Flüchtlingskrise in Südamerika – Brasilien zwischen Unmut und Willkommenskultur

Auch in São Paulo landen unzählige Migranten, die vor dem Elend in ihrer Heimat fliehen. Foto: Adveniat/Bastian Henning

Manaus/Essen.

Klemens Paffhausen, Brasilien-Referent beim Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat, berichtet von einem „hasserfüllten Klima“ an der venezolanisch-brasilianischen Grenze: „In der ohnehin armen Region haben sich die Konflikte verschärft, da die Venezolaner gar nichts haben – weder Nahrung noch ärztliche Betreuung.“ Es bahne sich eine humane Katastrophe an und man sehe, „dass die Venezolaner um ihr Leben fürchten müssen“, so der Adveniat-Experte.

Wütende Anwohner der brasilianischen Grenzstadt Pacaraima hatten am vergangenen Wochenende venezolanische Flüchtlinge angegriffen, aus ihrer Unterkunft verscheucht und die Zelte sowie das spärliche Eigentum von insgesamt 2000 Einwanderern zerstört. Schon im März war es zu einem ähnlichen Angriff im südlicheren Mucajaí gekommen. Auslöser für die Tumulte in Pacaraima war der vermeintliche Raubüberfall auf einen brasilianischen Händler durch einen Venezolaner.

Schicksale wie man sie auch von den Flüchtlingsströmen nach Europa kennt. Die Migranten lassen angesichts der Existenzangst ihre Familie in der Heimat zurück, in der Hoffnung, sie eines Tages zu sich holen zu können. Inmitten der Ausschreitungen haben nun viele von ihnen die wenigen Dinge verloren, die sie noch besaßen, darunter Kleidung, Mobiltelefone und zum Teil auch hoffnungsspendende Kontaktadressen für einen Neuanfang in der Fremde.

Kirche steht für Willkommenskultur

In einer Stellungnahme spricht die brasilianische Bischofskonferenz Flüchtlingen und Helfern ihre Solidarität aus: „Die extreme Gewalt gegenüber den venezolanischen Migranten, die vor dem Hunger fliehen, verletzt zutiefst die Menschenwürde und beschämt und alle.“ Nun sei jeder Brasilianer gefragt, sich in Empathie und Mitleid zu üben und zu beweisen, dass er Teil einer zivilisierten Nation sei. Von der Regierung fordert die Bischofskonferenz, ihrer Verantwortung nachzukommen und Maßnahmen zur Organisation des Flüchtlingsstromes zu ergreifen. Außerdem müsse die brasilianische Gesellschaft für die Probleme der Einwanderer sensibilisiert werden. Mit Hilfe von eigenen Kampagnen wollen die Bischöfe zur Unterstützung aufrufen, Spenden sammeln und ein Bewusstsein der Solidarität schaffen.

„Die Kirche vertritt eine Willkommenskultur und setzt sich für eine Betreuung der Flüchtlinge ein. Die Infrastruktur in Paracaima reicht dafür aber nicht aus“, stellt Klemens Paffhausen von Adveniat fest. Roraima ist der am wenigsten bevölkerte Bundestaat Brasiliens und zugleich jener mit den meisten venezolanischen Einwanderern. Somit geraten die Sozialsysteme zunehmend unter Druck.

Bund vs. Staat

Roraimas Governeurin Suely Campos verlangt von der brasilianischen Bundesregierung Sondergelder, um mit der Einwanderungswelle fertig zu werden. Raul Jungmann, Brasiliens Minister für öffentliche Sicherheit, stellte hingegen kürzlich klar, dass der Staat zunächst sein aktuelles Budget ausschöpfen müsse, bevor neue Gelder fließen können. Wie brasilianische Medien berichten, sei die Beziehung zwischen Bund und Staat aufgrund von politischen Differenzen ohnehin nicht die beste. Immerhin hat Brasília nun 36 Freiwillige aus dem Gesundheitswesen sowie Soldaten entsendet: So warten derzeit 60 Männer der nationalen Streitkräfte in Pacaraima auf ihr Kommando, um in der Stadt zu patrouillieren und für Sicherheit zu sorgen.

Krise in Venezuela hält an

Aufgrund jahrzehntelanger Misswirtschaft befindet sich Venezuela in einer gravierenden Wirtschaftskrise. Es fehlt an Nahrungsmitteln und Medikamenten, sodass bereits 2,3 Millionen Venezolaner ins Ausland geflohen sind, etwa 130.000 in Richtung Brasilien. Am 17. und 18. September versammeln sich Vertreter 14 lateinamerikanischer Staaten in Ecuador zu einem Krisentreffen, um über Maßnahmen hinsichtlich der massiven Migration aus Venezuela zu beraten. 

Text: Titus Lambertz

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