Corona-Krise in Lateinamerika
Der Kontinent wird zum Epizentrum

Lateinamerika hat sich zum Epizentrum der Corona-Pandemie entwickelt. Während in Europa die Infektionszahlen zurückgegangen sind, steigen sie zwischen Mexiko und Argentinien und in der Karibik weiter deutlich an. Die Zahl der Infizierten hat die fünf Millionen überschritten, mehr als 200.000 Menschen sind an oder mit dem Virus gestorben. Das Lateinamerika-Hilfswerks Advenist hat im Zusammehang mit der Pandemie inzwischen 324 Projekte mit 5,6 Millionen Euro unterstützt. 

Brennpunkt der Pandemie in der Region ist nach wie vor Brasilien. Bis zu 50.000 steckten sich jeden Tag neu mit dem Erreger an. Mittlerweile ist Brasilien mit mehr als drei Million Infizierten und über 100.000 Toten das neue globale Zentrum der Krankheit. Alle zwei Wochen verdoppeln sich die Totenzahlen. Nur die USA haben mehr Erkrankte, nur Großbritannien, Italien und die USA mehr Tote. In vielen Städten Brasiliens arbeiten die Hospitäler an der Belastungsgrenze. Die Behörden richten provisorische Kliniken in Fußballstadien ein und lassen Friedhöfe anlegen.

Präsident Bolsonaro bleibt ignorant

Doch Präsident Jair Bolsonaro hält an seiner ignoranten Politik fest. Am Pfingstwochenende zeigte er sich erneut ohne den erforderlichen Mundschutz. Bei einem Imbiss-Besuch nahe der Hauptstadt Brasília umarmte er seine Anhänger und machte Selfies mit ihnen. Bolsonaro hält die Lungenkrankheit Covid-19 für eine „leichte Grippe“, lehnt Schutzmaßnahmen ab und drängt darauf, die Wirtschaft wieder zu öffnen.

für die Menschen in Lateinamerika in der Corona-Krise

Die Zahl der Toten in ganz Lateinamerika ist auf über 250.000 gestiegen. Mehr als sechs Millionen Infektionen sind in der Region registriert. Längst sind nach Einschätzung von internationalen Gesundheitsorganisationen Länder wie Peru, Ecuador, Chile und vermutlich bald auch Mexiko ähnlich wie Brasilien an der Grenze der Kapazität ihrer Gesundheitssysteme. Die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) erwartet, dass die Pandemie zunächst mindestens auf dem aktuellen Niveau bleiben wird. Die Epidemiologin Ana Diez Roux von der Drexel-Universität (US-Bundesstaat Pennsylvania) ist überzeugt: „Wir werden noch wesentlich mehr Tote als bisher sehen.“ 

Armut, verantwortungslose Regierungen und schlecht ausgestattete Gesundheitssysteme

In der Region kommen gleich mehrere Probleme zusammen, die eine starke Ausbreitung der Lungenerkrankung begünstigen. Die große Armut gepaart mit prekären und engen Wohnverhältnissen von Millionen Menschen lässt die notwendige Distanz nicht zu. Verantwortungslose Regierungen sowie schlecht ausgestattete öffentliche Gesundheitssysteme kommen hinzu. 2017 gaben die Staaten Lateinamerikas nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) pro Kopf umgerechnet 968 Euro für Gesundheitsversorgung aus. In Europa lag diese Zahl mehr als drei Mal so hoch. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis Corona in Lateinamerika diese verheerende Auswirkungen haben würde“, betont Epidemiologin Diez-Roux. 

Gleichzeitig steigt aber der Druck auf die Regierungen, die strengen Ausgangssperren und die Beschränkungen der ökonomischen Aktivitäten zu lockern. Denn die fragilen Volkswirtschaften drohen nach mehr als zwei Monaten Quarantäne zu kollabieren. Vor allem die Millionen Lateinamerikaner, die ohne soziale Absicherung und von dem leben, was sie täglich erarbeiten, wollen nicht länger zuhause bleiben. „Wenn uns nicht das Virus tötet, tut es der Hunger“, kritisieren die Menschen. 

Trotz 3.000 Neuinfektionen läuft in Mexiko die Arbeit wieder an

So dürfen in Mexiko seit dem 1. Juni die Bauwirtschaft, Teile der Automobilindustrie, der Bergbau und ausgesuchte Lebensmittelproduzenten wie Brauereien die Arbeit wieder aufnehmen. Auch einige Dienstleister wie Frisöre kehren mit verkürzten Öffnungszeiten zurück. Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador, der Covid-19 nie wirklich ernstgenommen hat, erklärte dieser Tage, Mexiko habe das Virus gebändigt. Er reist auch wieder durchs Land. Dabei verzeichnet Mexiko pro Tag derzeit mehr als 3.000 Neuinfektionen, mittlerweile sind mehr als 10.000 Menschen an der Lungenkrankheit gestorben. 

Adveniat hat 2,5 Millionen Euro für Projekte im Kontext der Corona-Krise in Lateinamerika und die Versorgung der armen Bevölkerung, die unter den Folgen dramatisch leidet, mit Lebensmitteln bereitgestellt. „Das Virus breitet sich inzwischen auch von Mexiko bis Feuerland rasant aus“, berichtet Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Michael Heinz.

In Brasilien hat der Bundesstaat São Paulo, das Zentrum der Industrie und Wirtschaft, die Restriktionen gelockert. Seit Montag öffnen nach und nach wieder Büros, Geschäfte und Einkaufszentren, während die Belegung der Intensivbetten der Krankenhäuser noch immer 83 Prozent beträgt, wie Gouverneur João Doria bestätigt. Auch Venezuela lässt wieder erste wirtschaftliche Aktivitäten zu.

Chile: Auf die Öffnung von Shopping-Malls folgt Ausgangssperre

Aber vorschnelle Lockerungen können wie in Chile verheerende Auswirkungen haben. Dort öffneten die Behörden zum Beispiel in der Hauptstadt Santiago vorzeitig Shopping-Malls wieder. Die Infektionen im Großraum der Hauptstadt stiegen daraufhin so dramatisch an, dass sich zeitweilig alles 24 Sekunden ein Mensch ansteckte. Inzwischen gilt in der chilenischen Hauptstadt wieder eine strikte Ausgangssperre. Nur mit polizeilicher Genehmigung darf das Haus verlassen werden. In der Folge kam es in mehreren Armenvierteln Santiagos zu Hungerprotesten, Plünderungen und Zusammenstößen mit der Polizei. Ähnliche Proteste werden auch aus Ecuador gemeldet. 

Keine Weltregion wird von den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie so hart getroffen wie Lateinamerika. Die Volkswirtschaften werden in diesem Jahr um 5,3 Prozent schrumpfen, wie die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL) berechnete. Der Einbruch in der Wirtschaftskraft werde 29 Millionen Menschen in die Armut reißen. Ende dieses Jahres werden dann 215 der 629 Millionen Lateinamerikaner in Armut leben, mehr als 83 Millionen von ihnen in extremer Armut. 

Text: Klaus Ehringfeld