet im Tausch gegen eine andere Sache. In der Praxis kann man sich darunter eine Art Gemeinschaftsarbeit vorstellen, die allen Beteiligten nutzt, und zu der alle etwas beitragen. Wir wollten einen Raum zum gemeinsamen Nachdenken schaffen. Eingeladen waren auch ein Bischof aus Peru und ein anderer kolumbianischer Bischof. Ob Vertreter der Kirche, Politiker oder Umweltschützer - alle einte uns die Sorge um das Leben im Amazonasgebiet und die Frage, wie wir als verantwortungsbewusste Bewohner nach Wegen einer nachhaltigen Entwicklung suchen können.

Im November 2019 wird eine Synode für das Amazonasgebiet stattfinden. War die Minga eine Art Vorgriff hierauf?
 
Ja, das könnte man so sagen, aber es hört sich vielleicht etwas hochmütig an. Wir haben geträumt. Im Prinzip hat Papst Franziskus uns mit seiner Enzyklika Laudato si' herausgefordert. Sie war ein Geschenk für die Menschheit. Wir im Amazonasgebiet Lebenden haben uns sehr in Einklang mit der Enzyklika gefühlt. Und nicht nur mit ihr, sondern mit der Sensibilität dieses Papstes für die Umwelt generell. 

Für gute Lebensbedingungen für die indigenen Völker im Amazonas.

Wie wichtig ist Bildung für den Schutz des Amazonasgebietes?
 
Wir brauchen ein Bildungssystem, das uns hierbei hilft. Bis jetzt sind wir nicht nur an den Konsum gewohnt, sondern an grenzenlosen Konsum. Wir brauchen eine neue Bildung, die auf einer anderen Mentalität aufbaut, die uns zu verantwortungsbewussten Menschen macht hinsichtlich der Nutzung der Ressourcen.

Interview: Paolo Moiola, Quelle: http://www.comunicacionesaliadas.com/, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel

 

 

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