Kolumbiens Kirche als Friedensstifterin

Zum zweiten Mal nach 2019 versuchen Vereinte Nationen und Kirche gemeinsam in Südamerika eine innenpolitische Krise zu befrieden. Dieses Mal in Kolumbien. Gelingt dies erneut, könnte es Modellcharakter auf dem Kontinent haben.
 

Erzbischof Darío de Jesús Monsalve Mejía aus Cali, Kolumbien. Foto: Tobias Käufer


Ohne Erzbischof von Cali gibt es keinen sozialen Frieden

Für Kolumbiens Ex-Präsidenten Cesar Gaviria (1990 - 1994) steht fest: Ohne Calis engagiertem Erzbischof Darío de Jesus Monsalve Mejia gibt es in der Millionenstadt keinen sozialen Frieden. Keine andere Persönlichkeit stehe in Cali so für die Suche nach Versöhnung wie Monsenor Monsalve, sagte Gaviria der Tageszeitung "El Tiempo".

Was im Umfeld des von sozialen Protesten und Unruhen geprägten Epizentrums Cali gilt, gilt für die Kirche auch bei der Suche nach einer Lösung im ganzen Land. Seit die Regierung und die Vertreter des Streikkomitees miteinander reden, sind Kirche und Vereinte Nationen stets mit dabei. Während der Gespräche bat der Vertreter der Kolumbianischen Bischofskonferenz, Hector Fabio Henao, um eine Gedenkminute für die Opfer der Proteste und setzte damit ein erstes Zeichen.
 


Kombination Kirche und UN ist vielversprechend

Von den Gesprächen hängt viel ab. Bereits vor zwei Jahren schaffte die Kombination Kirche und UN die innenpolitische Krise in Ecuador mit gewalttätigen Demonstrationen und getöteten Protestierenden zu befrieden. Sollte dies auch in Kolumbien gelingen, könnte dieser Mechanismus Modellcharakter für ähnliche Krisen haben. Zentrale Aufgabe der Vereinten Nationen war dabei die eines unparteiischen Moderators, die der Kirche die eines aufmerksamen Beobachters. Das machte es in Ecuador den beteiligten Konfliktparteien anschließend schwer, eine andere Version von dem zu erzählen, was tatsächlich besprochen wurde.

In Kolumbien befinden sich die Gespräche noch im Anfangsstadium, hier müssen die abschließenden Rollen noch gefunden werden. Zunächst einmal geht es darum, die angespannte Situation zu befrieden. Die strukturellen Probleme werden ohnehin zum zentralen Thema des kommenden Wahlkampfs 2022.
 

Die aktuelle Situation in Kolumbien

Regelrechte Kriegsszenen haben sich in den vergangenen Tagen in kolumbianischen Städten wie Cali, Bogotá oder Pasto abgespielt. „Die Toten und Verletzten in den Straßen Kolumbiens sind das Ergebnis der krachend gescheiterten Politik von Präsident Iván Duque.“ Davon ist die Kolumbien-Referentin des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Monika Lauer Perez überzeugt.

„Anstatt den Versöhnungs- und Friedensprozess seines Vorgängers und Friedensnobelpreisträgers Manuel Santos fortzusetzen, hat er die ohnehin schon polarisierte Gesellschaft weiter systematisch gespalten“, kritisiert Lauer Perez. Auslöser für die Proteste war eine inzwischen zurückgenommene Steuerreform. Die Gründe liegen jedoch tiefer. Das Land ist seit mehr als 50 Jahren von Gewalt und Krieg zerrissen zwischen verschiedenen Guerillas auf der einen und der Regierung sowie paramilitärischen Banden auf der anderen Seite.


Stimmung im Land ist zerrissen

Die Stimmung im Land ist nach fast drei Wochen Protesten zerrissen. Die Kritik am rechtsgerichteten Präsidenten Ivan Duque, der für die brutale Polizeigewalt verantwortlich gemacht wird, ist zwar nicht verstummt. Aber allmählich verlieren mehr und mehr Kolumbianer die Geduld. Die Straßenblockaden der Streikenden schneiden die Menschen in den großen Städten von der Lebensmittelversorgung ab, Kleinbauern wird es immer schwerer bis unmöglich gemacht, ihre Ware zu verkaufen. Dazu kommen die Behinderungen der medizinischen Grundversorgung, und das noch in der Pandemie.

Schon werden erste Gegenproteste "Anti-Paro", also gegen den Streik, angekündigt. Für Duque ist das plötzlich eine Chance, sich als Mann der Ordnung zu reetablieren, nun wächst der Druck auf die Streikenden.
 

Für Frieden und Menschenrechte in Lateinamerika.


Bischofskonferenz ruft zu ernsthaftem Dialog auf

In dieser Gemengelage ruft die kolumbianische Bischofskonferenz alle Seiten dazu auf, sich gegenseitig zuzuhören und dem Dialogprozess Vertrauen zu schenken. Die Bischofskonferenz ermuntere alle Beteiligten, den Willen zu Verhandlungen während des gesamten Prozesses aufrecht zu erhalten. Die gezeigte Verhandlungsbereitschaft sei ein positives Signal an die kolumbianische Gesellschaft. Sie müssten aber auch die Erwartungshaltung und die Hoffnungen der Bürger erfüllen.

Text: KNA / Tobias Käufer
 

Das fordert Adveniat

Für Monika Lauer Perez vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat steht fest: Kolumbien braucht internationale Hilfe, um die massive Spaltung der Gesellschaft zu überwinden und die Wunden aus mehr als 50 Jahren Krieg und Gewalt aufzuarbeiten.

Die „Deutsche Menschenrechts-Koordination Kolumbien“, dem das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat angehört, hat die Mitglieder des deutschen Bundestags mit einem Briefentwurf aufgefordert, sich persönlich an den kolumbianischen Präsidenten, Iván Duque zu wenden, um die Einhaltung der Menschenrechtsstandards und die Aufklärung der Polizeigewalt einzufordern.