Guatemala: Hungertod durch den Lockdown

Die Zahl der Krankenhausbetten pro Kopf ist in Deutschland sechzehn mal so hoch wie in Guatemala, dem Land mit den wenigsten Krankenhäusern auf dem amerikanischen Kontinent. In vielen Regionen Lateinamerikas gibt es kein einziges Beatmungsgerät. Wenn die Fallzahlen dort deutlich steigen, bekommen die meisten schwer kranken COVID-19 Patienten so oder so keine ausreichende medizinische Betreuung. Gleichzeitig führt der Lockdown dazu, dass Menschen verhungern.
 

Die Kochtöpfe der Familie Gonzales sind zur Zeit häufig leer. Fotos: Boueke/Adveniat


„Viele Menschen sind verzweifelt“, sagt der guatemaltekische Sozialarbeiter Cesar Puac. „Corona hat den Bewohnern der ärmsten Viertel um Guatemala-Stadt alle Hoffnung genommen.“ Der schlanke Mann mit den typischen Gesichtszügen der indigenen Mayabevölkerung Mittalamerikas arbeitet in La Comunidad, einem Stadtteil im Westen der guatemaltekischen Hauptstadt. Dort leben über siebzigtausend Menschen, die meisten in Armut, viele in extremer Armut.

„Besonders Eltern von kleinen Kindern machen sich Sorgen, nicht so sehr um das Virus, sondern um die Ernährung. Sie wissen nicht mehr, was sie den Kleinen zu essen geben sollen. Der seelische Druck kann zu einer schwerwiegenden Depression führen, aus der sie nicht mehr heraus kommen.“
 

So hilft Adveniat in Guatemala

Wie viel? Adveniat hat in Guatemala in den letzten Woche bereits mit 235.800 Euro Nothilfe geholfen. Jedoch erreichen die Projektreferenten fast täglich weitere Projektanträge und Hilferufe.

Womit? Die Adveniat-Hilfe in Guatemala konzentriert sich auf den Kauf von Lebensmitteln, Hygieneprodukten und Schutzmasken, aber auch auf Aufklärungsarbeit sowie den Kauf von Saatgut für Anbauprojekte in kleinerem Rahmen zur Sicherstellung der Ernährung der Menschen.

Wem? Die Hilfe kommt vor allem der armen Landbevölkerung zugute, sowie Müttern mit Kleinkindern und Menschen in armen städtischen Ballungsgebieten. Adveniat arbeitet bei der Verteilung der Hilfsgüter mit langjährigen Partnern zusammen wie der Ordensleutekonferenz oder direkt mit den Pfarreien vor Ort.


Der vierzigjährige Auvilio Gonzales hätte den Kampf gegen die Depression fast verloren. Er hatte versucht, sich umzubringen. Allein die Tatsache, dass sein Sohn im richtigen Moment hereinkam, hat ihn vor dem Tod gerettet. "Warum? Weil ich nicht wusste, wie es weiter gehen soll", sagt Gonzales.

Die Holzhütte der Familie Gonzales steht direkt neben dem steilen Abhang im Norden von La Comunidad. Keine zehn Meter Luftlinie entfernt, aber mindestens dreißig Meter tiefer, fließt ein verschmutzter Bach. Der Geruch nach Kloake dringt bis nach oben durch die vielen Ritzen zwischen den vermoderten Brettern der Hüttenwände. „Gestern wollte ein Freund auf der Straße von mir wissen, wieso ich das getan habe. 'Vergiss diese Gedanken', sagte er. 'Denk lieber an deine Frau und deine Kinder. Wenn du dich umbringst, hast Du vielleicht Ruhe, aber was bleibt zurück? Deine Frau muss sich um die Beerdigung kümmern und alles bezahlen.' Er hat ja recht.“
 


Don Auvilios Frau, Maria Luisa, ist wütend auf ihren Mann. Sie kann nicht verstehen, warum er sie gerade jetzt mit den Kindern allein zurücklassen wollte: „In dieser Krise musst du doch alles für deine Kinder tun. Sie dürfen keinen Hunger leiden. Dafür sind sie noch viel zu klein. Irgendwo kann man immer etwas zu essen auftreiben. Obwohl, manchmal haben wir auch gar nichts. Dann fühlt man sich krank, zu kraftlos um weiter zu kämpfen.“

Hälfte der Kinder in Guatemala auch vor Corona schon chronisch unterernährt

Viele Epidemiologen erwarten, dass sich die Epizentren der Pandemie vom Norden des Globus in den Süden verschieben werden. Anfangs haben die meisten Regierungen in Lateinamerika kopiert, was die reichen Länder in Europa vorgemacht haben. Doch eine Strategie, die in Deutschland funktioniert, lässt sich nicht einfach auf ein Land wie Guatemala übertragen, wo fast die Hälfte der Kinder chronisch unterernährt ist. Die Aussicht einer Hungersnot wirft einen Schatten auf das Argument, die Infektionskurve müsse durch einen Lockdown abgeflacht werden. Gut möglich, dass die wirtschaftlichen Konsequenzen der Krise in Lateinamerika weitaus tödlicher sein werden als das Virus selbst. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen warnt gar vor „Hungersnöten biblischen Ausmaßes“.
 

für die Menschen in Lateinamerika in der Corona-Krise

Nothilfe ist nötig in Guatemala. Viele Menschen haben keine Grundnahrungsmittel mehr.


Mediziner fürchten, dass ein massiver Ausbruch von Covid-19 in Lateinamerika sehr viel tödlichere Folgen haben könnte als in Europa oder den USA. Die Krankenhäuser sind nicht vorbereitet, weil die öffentlichen Investitionen im Bereich Gesundheit schon immer viel zu gering waren. 2017 gaben die Staaten Lateinamerikas nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation pro Kopf 1076 Dollar aus, weniger als ein Fünftel der Investitionen in Deutschland. In Guatemala lag diese Summe bei nur 240 Dollar. „Wir sind nicht gut ausgerüstet“, klagt die Krankenschwester Ludvi Santos in dem Gesundheitsposten von La Comunidad. „Vor allem bekommen wir zu wenig Medikamente, obwohl wir ständig Kleinkinder sehen, die unterernährt sind. Da können wir nicht viel machen. Wir sind darauf angewiesen, dass die Eltern zu Hause genug zu Essen haben. Aber das hatten viele schon vor der Krise nicht. Jetzt wird das Problem noch größer, weil so viele Erwachsenen ihre Arbeit verloren haben und die engen Hütten nur noch selten verlassen.“

Die Kirche hilft den Menschen mit Lebensmitteln

Keine zweihundert Meter von der Gesundheitsstation entfernt steht die Kirche des Heiligen Petrus Nolasco. Vor der Eingangstür hat Pater Abel Villegas einen Schreibtisch aus Blech auf den staubigen Boden gestellt. Er registriert die Namen hilfsbedürftiger Menschen, die in der Hoffnung auf Unterstützung zu ihm kommen. "Wir sind hier in einer sehr armen Gegend. Zur Zeit gibt es keinen öffentlichen Transport. Was machen die Leute in dieser Situation? Sie bleiben zu Hause. Wir als Kirche versuchen zu unterstützen, soweit wir können.“

Pater Abel Villegas registriert bedürftige Familien in dem Armenviertel La Comunidad.

La Comunidad gilt als gefährliche Gegend. Je mehr Menschen Hunger leiden, desto größer ist die Gefahr. Auch für diejenigen, die helfen wollen. „Es gibt hier Leute, die jemanden töten, um essen zu können“, sagt der Priester. „Viele von uns haben Angst, in die engen Gassen zu gehen. Plötzlich wirst du überfallen und dein Leben ist in Gefahr. So können wir die ärmsten Familien nicht erreichen. Sie müssen zu uns kommen.“

Zwei Tage später. In einem Saal neben dem Gebäude der Kirche des Heiligen Petrus Nolasco stapeln sich Säcke und Kisten voller Lebensmittel. Pater Abel Villegas bringt Ordnung in das Chaos: „Mit diesen Spenden können wir etwa vierhundert Familien helfen. Sie bekommen Grundnahrungsmittel und Sachen wie Seife, Chlor und Toilettenpapier. Das ist unsere Antwort auf diese Krise, um den Menschen zu helfen, die am Rand der Gesellschaft leben.“

Die Nachricht, dass die katholische Kirche Nahrungsmittel ausgibt, hat sich schnell herumgesprochen. Hunderte ungeduldiger Menschen sind gekommen, unter ihnen ein älterer Mann mit eingefallenen Wangen und tiefen Augenhöhlen. „Wenn du hörst, dass es irgendwo Hilfe gibt, dann gehst du hin. Wir alle werden immer ärmer, weil wir nichts verdienen können. Zur Zeit ist es besonders schwierig, zu überleben.“
 

für die Menschen in Lateinamerika in der Corona-Krise

Bei der Nahrungsmittelausgabe halten sich viele verzweifelte Menschen nicht an die Abstandsregeln. Die Polizei muss einschreiten.


Viele der Wartenden bei der Lebensmittelausgabe werden leer ausgehen

Viele der Wartenden vor dem Eingangstor der Kirche des Heiligen Petrus Nolasco stehen nicht auf der Liste des Paters. Vermutlich werden sie leer ausgehen. Alle Wartenden tragen eine Schutzmaske, doch die wenigsten achten auf Abstand. Ein Polizist fordert sie zur Ordnung auf. „Es tut mir weh, all diese hungrigen Menschen zu sehen“, sagt der uniformierte Mann. „Aber trotzdem müssen wir uns an die Vorgaben halten. Ich verstehe ja, dass sich die Leute schwer damit tun. Das ist keine Frage der Disziplin sondern der Verzweiflung, weil sie nichts mehr zu Essen haben.“

Zwei Stunden später trägt Maria Luisa eine Kiste voll gespendeter Lebensmittel in die Hütte ihrer Familie. Sofort setzt sie Wasser auf, um eine Nudelsuppe zu kochen. Gewürze hat sie keine mehr, nur ein wenig Salz und gemahlene Kräuter, die ihre Tochter auf dem steilen Hang hinter der Hütte gepflückt hat. „Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise sind viel schlimmer als die gesundheitlichen“, sagt Maria Luisa. „Es gibt keine Arbeit, keine Nahrung. Nichts. Wenn wir nicht bald wieder ein Einkommen haben, dann wird es hier Hungertote geben.“
 

Lateinamerika hat sich zum Epizentrum der Corona-Pandemie entwickelt. Während in Europa die Infektionszahlen zurückgehen, steigen sie in Lateinamerika rasant an. Gemeinsam mit seinen Projektpartnern hat Adveniat bereits mehr als 5,6 Millionen Euro als Nothilfe geleistet, um die Menschen medizinisch, sowie mit Lebensmittel- und Hygienekits zu versorgen. Mehr dazu


"Ohne Nahrung fühlt man sich hungrig und müde. Die Haut wird grün."

Auvilio Gonzales schaut zufrieden in den Kochtopf voll Nudeln. In den letzten Tagen hat ihm der Hunger ziemlich zugesetzt. „Man fühlt sich kraftlos und müde. Die Haut wird grün. Wenn du lange nichts isst und immer nur Wasser aus dem Hahn trinkst, dann siehst du irgendwann ein helles Licht vor Augen. Du bist zu schwach, dich zu bücken."

Mit den ersten Löffeln Suppe kommen die Lebensgeister zurück in den vierzigjährigen Körper, dessen Gesicht so aussieht wie das eines alten Mannes. Nach und nach blinkt wieder ein wenig Hoffnung aus seinen Augen. „Wer weiß, wie lange diese Krise noch dauern wird? Aber wenn wir alle unseren Beitrag leisten, so wie es die Regierung sagt, wenn wir alle immer eine Maske tragen, dann wird es mit der Hilfe Gottes hoffentlich bald besser. Unser Präsident hat verlangt, dass wir alle mitmachen und Mund und Nase bedecken. So muss es sein. Denn wer will schon sterben? Niemand.“

Text: Andreas Boueke/red