Suanny Martins und Regina Leão
Keine Chance gehabt. Und sie genutzt.

Suanny Martins hat die Gewalt und Hoffnungslosigkeit einer der brutalsten Favelas von Rio hinter sich gelassen – mit Hilfe der Pastoral für gefährdete Jugendliche.

Vier Frauen sitzen lächelnd und lachend an einem Basteltisch und malen und arbeiten gemeinsam an Kunstprojekten in einem farbenfroh dekorierten Raum mit Kunstzubehör und bunten Materialien um sie herum.

Suanny Martins erinnert sich bei einem Besuch in der Escola Saúde ABRCC (Partner der Pastoral do Menor), an ihre eigene Zeit als Jugendliche in dem Projekt. Fotos: Florian Kopp

„Ich kenne Jugendliche hier, die meinen, dass das Leben als Drogendealer besser ist.“ Die 27-jährige Suanny Martins ist da anderer Meinung. Dabei war ihr Start ins Leben nicht gerade einfach. Ihr Vater wurde noch vor ihrer Geburt im Drogenkrieg getötet. „Ich hätte meinen Vater schon gerne kennengelernt“, sagt sie heute.

Die Konstante an ihrer Seite war neben der Mutter die Pastoral do Menor. Regina Leão arbeitet seit 28 Jahren für die Pastoral für gefährdete Minderjährige des Erzbistums Rio de Janeiro, die vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt wird. Sie beklagt: „Wir erleben hier einen Massenmord an unserer Jugend.“ 78 Prozent der jährlich 60.000 Gewaltopfer sind schwarze Jugendliche und junge Erwachsene.

In der Favela Acari, bis heute Suannys Heimat, betreibt die Pastoral do Menor einen kirchlichen Kindergarten, in dem sie und ihre Geschwister aufgewachsen sind. “Es war gut, dass wir hier aufgehoben waren. So liefen wir nicht Gefahr, da draußen auf Abwege zu geraten“, sagt Suanny. Ihre Freundinnen wurden früh schwanger, Freunde starben im Drogenkrieg. Sie wollte jedoch einmal studieren.

So einfach lassen sich Träume aber nicht verwirklichen. „Denn wir sind schwarz und leben in einer Favela.“ Doch Suanny kämpfte sich durch, und nach dem Job im Supermarkt fand die Jugendpastoral schließlich einen Job für sie beim Kinderschutzbund CEDECA. Gleichzeitig arbeitet sie an ihrem Universitätsabschluss als Sozialarbeiterin.

Eine Frau sitzt mit drei kleinen Kindern an einem Tisch und spielt mit bunten Holzbausteinen. Die Kinder sind konzentriert bei der Sache, und auf dem Tisch ist eine Spielzeugkiste zu sehen. Die Umgebung scheint ein Klassenzimmer zu sein.

Suanny Martins im Projekt Escolinha do Amor (Stadtteil Acari), an dem sie als Kind teilnahm.

Eine Gruppe von Kindern und Erwachsenen sprüht mit Sprühfarbe bunte Graffiti auf eine Wand im Freien, umgeben von Bäumen und Gebäuden, und lächelt und genießt die gemeinsame Aktivität.

Regina Leão, Koordinatorin der Pastoral für gefährdete Jugendliche, mit Kindern im Centro Socioeducativo in der Favela Campinho.

Zwei Personen führen Capoeira auf einer roten Matte vor, umgeben von einem Publikum, das aufmerksam zusieht. Die Szene spielt sich nachts in einem Zelt ab, im Hintergrund sind lebhafte Mienen und Musikinstrumente zu sehen.

Jugendliche beim Straßenkinderbus in Rio.

Ihr Lebensweg erinnert an den der schwarzen Menschenrechtsaktivistin Marielle Franco, die Mitte März in Rio ermordet wurde. Sie hatte die Polizei öffentlich für Morde an Jugendliche in Acari, Suannys Favela, verantwortlich gemacht. „Sie war ein Vorbild und wird es bleiben, ein Vorbild für den Kampf um unsere Rechte,“ sagt Suanny.

Die allgegenwärtige Gewalt hat Suanny nicht verängstigt. Sie hat auch nicht ihren Optimismus verloren. Stattdessen will sie etwas verändern. „Ich plane mein Studium und möchte einmal ein eigenes Haus haben. Und ich will weiter für den Kinderschutzbund arbeiten, mit dessen Anliegen ich mich sehr stark identifiziere.“ Sie will etwas von ihrem eigenen Glück an andere weitergeben.

Text: Thomas Milz