Adveniat-Projekpartner: "Eine Welt ohne Grenzen"

Omar Noori uns dem Irak, Osama Al Abboud aus Syrien, Michael Niehaus, Teamleiter der Caritas-Flüchtlingshilfe, die syrische Familie: Anas Doughani, Samar Akil und Joudi Doughani, Manuel Morán aus El Salvador und Thomas Jung vom Lateinamerika-Hilfswerk A
Omar Noori uns dem Irak, Osama Al Abboud aus Syrien, Michael Niehaus, Teamleiter der Caritas-Flüchtlingshilfe, die syrische Familie: Anas Doughani, Samar Akil und Joudi Doughani, Manuel Morán aus El Salvador und Thomas Jung vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat (von links). Foto: Carolin Kronenburg/Adveniat
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Die Tische sind reich gedeckt mit Biryani, einem arabischen Reisgericht mit Hähnchenbrust, Kartoffeln, Nüssen und Mais, Taboulé-Salat aus Petersilie und frischer Minze und honigfarbenem Kuchen. Der Duft von Zimt und Kaffee liegt in der Luft. Das hat Manuel Morán aus El Salvador bei seinem Besuch der Caritas-Flüchtlingshilfe in Gelsenkirchen-Bismarck am 26. Mai nicht erwartet. Jede Flüchtlingsfamilie hat dem Projektpartner des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat den Geschmack aus der Heimat mitgebracht – und mit ihm die Erinnerungen an Syrien und den Irak.

Zwei von sechs Millionen Salvadorianern leben in den USA

Das Thema Migration gehört auch für den Caritas-Direktor der Diözese Santa Ana im Westen El Salvadors zum Arbeitsalltag: Zwei von sechs Millionen Salvadorianer leben – oft illegal – in den USA. Da die deutsche Flüchtlingsarbeit in El Salvador eher negative Schlagzeilen macht, möchte sich Morán selbst einen Einblick verschaffen. Zudem bestehe ein himmelweiter Unterschied zwischen den Nachrichten im Fernsehen und den persönlichen Berichten über Krieg, Flucht und Integration in Deutschland, ist sich der 49-Jährige gewiss.

„Wir mussten hier in sehr kurzer Zeit sehr viele Flüchtlinge unterbringen“, sagt Michael Niehaus, Teamleiter der Caritas-Flüchtlingshilfe in Gelsenkirchen. 6.500 aus Kriegsgebieten und noch einmal so viele aus Europa seien in den letzten beiden Jahren nach Gelsenkirchen gekommen. Unter dem Motto „Flüchtlingshilfe im Quartier“ habe die Caritas daraufhin die Menschen willkommen geheißen. „Eine fremde Stadt, ein unbekanntes Land, eine  andere Kultur – viel Neues stürzt auf einen ein, wenn man seine Heimat verlässt und in ein neues Land kommt“, sagt Niehaus. „Die Menschen stehen oft nicht nur vor sprachlichen Hürden, sondern auch vor Regeln, die sie nicht immer kennen.“ Die Begleitung bei Behördengängen, der Wohnungs- und Arbeitssuche sowie Sprach- und kulturelle Kurse stehen deshalb auf dem Programm. „Der Schlüssel der Integration ist die Begegnung“, betont Niehaus, und deshalb überlasse er auch lieber den Flüchtlingen das Wort.

„Ich war Lehrerin in Aleppo“, sagt Samar Akil, ihr Mann hatte einen florierenden Jeans-Handel in der Altstadt. Dann kam der Krieg und sie floh mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrem Sohn in die Türkei. Von dort aus wagten sie die lebensgefährliche Bootsfahrt nach Griechenland. – „Schrecklich, das Boot war total überfüllt.“ Nach griechischem Boden unter den Füßen ging es über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich weiter nach Deutschland. „Endlich in Sicherheit.“ Aus Samar Akils Mund klingt der einfache Satz wie ein unbezahlbarer Schatz. Nach eineinhalb Jahren in München, Kassel, Schwerin, Rügen und jetzt in Gelsenkirchen spricht sie bereits fast akzentfrei Deutsch. „Zuerst ist es hart gewesen: andere Sprache, andere Kultur, anderes Klima.“ Aber mittlerweile sei sie sicher, dass ihre Familie richtig in Deutschland ankommen könne. „Syrien ist unser Heimatland, natürlich wollen wir wieder zurück“, sagt die gläubige Muslima. „Aber solange wir nicht zurück können, müssen wir uns integrieren.“ Fremdenhass hat sie noch nicht erlebt in Deutschland. Alle Menschen haben uns hier geholfen und dafür bin ich sehr, sehr dankbar“, sagt Samar Akil. „Wir möchten in Deutschland in Frieden leben und Arbeit finden.“

Ein Wunsch, den Morán sehr gut nachvollziehen kann: Jeden Tag begeben sich 300 seiner Landsleute auf der Suche nach einem friedlichen Leben und Arbeit auf den Weg in die Vereinigten Staaten. Täglich werden Hunderte von dort wieder zurück nach Mittelamerika geschickt. „Viele von ihnen haben zehn, zwanzig Jahre in den USA gelebt und durch ihr Einkommen die ganze Familie in der Heimat ernährt“, sagt Morán. Sie kehrten als Verlierer und als Fremde zurück ins eigene Land und müssten wieder integriert werden.

Mehr als 100 Morde auf 100.000 Einwohner

Morán holt mit seinen vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützen Projekten Jugendliche aus den Jugendbanden heraus, den sogenannten Maras. Mit Ausbildungsplätzen in Handwerksprojekten, Arbeitsstellen in alternativen Landwirtschaftsbetrieben und einer Studien-Förderung für insgesamt 300 junge Salvadorianer eröffnet er Zukunftsperspektiven, damit die jungen Menschen in der Heimat bleiben können. El Salvador gehört mit mehr als 100 Morden auf 100.000 Einwohner in seinen Städten außerhalb von Kriegsgebieten zu den gefährlichsten Gegenden der Welt.

„Ich fühle mich mit ihnen sehr verbunden“, sagt Morán zu Samar Akil und den anderen Flüchtlingen. Wenn er die Bilder aus Aleppo sehe, habe er das Gefühl, dass seine Schwestern und Brüder auf der Flucht seien. „Ich bewundere, wie sie es innerhalb so kurzer Zeit geschafft haben, sich in Deutschland zurechtzufinden und jetzt sogar selbst in der Flüchtlingshilfe mitzuarbeiten“, sagt er zu Samar Akil. „Ich habe den Eindruck, dass hier eine neue Gesellschaft entsteht. Vielleicht können wir zusammen eine Welt ohne Grenzen schaffen.“

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