Corona-Krise in Lateinamerika
Wie die Region auf Covid-19 reagiert

Das Coronavirus hat mittlerweile auch Lateinamerika erreicht. Die Infektionen steigen in manchen Ländern bereits dramatisch an, die Gesundheitssysteme sind kaum gerüstet und massiv unterfinanziert. In den Armenvierteln Südamerikas haben die Menschen in der Regel weder fließendes Wasser noch Seife oder gar Desinfektionsmittel. Ganz zu schweigen von der Perspektive jemals in ein Krankenhaus zu kommen oder in irgendeiner Weise ärztliche Hilfe zu bekommen. Dabei ist die Ansteckungsgefahr und damit die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Virus schnell und radikal ausbreiten wird, in den Vierteln um ein Vielfaches höher, da die Menschen auf engstem Raum leben.

In vielen lateinamerikanischen Ländern ist das Gesundheitssystem ohnehin in einem sehr maroden Zustand. Schwerkranke Patienten warten teilweise Tage auf dem Krankenhausflur auf ärztliche Hilfe. - Die Corona-Pandemie wird den Kontinent schwer treffen. (Symbolbild) Foto: Escher/Adveniat


200 Millionen Arme in besonders großer Gefahr

Cleonice Gonçalves erreichte erst nach ihrem Tod Berühmtheit. Die Hausangestellte, die 63 Jahre alt wurde, ist die mutmaßlich erste Corona-Tote in Brasiliens Metropole Rio de Janeiro. Sie wurde aller Wahrscheinlichkeit nach von ihrer Arbeitgeberin angesteckt, die den Karneval in Italien feierte und von dort das Virus mitbrachte und es an ihre Angestellte weitergab.

Der Tod von Gonçalves zeigt, wie schnell sich das Virus auch unter den Ärmeren und Armen verbreiten kann, und wenn man Brasiliens Favelas sieht, in denen oft tausende Menschen dichtgedrängt auf engstem Raum leben, dann kann man ahnen, was Brasilien und was anderen Staaten Lateinamerikas droht, wenn Corona hier richtig zu wüten beginnt. Schließlich leben in der Region rund 200 Millionen Menschen in Armut.
 


Virus hat Lateinamerika schon fest im Griff

Seit gut einer Woche hat das Virus nun auch Lateinamerika fest im Griff. Und die Zahlen der Neuinfektionen und Toten steigen in einigen Ländern dramatisch an, wenn sie auch noch überschaubar sind im Vergleich mit manch europäischem Staat und den USA. Aber die Gesundheitsbehörden zwischen Argentinien und Mexiko weisen immer wieder darauf hin, dass die Region zeitlich rund einen Monat hinter Europa hinterher ist.

Erst am 26. Februar wurde in Brasilien der erste Fall in der Region bestätigt. Mittlerweile befindet sich der Subkontinent aber schon in Phase 2 der Ansteckungen. Das heißt, von jetzt an haben sich die Erkrankten nicht nur außerhalb der Landesgrenzen infiziert, sondern von nun an sind fast überall auch Ansteckungen innerhalb des Landes nicht mehr zu vermeiden. So wie es bei der Haushälterin Cleonice Gonçalves in Rio leider geschehen ist.
 

100.000 Euro Adveniat-Soforthilfe für Corona-Krise in Lateinamerika

Adveniat stellt in einem ersten Schritt 100.000 Euro als Soforthilfe zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in Lateinamerika bereit. „Das Virus breitet sich inzwischen auch von Mexiko bis Feuerland rasant aus“, berichtet Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Michael Heinz. Mehr zur Hilfe von Adveniat


Brasilien besonders schwer getroffen - Präsident überblickt Lage nicht

Am härtesten ist tatsächlich Brasilien betroffen, wo der Präsident die Pandemie aber am längsten ignoriert hat und drastische Maßnahmen noch immer für völlig falsch hält. Corona, so behauptet der Rechtsradikale Jair Bolsonaro, sei doch nichts weiter als eine „kleine Grippe“. Allerdings sind daran bis zum Sonntag in Lateinamerikas größtem Land 136 Menschen gestorben, 4256 hatten sich infiziert. Dessen ungeachtet wütet Bolsonaro gegen die Gouverneure, die über ihre Bundesstaaten drastische Maßnahmen wie Ausgangssperren verhängen, und behauptet, sie wollten Brasilien „ruinieren“. In einem auf Facebook verbreiteten Video riefen er und sein Sohn Flavio die Bevölkerung auf, ihrem Alltag trotz der Pandemie weiterhin nachzugehen.

Doch Bolsonaro trifft zunehmend auf Widerstand: Ein Gericht in Rio untersagte am Samstag Regierungsvertretern, Informationen zum Coronavirus ohne wissenschaftliche Grundlage zu verbreiten oder „agitatorisch“ einzusetzen. Demnach muss die Regierung offiziell erklären, dass die Kampagne „Brasilien darf nicht stillstehen“ wissenschaftlichen Kriterien nicht standhält.

Längst steigen der Ärger der Bevölkerung und die Besorgnis der Eliten über ihren starrköpfigen Präsidenten. Dieser Tage wurden die Führer der Streitkräfte bei Vize-Präsident Hamilton Mourão vorstellig, um ihr Missfallen zu hinterlegen. Die brasilianische Presse ist sich nicht einig, ob die Militärs den Ex-General Mourão nur baten, seinen Präsidenten einzubremsen oder schon über Szenarien der Ablösung Bolsonaros berieten. Klar ist aber, dass der Staatschef den Ernst der Lage nicht überblickt.
 


Fast alle Staaten Südamerikas Quarantäne ausgerufen

Das galt bis zum Wochenende auch noch für Mexikos Staatschef Andrés Manuel López Obrador. Fahrlässig lange hatte er die Gefahr von Corona klein geredet. „Wir wollen doch nicht übertreiben“, sagte er noch vor einer Woche. Sein Land wappne sich zwar gegen die Pandemie. „Aber wenn wir übereilte Entscheidungen treffen, schadet das nur der Wirtschaft und wir versetzen die Bevölkerung in Panik“.

So sind die Grenzen nach wie vor offen, Ausgangssperren kein Thema. Immerhin sind die Schulen geschlossen, und in Mexiko-Stadt dürfen Kinos, Kneipen und Kirchen nicht mehr öffnen. Am Samstag verschärften die Gesundheitsbehörden angesichts von 993 Infizierten und 20 Toten und einer exponentiellen Zunahme die Mahnung: „Bleibt zuhause, es ist die letzte Chance, die Pandemie zu verlangsamen“, warnte Vize-Gesundheitsminister Hugo López-Gatell.

Aber auch Chile mit 2139 Infizierten und sieben Toten, Argentinien mit 820 Infizierten und 20 Toten sowie Ecuador mit 1924 Infizierten und 58 Toten sind hart getroffen. Die Lage in Ecuador, drittkleinstes Land Südamerikas, ist besonders kritisch. Es hat pro Kopf mit Abstand die meisten Infizierten und Toten zu beklagen. Zum Teil liegt das an der engen Verbindung zu Spanien, wo Millionen ecuadorianische Migranten leben. Kolumbien verzeichnet mit seinen 702 Erkrankten und zehn Toten einen vergleichsweise weichen Verlauf. Aber überall außer Mexiko und Nicaragua gelten mittlerweile mehr oder minder rigide Quarantäne-Vorschriften.

 

für die Menschen in Lateinamerika in der Corona-Krise


„Unsere Region könnte sich in das größte Opfer von Covid-19 verwandeln"

Mediziner fürchten, dass ein massiver Ausbruch von Covid-19 in Lateinamerika noch tödlichere Folgen haben könnte als in Europa. Der Grund: Die Krankenhäuser und die Gesundheitssektoren sind darauf nicht vorbereitet, weil die Systeme aufgrund mangelnder Finanzierung erheblich unterausgestattet sind.

„Unsere Region könnte sich in das größte Opfer von Covid-19 verwandeln", warnt Miguel Lago, Direktor del Instituts für Studien zur Gesundheitspolitik in Rio de Janeiro (IEPS). Zum einen kämpfen viele Länder bereits mit Infektionskrankheiten wie dem Dengue-Fieber und Masern. Darüberhinaus bestehen große Unterschiede zwischen den öffentlichen und privaten Gesundheitssystemen. Vor allem die Patienten im öffentlichen Gesundheitssystem sind in fast allen Staaten mehr schlecht als recht aufgehoben.

Das liegt auch an den geringen Investitionen in Gesundheit. 2017 gaben die Staaten Lateinamerikas nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation pro Kopf 1076 Dollar aus. In Europa lag diese Zahl mehr als drei Mal so hoch. Daher müsse man damit rechnen, dass die öffentlichen Gesundheitssysteme zwischen Mexiko und Argentinien in den kommenden Wochen größere Probleme bekommen als diejenigen in Spanien und Italien, warnt der ehemalige Gesundheitsminister Kolumbiens, Alejandro Gaviria.

Text: Klaus Ehringfeld