Warum Lateinamerika nach rechts rückt
Mit Peru und Kolumbien sind zwei weitere lateinamerikanische Länder politisch nach rechts gerückt. Was bedeutet das für die Menschenrechte und die Ärmsten auf dem katholischen Kontinent? Ein Beitrag von Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Martin Maier SJ.

Pater Martin Maier SJ, Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat. Foto: Adveniat/Mareille Landau
Die Präsidentschaftswahlen in Kolumbien, die am 21. Juni 2026 der Rechtspopulist Abelardo de la Espriella mit knapper Mehrheit gewonnen hat, bestätigen einen lateinamerikaweiten Rechtsruck. Angefangen mit Javier Milei in Argentinien über Daniel Noboa in Ecuador, José Antonio Kast in Chile, Nasry Asfura in Honduras, Nayib Bukele in El Salvador bis hin zu Keiko Fujimori in Peru haben in den vergangenen Jahren Politiker aus dem ultrarechten Spektrum eine meist knappe Mehrheit erhalten. Damit spiegeln die Wahlen die Polarisierung zwischen extremer Linker und extremer Rechter unter Verlust der politischen Mitte wider.
Der Hauptgrund für diesen Rechtsruck ist die Frage der Sicherheit: Die meisten Länder Lateinamerikas leiden unter unkontrollierter Gewalt und organisierter Kriminalität. Der Subkontinent umfasst 8 Prozent der Weltbevölkerung, doch er verzeichnet 30 Prozent der Morde weltweit.
Drogenbarone erobern den Kontinent
Eng verbunden mit der Gewalt ist das Drogenproblem. In den letzten zehn Jahren hat sich die Menge des in Lateinamerika produzierten Kokains verdreifacht. Die Hauptproduktionsländer sind Kolumbien, Peru und Bolivien. Zur neuen Drehscheibe des Drogenexports ist Ecuador geworden – mit der Folge, dass das vor einigen Jahren noch relativ friedliche Land heute die höchste Mordrate Lateinamerikas verzeichnet. Auch in Lateinamerika selbst hat der Drogenkonsum zugenommen. Andere Aktivitäten der organisierten Kriminalität betreffen die illegale Ausbeutung von Bodenschätzen, die Rodung des Regenwaldes sowie Menschen- und Organhandel.
Politiker aus dem rechten Spektrum versprechen, das Gewaltproblem mit harter Hand zu lösen. Als Vorbild gilt der Präsident El Salvadors, Nayib Bukele, der über 90.000 Menschen ins Gefängnis gesteckt und damit das Problem der Jugendbanden oberflächlich beruhigt hat. Doch er regiert schon im fünften Jahr im Ausnahmezustand und hat für relative Sicherheit auf Kosten von Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten gesorgt. Politische Gegner und Verteidiger der Menschenrechte wie die Anwältin Ruth López landen im Gefängnis. Der salvadorianische Kardinal Gregorio Rosa Chávez fasst die Situation so zusammen: „Sicherheit ohne Hoffnung“.
Wie erklärt sich der Erfolg der Populisten?
Der Erfolg der Populisten ist auch eine Reaktion auf Korruption und Klientelismus unter dem politischen Establishment. Wirtschaftspolitisch orientieren sie sich an dem selbsterklärten Anarcho-Kapitalisten Javier Milei, der mit dem Symbol der Kettensäge die staatlichen Ausgaben und Sozialprogramme radikal beschnitten hat. Häufig verfolgen sie eine kulturkämpferische Agenda in der Verteidigung eines traditionellen Familienbildes und in der Ablehnung von Abtreibung und Gender-Ideologie. Dies bringt sie in die Nähe von konservativen Gruppen in der katholischen Kirche und evangelikalen Pfingstkirchen.
Großen Einfluss auf die Wahlen übt die neue Lateinamerikapolitik der Trump-Administration aus. In der im Dezember 2025 veröffentlichten Strategie für nationale Sicherheit der USA wird die Monroe-Doktrin bekräftigt und verschärft, die die Kontrolle der USA über den lateinamerikanischen Subkontinent beansprucht. Neuerdings ist unter Anspielung auf Trumps Vornamen von einer „Donroe-Doktrin“ die Rede. Dazu dient auch die im März 2026 gegründete Allianz „Schild der Amerikas“, zu der Trump 12 Länder Lateinamerikas und der Karibik mit ihm genehmen Regierungen eingeladen hat. Neben der Bekämpfung des Drogenhandels geht es um ein Zurückdrängen des wachsenden Einflusses von China.
Wird der „US-Hinterhof“ auf Linie gebracht?
Dabei hat Trump keine Hemmungen, direkt in Wahlkämpfe einzugreifen. Die Zwischenwahlen in Argentinien im Herbst 2025 beeinflusste er mit der Zusage eines Hilfspakets in Höhe von 20 Milliarden Dollar für den Fall eines Wahlsiegs der Partei von Milei. Ähnlich intervenierte er mit der Drohung von finanziellen Sanktionen in die Wahlen von Honduras. Auch in Kolumbien nahm er offen Partei für Abelardo de la Espriella.
Die europäischen Staaten und insbesondere Deutschland sollten ihre Lateinamerikapolitik auf die Einhaltung von demokratischen und rechtsstaatlichen Regeln ausrichten. Dabei sollten sie sich nicht als Lehrmeister aufspielen, sondern die politischen und sozialen Gruppen stärken, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen. Die jüngere Geschichte Lateinamerikas zeigt eine Pendelbewegung zwischen Links und Rechts. Veränderungen müssen aus dem Inneren der Länder kommen und brauchen ihre Zeit.
Text: Pater Martin Maier SJ, Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat

