Adveniat entsetzt über Beteiligung des früheren Geschäftsführers Emil Stehle an Vertuschung

Essen.

Entsetzt und beschämt reagiert das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat auf die am 14.September 2021 durch die Hildesheimer Missbrauchsstudie bekanntgewordene Beteiligung des ehemaligen Adveniat-Geschäftsführers Emil Stehle (*1926, +2017) an der Vereitelung der Strafverfolgung des Priesters B., der vor der deutschen Polizei nach Paraguay geflohen war.

Übergabe der Studie zu sexualisierter Gewalt im Bistum Hildesheim durch die Obfrau der Expertinnen- und Expertengruppe, Antje Niewisch-Lennartz, an Bischof Heiner Willmer.

Übergabe der Studie zu sexualisierter Gewalt im Bistum Hildesheim durch die Obfrau der Expertinnen- und Expertengruppe, Antje Niewisch-Lennartz, an Bischof Heiner Willmer. Foto: Bischöfliche Pressetelle Hildesheim

Entsetzt und beschämt reagiert das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat auf die am 14.September 2021 durch die Hildesheimer Missbrauchsstudie bekanntgewordene Beteiligung des ehemaligen Adveniat-Geschäftsführers Emil Stehle (*1926, +2017) an der Vereitelung der Strafverfolgung des Priesters B., der vor der deutschen Polizei nach Paraguay geflohen war. Gegen B. hatte die Staatsanwaltschaft Braunschweig 1963 wegen des Verdachts des wiederholten sexuellen Missbrauchs an schutzbefohlenen Minderjährigen Haftbefehl erlassen. Die Beteiligung Stehles an der Vertuschung und Identitätsfälschung trug dazu bei, dass der Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Das Haus Adveniat – seine Leitung und seine Mitarbeitenden – denken hier zuerst an das Leid der Opfer, das durch die Beteiligung Stehles an der Strafvereitelung vergrößert wurde. Wir bedauern dies zutiefst.

Stehle war vom Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen in einem vertraulichen Brief im April 1976 aufgefordert worden, den Namen des Priesters aus den Listen deutscher Geistlicher, die in Lateinamerika ihren Dienst versehen, „absolut verschwinden zu lassen“. Dieser Aufforderung zur Vereitelung der Strafverfolgung des gesuchten Priesters kam Stehle umgehend nach und sorgte selbst dafür, dass B. weiterhin die von der Deutschen Bischofskonferenz im April 1975 beschlossene Zuwendung in Höhe von 200 Mark monatlich für alle deutschen Priester, die in Übersee-Diözesen inkardiniert waren, über das Konto eines weiteren deutschen Priesters in Paraguay erhalten konnte. Damit machte sich Stehle der Vereitelung der Strafverfolgung strafbar und wurde dadurch zum Helfer und Mittäter in einem Fall sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen.

Wir verurteilen diese Mittäterschaft und Beteiligung Stehles an einem System der Vertuschung. Dass sowohl von Bischof Janssen als auch vom damaligen Hildesheimer Personalreferenten für Geistliche, Domvikar Georg Aschemann, dieses Verhalten in persönlichen Schreiben an Stehle eingefordert wurde, rechtfertigt sein Tun in keiner Weise. Stehle machte sich zum Mitwisser und Helfer, wurde aber darüber hinaus durch von ihm veranlasste weitergehende Verschleierungsmaßnahmen zum aktiven Unterstützer eines Täters, der sich dem Zugriff der deutschen Justiz entzogen hatte.

Emil Stehle war im Oktober 1972 von der Deutschen Bischofskonferenz mit der Leitung der neu errichteten Koordinierungsstelle für Fidei Donum-Priester in Lateinamerika beauftragt worden. Als Fidei Donum-Priester werden Priester bezeichnet, die von ihrer Heimatdiözese für eine befristete Zeit für Missionsdienste in Diözesen der Weltkirche entsandt werden (Fidei Donum A). Die Koordinierungsstelle wurde bei der Bischöflichen Aktion Adveniat eingerichtet. Sie übernahm ab 1976 auf der Grundlage eines Beschlusses des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz auch die Sorge für deutsche, in Übersee-Diözesen der Weltkirche inkardinierte Priester (Fidei Donum B).

Der in der Hildesheimer Missbrauchsstudie benannte Fall des Priesters B. und die Vorwürfe gegen den früheren Geschäftsführer Emil Stehle waren den heute Verantwortlichen bei Adveniat bisher nicht bekannt. Adveniat hat daher unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe durch die Veröffentlichung des Hildesheimer Gutachtens die in der Altaktenregistratur befindlichen Akten zur Koordinierungsstelle Fidei Donum mit Blick auf die Vorwürfe geprüft. Die Koordinierungsstelle Fidei Donum wird dem Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich, Bischof Dr. Stephan Ackermann umfassende Einsicht in die Akten geben. Im Falle eventueller weiterer Ermittlungen wird die Koordinierungsstelle uneingeschränkt mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten und die Akten übergeben.

Die Akten über das Wirken von Emil Stehle bei Adveniat sind bereits für die historische Forschung freigegeben und können im Diözesanarchiv des Bistums Essen eingesehen werden. Adveniat wird zudem die Bischofskonferenz von Paraguay sowie die Diözese Encarnación über die jetzt erlangten Erkenntnisse informieren. Es soll geklärt werden, ob es weitere Missbrauchsopfer in Paraguay gibt.

Adveniat weist darauf hin, dass für die Zahlungen an den Priester B. nach bisherigem Kenntnisstand keine Spendengelder verwendet wurden. Da die regelmäßigen Zahlungen für den Lebensunterhalt von Fidei Donum-Priestern im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz geleistet wurden, konnte Adveniat hier auf Mittel des Verbands der Diözesen Deutschlands (VDD) zurückgreifen, die das Werk jährlich für bestimmte Aufgaben und Projekte (so auch für die Koordinierungsstelle Fidei Donum) erhält.

Emil Stehle

Der 1926 in Mülhausen geborene Emil Stehle nahm als Frontsoldat am Zweiten Weltkrieg teil, geriet in Kriegsgefangenschaft und war dann Seminarist im „Stacheldrahtseminar“ bei Chartres, das von Abbé Franz Stock geleitet wurde. 1951 wurde er in Freiburg zum Priester geweiht und übernahm zunächst Tätigkeiten im Erzbistum Freiburg, ehe er 1957 als Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde nach Bogotá, Kolumbien ging.

1969 wurde er zunächst Berater, dann 1972 stellvertretender Geschäftsführer der Bischöflichen Aktion Adveniat. 1977 wurde er von den deutschen Bischöfen zum Geschäftsführer berufen. 1983 wurde er Weihbischof im Erzbistum Quito, Ecuador, blieb aber zugleich Adveniat-Geschäftsführer bis 1988. Von 1988 bis 2002 war Stehle Berater der Bischöflichen Kommission Adveniat.

Neben seiner Aufgabe als Adveniat-Geschäftsführer beriefen die deutschen Bischöfe Emil Stehle 1972 zum ersten Leiter der Koordinierungsstelle Fidei Donum für die in Lateinamerika tätigen deutschen Weltpriester. Dieses Amt bekleidete Stehle bis 1984.

1987 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum ersten Bischof der neu gegründeten Diözese Santa Domingo de los Colorados in Ecuador. 2002 nahm der Papst seinen altersbedingten Rücktritt an. Stehle verbrachte seinen Lebensabend, seit 2006 durch einen Schlaganfall schwer behindert, in Konstanz. Er starb 2017.

Adveniat, das Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland, steht für kirchliches Engagement an den Rändern der Gesellschaft und an der Seite der Armen. Dazu arbeitet Adveniat entschieden in Kirche und Gesellschaft in Deutschland. Getragen wird das Werk von hunderttausenden Spenderinnen und Spendern – vor allem auch in der alljährlichen Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember. Adveniat finanziert sich zu 95 Prozent aus Spenden. Die Hilfe wirkt: Im vergangenen Jahr konnten mehr als 2.000 Projekte mit rund 35 Millionen Euro gefördert werden, die genau dort ansetzen, wo die Hilfe am meisten benötigt wird: an der Basis, direkt bei den Armen.

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